NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Was wäre, wenn ich nicht Bundesrat geworden wäre

Von Moritz Leuenberger
Nein, ich male mir nie einen Lebensweg aus, den ich nicht gegangen bin, weil ich überzeugt bin, dass der Weg kein anderer hätte sein können, nicht nur wegen der äusseren Umstände, auf die ich keinen Einfluss hatte. Auch meine eigenen freien Entscheide traf ich immer unter bestimmten Einflüssen, solchen von aussen oder solchen, die in eigenen Überlegungen oder Stimmungen begründet waren. Müssig also, darüber zu sinnieren, ob ich mich gegen den elterlichen Widerstand für jenen Beruf, für den ich eine Weile schwärmte, hätte wehren sollen und ob ich mich überhaupt hätte durchsetzen können. Die damaligen Umstände waren eben derart, dass ich es nicht wagte.

Würde ich mein Leben nochmals leben, nähme es notwendigerweise wieder denselben Lauf. Ich habe Max Frischs «Mein Name sei Gantenbein» als Jugendlicher ­gelesen, und ich habe ihn so verstanden: Im Rückblick bereuen wir manchen Entscheid als falsch und verhängnisvoll, sei er nun spontan aus einer Laune oder nach reiflichster Überlegung erfolgt. Doch denken wir uns die genau gleiche Situation, in der wir damals entschieden haben, ergäben sich dieselben Vorbedingungen, dieselben Zwänge, unsere identische seelische Verfassung und daher auch unser gleiches Verhalten. Erst im Rückblick, erst im Wissen über die Folgen des Entscheides, erst nachträglich also, wissen wir, was wir anders hätten machen sollen. Damals wussten wir es nicht, oder wir wussten es und konnten oder wollten unser Wissen nicht umsetzen.

Gewiss sinniere ich hin und wieder wie Gantenbein darüber, was wäre, wenn…? Würde ich, wenn ich Schauspieler geworden wäre, es aushalten, unter irgendeinem Regisseur zu spielen? Käme ich mir, wäre ich Kabarettist, vielleicht wie ein Populist vor, weil ich ständig vereinfachen müsste? Müsste ich, hätte ich mich professionell in Sprache oder Philosophie vertieft, darunter leiden, gesellschaftliche Zusammenhänge und Wechselwirkungen zu analysieren, statt etwas zu bewirken? Wäre das nicht die bare Ohnmacht, verglichen mit den Kompromissen, von denen mein heutiger Beruf lebt? Oder: Wäre mein privates Leben wirklich näher beim Glück, wenn…? Doch das sind spielerische Träumereien, die sich nie zu einem Wunsch verdichten, nicht zu einem heimlichen und nicht zu einem öffentlichen. Denn das Leben hätte nicht anders kommen können. Nein, das ist nicht fatalistisch. Eine kritische Auseinandersetzung mit einem früheren Entscheid findet trotzdem statt, ja sie muss zwingend erfolgen. In der Rückschau erkenne ich tatsächliche Folgen eines Entscheides, die ich vorher gar nicht sehen konnte. Hinterher erkenne ich, warum ich mich damals falsch oder nicht optimal verhielt. Das ist Erfahrung, die in einer neuen ähnlichen Situation zu geschärftem Bewusstsein führt. Doch damals war diese Erfahrung eben noch nicht da, und sie hätte nicht anders sein können.

Meine Gedanken zurück kreisen also weniger um die Phantasie: Wenn damals…, sondern um das Suchen: Warum damals…?, damit ich, wenn ich künftig zurückblicken würde, wenn immer möglich sagen könnte: Wie schön war es, dass damals…

Moritz Leuenberger (SP) ist seit 1995 Bundesrat; er lebt in Zürich.

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