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NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business Inhaltsverzeichnis
Wer wohnt da? -- Getarntes Dorfmuseum
© Heinz Unger
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| Die Küche des Hauses – wie aus einer anderen Welt und Zeit. |
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Ein ins Tessin geflohener Katholik? Ein älteres Lehrerehepaar im Stöckli?Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Aufgezeichnet von Gudrun Sachse
Die Psychologin
Alles ist naturbelassen, so wie es immer schon war, das Vorhandene wird gut genutzt und zur Geltung gebracht. Jemand hat sich liebevoll sein Refugium eingerichtet, eine Art Oase geschaffen, entschlackt vom Zivilisationsmüll.
Hier findet sich das Wesentliche: Tisch, Stuhl und Bett; auch die Steckdose hat in diesem wohnlichen Gemäuer ihren Platz, viel mehr braucht es nicht. Hat sich ein Stadtflüchtling seinen Ort des Rückzugs und der Ruhe geschaffen, kokettiert er mit mönchischer Zurückgezogenheit? Das Ganze wirkt funktional, praktisch und trotzdem sehr gemütlich. Gearbeitet wird in dieser Behausung eher nicht, man verweilt, kocht, schläft und geniesst es, weit weg von Lärm, Leuten und der «anderen» Welt zu sein.
Hat er – vermutlich ein Mann, weibliche Spuren sind nirgendwo zu entdecken – vielleicht Familie, ein betriebsames Leben und einen ebensolchen Beruf? Ist er ein engagierter Arzt, Lehrer oder sonst mit Menschen tätig, von denen er sich zwischendurch gerne verabschiedet?
Natürlich könnte es auch anders sein: Der Blick aus der Stube fällt auf eine neue Hausmauer, ganz in der Einsamkeit steht seine Hütte also nicht. Hat er familiäre Nachbarschaft neben seinem Stöckli, oder werkt und wirkt er eigenhändig im Nebengebäude kreativ vor sich hin?
Ausser ein paar ausgesuchten Bauernantiquitäten und einem modernen Bild braucht es keine Wohnaccessoires, das Gemäuer, die Holzbalken und die Möbel beleben diese Hütte zur Genüge. Einzig der moderne Postkartenständer im neuen Anbau fällt etwas aus dem Rahmen; hat hier noch ein zweiter Mensch Gast- oder Wohnrecht? Der Bewohner verweilt gerne hier, pflegt sein kleines Reich ohne Attitüde. Vermutlich ist er ein ruhiger, zufriedener Mensch, der es gut mit sich und seinen vier Wänden hat. Bei so viel Wohn-Gelassenheit hat er die Hälfte des Lebens wohl schon hinter sich.
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
In diesem Refugium wird Zeit konserviert. Die Räume scheinen von Sorgfalt und Demut, aber auch von einer Verwurzelung mit dem Ort und einem praktizierten katholischen Glauben zu erzählen. Wäre da nicht der Brotkorb neueren Datums, der Louis-XV-Sessel und der Sisalteppich, man könnte sich in einem Dorfmuseum wähnen.
Beim genauen Hinsehen fallen die Fenster auf. Sie wurden nachträglich eingebaut und sind vorbildlich isoliert. Die heutigen Bewohner haben investiert. Gut getarnt allerdings. Vielleicht ist das ein Feriendomizil eines Paares mittleren Alters. Ich vermute Architekten, Denkmalpfleger, Historiker oder Lehrer. Personen, für die die alten Werte die neuen Werte sind.
Der Tessinerstuhl im Vordergrund der Küche lässt vermeintlich auf die Region des Anwesens schliessen. Oder befinden wir uns im Wallis? Entspricht das Kruzifix an der Wand tatsächlich der religiösen Orientierung seiner Bewohner? Oder hat es dieselbe Aufgabe wie die Tischuhr und die alte Waage? Nämlich die, mit seiner Anwesenheit eine Geschichte aus einer anderen Zeit und einem anderen Leben zu erzählen?
Diese Räume müssen eine Tarnung sein. Ich vermute eine Zweitwohnung im Tal. Eine, die der Hektik und dem Alltag ausgesetzt ist. Eine Wohnung mit einer Garage und einem Kabelfernsehanschluss. Hier sind wir weiter oben, über der Nebelgrenze. Hier riecht die Rösti besser als unten im Tal. In solchen Räumen werden die grossen Lebenspläne geschmiedet.
Jörg Boner
Helen Güdel, Kinderbuchautorin
«25 Jahre lang war ich eine gute Tochter, 25 Jahre eine gute Ehefrau. Die nächsten 25 Jahre wollte ich nach meinen Vorstellungen verbringen. Ich zog allein nach Törbel ins Wallis.
Die Gegend kannte ich aus den Ferien mit meiner Familie. Vor über dreissig Jahren war ich das erste Mal hier. Damals hätte man mich auch in China absetzen können, beides war mir gleich fremd. Ich bin Städterin, in Zürich aufgewachsen, lebte in Paris und San Francisco und heiratete nach Bern. Je mehr Gassen, Häuser und versprayte Mauern, desto lieber.
Hier gab es wilde Berglandschaft, waren Bauern, die das Heu noch auf den Schultern in die Scheune trugen, und schwere schwarze Kühe, die einem das Fürchten lehrten. Die schwarzen, von der Sonne verbrannten Häuser mit den kleinen dunklen Wohnungen, in denen man sich bücken muss, um in den nächsten Raum zu gelangen, versetzten mich in eine andere Welt. Dazu kam die Sprache, die sich für mich in nichts vom Chinesischen unterschied. Französisch und Englisch lernte ich in no time. Aber um alle Törbijer wirklich zu verstehen, brauchte ich sieben Jahre. «Schrecken» zum Beispiel heisst ziehen, «zeugen» sich beeilen oder «heften» anbinden; das ist ja nicht unbedingt jedem Deutschsprechenden klar. Mich faszinierte vor allem ein Mann hier oben: Bauer Bruno. Über ihn munkelt man, er habe jemanden umgebracht, was sich natürlich als eines der unzähligen und unseligen Gerüchte des Dorfes erwies. Bruno inspirierte mich für meine Arbeit an Büchern und Bildern. Durch Bruno lernte ich mit Kühen, Maultieren und Geissen umzugehen. Ich habe sechs Geissen, die den Sommer auf der Alp verbringen und selbständig zurückkehren, wenn es ihnen dort verleidet.
In diesem Haus lebe ich seit zehn Jahren. Auf dem Steinofen steht die Jahrzahl 1597, so alt ist das Haus. Es liegt in einem nur von Tieren bewohnten Weiler ausserhalb Törbels. Ich liess nur das Nötigste renovieren, um die Atmosphäre der Räume nicht zu zerstören. Ich habe fliessendes Wasser und 12-Volt-Sonnenkollektoren. Mich beflügelt, wenig zu besitzen: Bett, Tisch mit Stuhl, Bilder und Bücher genügen.
Greifen Sie zu, es gibt Brot und Käse. Kochen und Essen sind für mich Zeitverschwendung. Abwaschen – furchtbar.
Die erste Zeit hier im Haus wurde ich von einem Klopfgeist heimgesucht. Ich fürchtete mich so sehr, dass ich ins Dorf zog. Dort riet man mir, den Pfarrer kommen zu lassen. Da ich weder getauft noch katholisch bin, fand ich das problematisch, aber über Vermittlung war der Pfarrer bereit, mir zu helfen. Er kam mit einem Gebetsbüchlein zum Exorzismus ins Haus und betete ein ganze Weile, bis uns ein lauter Knall im Fenster aufschreckte. War da wohl der Geist zur Hölle gefahren? fragte ich mich grinsend. Aber ob Sie es glauben oder nicht, mit dem Klopfen war es vorbei. Die ganze Gegend hier ist voller Mystik, Glaube und Aberglaube. Der Ort ist geladen mit Energie und lässt Gedanken und Erfahrungen zu, die man in einer Stadt nicht erleben kann.
Keiner meiner Tage gleicht dem andern, weshalb ich auch keinen Fernseher brauche. Ich arbeite nicht mehr viel in der Landwirtschaft, betreue aber noch die Ziegen vom Herbst bis zum Frühjahr und helfe im Rebberg. Das verschafft mir die nötige Bewegung als Ausgleich zum langen Sitzen im Atelier. Oft kommen mich Fremde besuchen, die wegen meiner Bücher den Ort kennenlernen möchten. Oder es kommt ein Anruf, unser Maultier sei abgehauen und müsse gesucht werden. Oder jemand müsse zum Arzt gefahren werden. Oder die Eselin wirft ein Junges. Oder ein Zicklein, das zu wenig Milch bekommt, muss mit der Flasche gefüttert werden. Auch möglich, dass jemand gestorben ist oder ein Kind geboren wurde. In diesem Dorf erlebt man den Lebenszyklus hautnah, was faszinierender ist als jeder Film.
Am Abend geniesse ich zuerst die Stille, das Alleinsein, die Musse. Vielleicht lese ich oder mache Skizzen zu Erlebtem – bei elektrischem Licht, ich bin nicht der Kerzentyp. Das Romantische in Törbel ist, dass ich nie fünf Minuten Luft habe. Ich lebe hier keinen Traum, ich möchte einfach viel über das Leben herausfinden. Ich habe hier das Gefühl, dem Sinn unseres Daseins immer etwas näher zu kommen. Ich bin nah dran, ihn zu begreifen, aber noch nicht so weit, dass ich ihn formulieren könnte.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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