NZZ Folio 11/02 - Thema: Humor   Inhaltsverzeichnis

Humorexperiment Nr. 5

Wolfgang Bortlik will Thomas Maurer zum Lachen bringen. Schafft er es?

Von Wolfgang Bortlik und Thomas Maurer

Wolfgang Bortlik:

Allerseelen. Rosenresli zupft nicht nur an meinen Nabelhaaren. «Du bist übrigens im Gespräch für den Büchnerpreis der Goethestiftung», sagt er plötzlich. Ich erhebe mich überrascht. Rosenresli muss es wissen. Er ist Abteilungsleiter Literatur bei der Pro Cultura. Dabei hat Emilia gemeint, dass Walter Franz den Preis abholen würde. Weil der ja jetzt mit dieser Anna Karina von der Landesausstellung schiebt. So wenig glaubt die Pressefrau meines Verlages an mich. Puh! Walter Franz! Was hat der ausser sechs autobiographischen Romanen zu bieten? Gut, er bekleidet eine Honorarprofessur in Problembelletristik und spielt Pelota mit dem Schweizer Botschafter in Berlin, aber sonst . . .

Während Rosenresli immer noch herumzupft, greife ich mir den Ausriss aus der «Zuger Zeitung», der immer auf dem Nachttischchen liegt: «Ein trotz aller Melancholie hoffnungsfroher Roman und nichts weniger als ein Plädoyer für das friedliche Zusammenleben aller Rassen, Generationen und ökonomischen Daseinsformen.» Das hat der Horla über mein neues Werk geschrieben. Der muss es wissen, denn er ist der Grandmaster Flash der Jurasüdfussliteratur. Ich muss mir heisse Tränen über seine so wahren wie wahrhaftigen Worte abwischen. Rosenresli putzt sich auch.

Marie-Luise schimpft anderntags, dass ich wieder mit einem Mann im Bett gewesen sei. Aber was kann ich für meine Potenz? Ich meine naturellement meine poetische Potenz, mein schriftstellerisches Leistungsvermögen. Denn ich kriege womöglich den Büchnerpreis der Goethestiftung, und Walter Franz geht leer aus. Marie-Luise meint, dass in der Kulturredaktion des Fernsehens, allwo sie literarisch supervisiert, die Mehrheit auf mich steht. Nett! Eine starke Minderheit allerdings findet den Bäderpoeten Werner Wibblich speziell cool. Ich habe sein Bändchen «Mein Schwanz im Schwefel schwindend» gelesen, könnte gut sein, dass dermassen sensible Lyrik den Büchnerpreis abholt. Marie-Luise umarmt und wiegt mich und flüstert in mein haltloses Schluchzen hinein, dass ich dann halt beim Lessingpokal der Adolf-Nuschel-Stiftung zuvorderst stünde. Mir ist aber so gar nicht mehr nach Stehen zumute.

Während sie sich entkleidet, sagt mir Emilia, dass das Literaturhaus Stilli angerufen habe. Man habe dort gehört, dass ich die Kafkamedaille der Betonwerke Holderbank kriege, und sei nun stark an einer Writer’s Residence meinerseits interessiert. Dann sagt Emilia, dass ich nach anderer Frau schmecken würde. Das Telefon klingelt und rettet mich. Walter Franz ist am Apparat. Was will die Ratte? Mit dem Büchnerpreis der Goethestiftung und Anna Karina im Rücken könnte er mich fertigmachen. Ich gratuliere der falschen Schlange trotzdem zu seinem Essay über die Rolle von Tod und Verzweiflung in der humoristischen Literatur des Glarnerlandes: «Diese Geschichte vermisst die Schwundstrecke verglimmender Lebensbeteiligung», sage ich, und Walter Franz sagt sehr leise, er habe gehört, dass ich im Gespräch sei um den Cabaret-Voltaire-Orden der Stadt Zürich. Er gratuliere mir schon mal im Voraus.

Rosenresli fragt schmachtend, ob mir ein Werkjahr der Pro Cultura helfen würde, meine poetische sowie andere Potenz wiederzuerlangen. Ich seufze zart. «Natürlich würde es das, mon cher. Ich habe da auch schon ein Projekt. Mein nächster Roman wird das gesamtgesellschaftlich so drängende Problem der sexuellen Korruption geisseln.»

Wolfgang Bortlik ist Satiriker und Schriftsteller. Er lebt in Basel.



Thomas Maurer:

Ich bin, ähm, leise schockiert. Die Schweiz, die literarische zumindest, ein einziges dampframmelndes Gomorrha. Wer hätte das gedacht? Und: Ob das wohl stimmt? Meine persönlichen Erfahrungen mit dem Preiseeinheimsen und Geschlechtsverkehrtreiben lassen mich zwar an der Stichhaltigkeit des Dargestellten mehr als nur sacht zweifeln, aber ich kenne die Schweiz auch nur oberflächlich. Vielleicht lassen sich dortzulande ja wirklich Literaturabteilungsleiter schalkhaft «Rosenresli» rufen, vielleicht gilt dort das «Zupfen» an «nicht nur den Nabelhaaren» ja als diskutable sexuelle Praktik und das augenzwinkernde Herumreiten auf der, höhö, schweinischen Nebenbedeutung des Verbums «stehen» als satirisches Glanzlicht. Für diese Sichtweise spricht, dass der Text sich durchaus liest, als wäre der Autor nicht so recht bei der Sache gewesen. Wenn einem auch alle Augenblicke wer an den Hosenschlitz geht!

Kein Wunder, dass unter solchen Arbeitsbedingungen «Die Rolle von Tod und Verzweiflung in der humoristischen Literatur des Glarnerlandes» zunächst ein «Essay», bereits im nächsten Satz aber eine «Geschichte» ist und eine vor Originalitätswollen krampfgeäderte Formulierung wie «Grandmaster Flash der Jurasüdfussliteratur» schon eine Art Höhepunkt. Um in der verwendeten Genitalmetapher zu bleiben: Wer sein Organ dermassen strapaziert, braucht sich nicht zu wundern, wenn dabei nicht immer eine triumphale Ejakulation das Resultat ist, sondern manches eher wie eben mal schnell hingeseicht wirkt.

Um aber das Positive nicht unerwähnt zu lassen: Über die «Kafkamedaille der Betonwerke Holderbank» musste ich wirklich kurz grinsen. Den avisierten Roman, welcher das «gesamtgesellschaftlich so drängende Problem der sexuellen Korruption geisseln» soll, werde ich aber, glaube ich, nicht lesen. Der obige Kurztext war mir persönlich Geissel genug.

Thomas Maurer war der Verfasser des Textes unbekannt.


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