NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch   Inhaltsverzeichnis

Ist Superman Jude?

Zwei junge Juden erfanden 1938 «Superman». Bis heute spielen Juden in der Comicszene eine grosse Rolle. Der jüngste Star ist eine Katze, die den Talmud studiert und lügt. 

Von Katja Lüthge

Auf einem fernen, dem Untergang geweihten Planeten wird ein Baby von seinen Eltern in eine Raumkapsel gelegt. Dann illuminiert ein Feuerball das stockfinstere Weltall, Steinbrocken des explodierenden Planeten Krypton jagen der fliehenden Rakete hinterher. Aber sie gelangt an ihr Ziel, die Erde. Und tatsächlich wird dort das Baby von grundguten amerikanischen Farmern gefunden und aufgezogen.

Seine «leiblichen Eltern» aber, es handelt sich bei dem Baby um «Superman», waren jüdisch. Angesichts der Geburtsstunde ist das nicht unerheblich. Die Comicfigur «Superman» wurde 1938 in den USA von den beiden damals 24-jährigen Einwanderersöhnen Jerry Siegel und Joe Shuster geschaffen, vor dem Hintergrund des deutschen Faschismus.

Die ästhetische Qualität der Comics entspricht ihrem Zweck: Es ist Gebrauchsliteratur. Die Physiognomien sind oft grob, die Hintergründe meist flächig farbig. Der ungeheure Produktionsdruck, der auf den unter Akkordbedingungen schuftenden Comicautoren lag, machte fein komponierte Kunstwerke unmöglich. Dennoch entwickelten die in ein vorgegebenes Seitenschema gezwängten Bilder und Texte nicht zuletzt durch den beherzten Einsatz sogenannter Speedlines eine Dynamik, die den Blick des Lesers von Bild zu Bild durch die Geschichte trieb.

Der sofortige Erfolg von Superman verhalf einer ganzen Legion von kostümierten Helden mit übernatürlichen Kräften ins actionreiche Leben: Am populärsten wurde «Batman» von Bob Kane (geborener Khan) und Bill Finger; sehr beliebt waren auch «The Flash», «Captain Marvel» und «Wonder Woman» – alle erdacht und gezeichnet von jüdischen Immigrantensöhnen, keiner älter als 30. Superman war massgeblich für die Karriere eines bis dahin unbedeutenden Mediums verantwortlich: des Comic-Hefts. Die Herausgeber der Hefte buhlten um die Rechte an jedem halbwegs erfolgversprechenden Weltenretter, das goldene Zeitalter der Comics brach an: 1941 hatten 15 Millionen Comic-Hefte geschätzte 60 Millionen Leser. Sie waren Gelddruckmaschinen, von denen die angestellten Künstler allerdings kaum profitierten.

Bis dahin hatten die marktführenden Zeitungscomics der Familienunterhaltung gedient, Superman etablierte die Comics als Jugendmedium. Das grosse Bedürfnis nach Superhelden lässt sich erklären mit den Omnipotenzphantasien männlicher Jugendlicher. Selbst pubertär deformiert, bietet die Figur des linkischen Clark Kent mit seiner Geheimidentität als muskelbepackter und bewunderter Superman offensichtlich Trost.

Von den überwiegend jugendlichen Lesern wurden die Comics zu keiner Zeit als jüdisch wahrgenommen. Erst mit dem Roman «Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay» (2000), der fiktiven Geschichte zweier junger jüdischer Comic-Künstler, hat der amerikanische Schriftsteller Michael Chabon auf eine lange wenig bekannte Tatsache hingewiesen: Nicht nur die Erfinder von Superman hatten jüdische Wurzeln, die überwiegend in New York ansässige Comicindustrie insgesamt war von Juden geprägt. Es war die zweite Generation vor allem jüdisch-osteuropäischer Auswanderer, die hier ihr Auskommen fand. Ähnlich wie in den Pioniertagen der Film bot das junge, prosperierende Gewerbe den Neuankömmlingen Einstiegschancen, die ihnen in anderen Berufen verwehrt blieben.

Was die jüdischen Superheldenzeichner gemeinsam hatten, war die Erfahrung, am Rand der Gesellschaft zu stehen; der durch die Eltern vermittelte Verlust der ursprünglichen Heimat und die Bedrohung durch Hitlerdeutschland erzeugten eine Ohnmacht, der im Comic eine Einpersonen-Supermacht entgegengestellt werden konnte: ein moderner, industriell vervielfältigter Golem.


Aber wie jüdisch sind die Superhelden? Der Frage, ob Superman Jude war, Methodist (wie seine Adoptiveltern) oder kryptonischer Raoist (der Glaube seines Heimatplaneten), haben sich diverse Studien gewidmet – ohne eindeutige Antwort. So sollen Siegel und Shuster angeblich als Teenager donnerstags nicht an ihren Comics gearbeitet haben, weil Mama Shuster den Tisch für die Schabbat-Vorbereitung brauchte. Das mag eine Legende sein, Tatsache ist aber: Die beiden gaben ihrem Baby einen hebräischen Namen: Supermans kryptonischer Geburtsname lautet Kal El (Gott ist in allem). Und erinnert das Aussetzen des Säuglings in einer Rakete nicht an Moses im Weidenkörbchen? Eine andere, bittere Realität sieht der amerikanische Comicspezialist Arie Kaplan hier gespiegelt: die Kindertransporte aus dem faschistischen Deutschland.

Für die 2005 verstorbene Comiczeichnerlegende Will Eisner war der Fall eindeutig: Die Juden, die den Aufstieg des Faschismus erlebt hatten, hätten sich einen Superhelden gewünscht, «der sie beschützen konnte». 1940 zeichneten Shuster und Siegel tatsächlich die legendäre Folge «How Superman Would End the War», in der Superman Adolf Hitler vor ein Gericht zerrt mit dem Satz: «Ich würde dir gern einen eindeutig nichtarischen Faustschlag versetzen.» Superman, ein Nichtarier also, war aber vor allem eine uramerikanische Ikone, gerade im Kampf gegen den Faschismus. So warb der glühende Patriot Superman alsbald für Kriegsanleihen.

Es scheint, als hätten in den 1920er und 1930er Jahren viele Juden Europa nicht nur verlassen, um wirtschaftlicher Not und Unterdrückung zu entgehen. Viele setzten in der neuen Welt Scheuklappen auf und flüchteten sich in ein Paralleluniversum, in dem Helden mit übermenschlichen Kräften den Unterdrückten zu Hilfe kamen, während sich in Europa niemand für die Verfolgten einsetzte.

Für den amerikanischen Cartoonisten Jules Feiffer sind die Superhelden-Comics Ausdruck des typischen amerikanischen Traums aller Einwanderer: «Superman kam nicht von Krypton, er kam vom Planeten Minsk oder Lodz oder Warschau», schreibt er in seinem Essay «The Minsk Theory of Krypton». Superkräfte im Geheimen, aber im Alltag unscheinbar. «Superman war die ultimative Phantasie der Assimilierten.»

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endeten die goldenen Jahre für Superman, Batman, Captain America und all die anderen kostümierten Helden. Das Comicgewerbe geriet in eine zunehmend schärfer geführte Auseinandersetzung um das jugendgefährdende Potential der bisweilen recht blutigen Horror- und Detektivhefte. Der Psychologe Frederic Wertham wurde mit seiner Schrift «The Seduction of the Innocent» zum Kronzeugen der Anklage. Aus Angst vor Repression beschlossen die Comicverleger deshalb in einem Akt der Selbstzensur 1954 den «Comics Code», der alles Böse und Brutale aus den Heften verbannen sollte.

Harvey Kurtzman, in den 1950ern der kreative Kopf von «Mad», beschritt mit seiner neuen Form fröhlich-anarchischer Kulturkritik Pfade jenseits des Heftchen-Mainstreams. Er schlachtete heilige Kühe, machte sich über die McCarthy-Tribunale genauso her wie über TV-Serien und würzte die Texte zu allem Überfluss mit jiddischem Vokabular. Nun wurde das Medium Comic erstmals auch für junge Frauen attraktiv. Für Frauen wie die jüdische Prinzessin Diane Noomin und ihr Comic-Alter-Ego «DiDi Glitz» oder die spätere Frau von Robert Crumb, Aline Kominsky. Gerade auch ihre autobiographischen Arbeiten widerspiegelten das jüdische Milieu ihrer Herkunft. Am Ende dieser Epoche stand «Maus» von Art Spiegelman, eine Überlebensgeschichte zweier europäischer Juden (Spiegelmans Eltern), die explizit die Schrecken des Holocaust thematisierte. «Maus» war der einzige Comic, der jemals mit dem Pulitzerpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.

In den USA, so scheint es, dominiert in den Comics bis heute der ernsthafte Umgang mit dem Jüdischsein, mit der eigenen Geschichte. Immer wieder verweist man auf Art Spiegelmans Comics, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen. Jüdische Zeichner, die sich antijüdisch verhalten, stossen auf schärfste Kritik: Der amerikanische Medientheoretiker Douglas Rushkoff fordert in seinem Buch «Nothing Sacred» unter anderem, das Judentum und die Bibel wieder als «open source» wider die vermeintlichen Gewissheiten und Tabus zu begreifen und zu nutzen – eine offensichtlich unbequeme Vorstellung für die Vertreter des institutionalisierten Glaubens. Mit «Testament» legt er nun mit dem Zeichner Liam Sharp ein religionsphilosophisches Spektakel aus den Anfangstagen der Bibel vor – natürlich in Form eines Comics. Er lässt dort in einer Parallelwelt die Naturgötter gegen die Verkünder des Worts antreten, um die grossen Erzählungen auf Widersprüche zu prüfen.


In Europa hat in den letzten Jahren ein junger französischer Jude einen ganz eigenen Umgang mit seinem Jüdischsein gefunden: Bei Joann Sfar geht es lebensbejahend und fröhlich zu. Sfar ist bei seinen Grosseltern aufgewachsen, die ihn zwar nicht religiös erzogen, aber sein Interesse an der eigenen Herkunft weckten und ihn mit einer erstaunlichen Detailkenntnis der Kabbala, der jüdischen Mythologie, versorgten. Der Enkelgeneration von Holocaust-Überlebenden zugehörig, bedient sich der 1971 geborene Sfar sowohl aus dem Geschichtenfundus seiner jüdisch-osteuropäischen als auch, ungewöhnlicher, aus dem seiner jüdisch-maghrebinischen Vorfahren. Im Maghreb lebt zu Beginn des letzten Jahrhunderts «Die Katze des Rabbiners» (2001), ein Kater, der Jude werden möchte, um die hübsche Tochter des Rabbiners heiraten zu können. Der Kater erlernt die menschliche Sprache nach einem klassischen Sündenfall: Er meuchelt einen Papageien, leugnet aber den Mord dreist. Mit der Sprache kommt die Lüge in die Welt.

Der Kater prüft im Folgenden das Judentum genau so, wie es Douglas Rushkoff in «Testament» fordert. Zum Beispiel hinterfragt der Kater das naiv-allwissende Gebaren der Rabbiner oder das kritiklose Verhalten der Talmudschüler, das so weit weg ist von der jüdischen Dialektik: Der Kater folgt heimlich einem der nervtötend strenggläubigen Talmudschüler – in das arabische Viertel. Als er den Schüler verschämt aus einem Bordell herauskommen sieht, denkt sich der Kater: «Als ich ihn für kompromisslos und edel hielt, hasste ich ihn. Seit ich um seine Falschheit und seine Zwiegespaltenheit weiss, seit ich ihm zusehe, wie er zwischen Hormonen und Überzeugungen hin und her gerissen wird, mag ich ihn.» Sfar illustriert die Lust am Widerspruch: So ist es eben ein Wunder, dass die Katze spricht, aber gleichzeitig auch ein grosses Unheil, weil sie lügt.

Und wenn tatsächlich, wie der Rabbi der Katze erklärt, die abendländische Logik durch These, Antithese, Synthese gekennzeichnet ist, die jüdische Lehre hingegen durch These, Antithese, Antithese, Antithese – ja, dann ist dieser Kater ganz sicher ein guter Jude.

Die von Brigitte Findakly kolorierten Bilder Sfars zeigen ein fast schon lauschiges jüdisches Dasein in Algerien zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Freilich gibt es auch hier Ignoranz, Rassismus, Ausgrenzung, tödliche Auseinandersetzungen. Es wird wohl dennoch kaum einen Leser geben, der in dieser kleinen Welt nicht einen Sehnsuchtsort entdecken kann. Sfar skizziert nicht weniger als die Möglichkeit eines toleranten, von Respekt gegenüber dem anderen getragenen Zusammenlebens, das auf das Ertragen von Widersprüchen gerichtet ist und nicht auf die Gleichheit.

Dabei darf man vermuten, dass die Katze das Alter Ego ist, das ihr Schöpfer sich wünscht: Sie ist respektlos, komisch, integer, eigennützig, freigeistig, gebildet, taktlos, ungebunden – und hat einen sicheren Instinkt für die Vermeidung einfacher Wahrheiten. Ein Hoffnungsträger für verunsicherte Zeitgenossen, die sich nicht in die Hände religiöser Dogmatiker begeben möchten, sich aber doch nach Sinnstiftung sehnen. In Frankreich hat Sfar rund 500 000 Alben von «Die Katze des Rabbiners» verkauft. Ein erstaunlicher Erfolg für Comics mit explizit jüdischen Inhalten.

Mögen Comics in Israel noch immer als Medium für Analphabeten geringgeschätzt werden – in der Diaspora sind sie längst zu wichtigen Botschaftern jüdischer Kultur geworden.

Katja Lüthge ist Journalistin. 2005 kuratierte sie in Berlin die Ausstellung «Mit Superman fing alles an. Jüdische Künstler prägen den Comic».

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