Im Keller seines Hauses sitzt ein Mann und schreibt. Die kühle, im Dämmer liegende Schreibstube wohnlich zu nennen wäre stark übertrieben. Rein gar nichts findet der Blick, worin er sich versenken könnte. Kahle Wände und vis-à-vis ein schmuckloses Holzregal, Buchrücken, Papiere. Zwar gibt es ein Fenster, aber es gewährt keinen Ausblick - jenseits der Scheibe nichts als konturloses Grün. Der Kellermann hat sich von der Welt draussen abgekoppelt, sogar von der Zentralheizung; winters betreibt er hier unten seinen eigenen Holzofen, dessen anheimelnde kleine Explosionen ihn an Pfälzer Kinderwinter erinnern mögen. Jetzt, im Sommer, hat der Raum etwas von der Autarkie eines Luftschutzkellers.
Die Finger des Mannes spielen lautlos auf der Tastatur seines Computers. Es kommt vor, dass er acht, zwölf Stunden dasitzt und dass ihm hinterher, nach seinem Wiederaufstieg ins Erdgeschoss, in die Welt seiner Familie, die Kinder sagen, sie seien unten gewesen und hätten ihm zugesehen. Edwin Klein hat sie nicht bemerkt.
Dem Besucher kommen Fotos von Arbeitsplätzen anderer Schriftsteller in den Sinn. Waren da nicht immer grosse Fenster, die den Blick freigaben in Gärten, Landschaft, Weite? Und ist nicht jedem Schreibenden die Phantasie geläufig, unterm Dach, über den Dächern der andern, am liebsten in einem alten Leuchtturm zu sitzen? Wer ins Souterrain geht, um zu schreiben, muss ein Kellergeist sein.
Vor sechs Jahren, als Achtunddreissigjähriger, begann der Oberstudienrat und zweifache deutsche Meister im Hammerwerfen von 1972 und 1974, Edwin Klein, Romane jener Gattung zu schreiben, die Deutsche offenbar nicht schreiben können und für die es im Deutschen nur einen Anglizismus gibt - Thriller. Während des Gesprächs hat das Telefon geläutet. Ein wenig später sagt seine Frau: «Platz 21 auf der <Spiegel>-Bestsellerliste. Und das Honorar wird angewiesen.» Der Einmeterdreiundneunzigmann hat es wieder einmal geschafft.
Seine deutschsprachigen Kollegen Kriminalschriftsteller stehen in seiner Achtung nicht eben hoch. «Da wird immer noch Meier von Müller umgebracht, und Schmidt klärt auf, indem er den entscheidenden Hemdknopf findet, der drei statt zwei Löcher hat.» Ohnehin sind ihm Krimis langweilig. «Ich wollte dahin, wo es verschlungener zugeht, perfider.» Wie damals im Sport. Er hätte sich auch dafür entscheiden können, statt des Hammers, die Kugel oder die Scheibe zu werfen, aber es musste die härteste Disziplin sein. Bei der Frage, ob er beim Schreiben jemals abgehoben sei, muss seine Frau lachen. «Abgehoben? Dazu steht er doch viel zu fest auf der Erde.»
Nein, ein luftiger Phantast ist Edwin Klein nicht, eher Gräber im Untergrund, mitunter ganz wörtlich. Ein Informant, ein Tiefbauingenieur, hat ihm einen Plan der Frankfurter U-Bahn gezeigt, in dem ein über 500 Meter langer Blindstollen eingezeichnet war. Klein ist nach Frankfurt gefahren und hat den vermauerten Zugang mit den scheinbar funktionslosen und darum so auffälligen Dehnungsfugen zwischen den Kacheln gefunden. «Was ist hinter der Wand? Was wird in dem toten Tunnel verwahrt?» Edwin Klein spricht über das Geheimnis der Frankfurter Untergrundbahn und zugleich über sein zentrales Schreibmotiv: die Faszination über die Welt hinter der Wand, hinter dem Bildschirm, hinter dem monotonen Singsang der Abendnachrichten.
Edwin Klein sagt: «Ich habe eine gewisse Art, kriminell zu denken. Andere haben die Art, das real umzusetzen.» Es sei ihm so herum lieber. «Ich bin freier in der Gestaltung der Verbrechen als der Verbrecher.» Seine Methode könnte man fiktionalen Realismus nennen. Edwin Klein erfindet seine Geschichten nicht, er findet sie vor. Er umkreist sie so lange im Gespräch mit Informanten, bis er sicher ist: So könnte es sein. Dann geht er in seinen Keller und schreibt, das heisst, er verwischt die Spuren seiner Informationen, baut eine Handlung aus ihnen und schickt ein, zwei erdachte Hauptpersonen als menschliche Sonden in sie hinein. «Wenn der Leser stutzig wird und sich fragt, ist das jetzt real oder nicht, habe ich erreicht, was ich will.»
Reizvoll wäre es, Zeuge so eines Gesprächs mit Informanten - Nachrichtendienstlern, Geheimnisträgern, Funktionären einschlägiger Organisationen - zu sein. «Es fallen niemals Namen. Ich frage, aufbauend auf dem, was ich bereits weiss, ob dieser Mord, diese Geheimdienstaktion so oder so möglich wäre. Es werden Szenerien entworfen und besprochen.» Man kann sich ausmalen, wie der Autor mit den Praktikern der Macht über ihr stilles Handwerk fachsimpelt. Er will diese Leute nicht entlarven, er will einen Roman schreiben. Darum vertrauen sie ihm.
Allein zweihundert Gespräche mit Sportlern habe er für sein letztes Buch «Bitterer Sieg» geführt, sagt Klein. In diesem Thriller hat sich der ehemalige Hammerwerfer sein altes Milieu vorgenommen, die in mehr als einer Hinsicht mörderische Welt des internationalen Leistungssports, die sich selbst euphemistisch olympische Bewegung nennt und deren bekannteste Gesichter auf Plakaten für eine Welt ohne Drogen werben. Klein erwähnt es grinsend. Er beschreibt das alles als semikriminelles Perpetuum mobile, als Suchtkartell. An ihm haben alle teil: das Fernsehen, das für Senderechte Milliarden zahlt und dafür immer spektakulärer Bilder fordert und den Tod überforderter Sportler in Zeitlupe zeigt. Klein nennt das moderne Gladiatorenkämpfe. Sodann korrupte Sportverbandsspitzen, die den Sport und die Körper der Sportler meistbietend an Medien und Werbung verkaufen und den Sensationsdruck an die Sportler weitergeben. Schliesslich der Spitzensportler selbst, der bereit ist, sich medikamentös und hormonell zuzufügen, was sein Körper allein nicht zustande brächte. Im Hintergrund Drogengeld, das in den expandierenden Dopingmarkt fliesst, um dort vergleichsweise gefahrlos phantastische Renditen einzutragen. Endlich die Basis all dessen: der sensationsgierige sogenannte Sportfan, dessen immer kürzeres Gedächtnis für den Sieger von gestern und dessen Bedarf an immer verrückteren Siegen das mörderische Karussell treibt.
Dem gewöhnlichen Fernsehzuschauer muss das Kleinsche Pandämonium eines weltweit mafiös gelenkten, korrupten, dopingverseuchten Spitzensports recht absonderlich erscheinen. Hält sich der Autor noch an seine Maxime: Fiktion nicht als Phantastik, sondern als Totenmaske der Wirklichkeit? Wieviel ist real an seinem Dopingthriller? «Fast alles.» Er habe die Orte verlegt, wie immer, und die Geschlechter und Sportarten seiner Protagonisten vertauscht. Und als ob er diesmal ganz sicher gehen wolle, dass ja keiner die Wahrheit seiner Fiktion als Phantasterei missversteht, unterbricht er die Handlung immer wieder mit kleinen sachdienlichen Abhandlungen. Seinen Informanten habe er absolute Verschwiegenheit zusichern müssen. «In einigen Fällen habe ich mit meiner Unterschrift garantieren müssen, eine hohe Summe zu zahlen, falls ich etwas ausplaudere.»
Im Mittelpunkt des Buches steht ein Doping- und Vermarktungssyndikat, das Sportfunktionäre und Dopingärzte kauft, Spitzensportler mit Exklusivverträgen an sich bindet und die Widerspenstigen unter ihnen umbringen lässt. Kleins Augen triumphieren. «Die Organisation hat vor sechs Jahren den Dopinghandel unter ihre Kontrolle gebracht, indem sie einen ehemaligen Sportler der Polizei auslieferte, dessen Dopingring übernahm und gross ausbaute. Es ist eine Drogenmafia, die vom Handel mit harten Drogen auf Dopingsubstanzen umgestiegen ist. Die Profitspanne ist eher noch höher, die Polizei ist weniger scharf als bei Heroin, die Strafen sind milder, es gibt kaum Konkurrenz. Im Buch sitzt diese Organisation auf einer westkanadischen Halbinsel. In der Realität sitzt sie in San Diego.»
Was hat der Schriftsteller Klein mit dem Hammerwerfer gemeinsam? Die erstaunlich schlanken Hände - die sprachliche Nähe zum Amboss täuscht, ein Leichtathlet ist kein Handarbeiter - und den Erfolg. Als Edwin Klein zum erstenmal einem Hammerwerfer zusah, war er sechzehn und gleich fasziniert. «Er hat sich gedreht, sehr kompliziert, hat das Ding geworfen, es hat gezischt in der Luft, ist geflogen, eingeschlagen. Am nächsten Tag habe ich mir so einen Hammer bestellt.» Es war nicht nur die sinnliche Freude am Tanz mit dem Hammer, am Wurf. Damals lag der Rekord knapp über siebzig Meter. «Ich sagte mir: Du wirfst die siebzig. Du wirst Deutscher Meister.» Er wurde es. Als Athlet - aus alter Gewohnheit fällt er in die Sprache der Sportreporter - trainierte er neben seinem Studium fünf, acht Stunden täglich und mehr, sonntags die Hälfte.
Die Analogie zum Schreiben muss nicht gesucht werden. Klein kommt ganz übergangslos auf sie zu sprechen. «Da gibt es starke Parallelen. Wäre ich nicht Spitzensportler gewesen, würde ich heute nicht schreiben.» Er wollte nicht nur schreiben, er wollte ein erfolgreicher Schriftsteller sein, und das auf einem Terrain, das angeblich nur Engländer beherrschen. Eines Tages würde er auf der Bestsellerliste stehen, so wie er vor zwanzig Jahren auf dem Siegerpodest stand. Und er steht.
«Ich bin Egoist. Alle Leistungssportler sind Egoisten.» So schliesst sich der Kreis zu seinem Dopingroman, denn: «Doping beginnt im Kopf.» Der unbedingte Wille zum Sieg zieht die Bereitschaft nach sich, den Körper chemisch zu frisieren, wenn Training allein nicht mehr reicht. Auf die Frage, ob er selbst sich gedopt habe, hält der Sieger von einst und jetzt seine diplomatische Standardantwort bereit: «Ich habe nie gegen Dopingbestimmungen verstossen.»
Edwin Klein kommt auf sein Lieblingsthema: die kurze Zeit des Siegers an der Spitze, seine Austauschbarkeit und Ohnmacht gegenüber dem Apparat, den Funktionären. Weil dem so sei, mutmasst Klein, werde sich die Doping-Rekord-Spirale immer weiter drehen. Anabolika kann man eindeutig nachweisen. Also weicht der Sportler auf Hormone aus. «Die Labors stehen in Südkorea, Mexiko, Thailand. Eine Monatskur mit dem human growth hormon kostet sechstausend Mark. Was für eine Rendite für die Dopingmafia.» Es geht vorwärts, immer vorwärts. Rekorde müssen überboten, die Bilder von gestern durch neue, spektakulärere Bilder ersetzt werden. Es ist die moderne Trivialversion eines Satzes von Ernst Jünger: «Wo Bilder fallen, müssen sie durch Bilder ersetzt werden, sonst droht Verlust.» Edwin Klein ist in der glücklichen Lage, den Verschleiss der Bilder und Körper nur noch zu simulieren, in seinen Büchern, in seinem Keller.