La Russille, am 28. April 1993 Lieber Bernard Comment
Nicht sehr weit weg von hier, zwei Stunden zu Fuss vielleicht, drei, wenn man's gemütlich nimmt, befindet sich ein Ort mit dem hübschen Namen Mitte der Welt; am Rand einer einst sumpfigen Ebene, die zu Beginn des Jahrhunderts trockengelegt wurde, sich aber wegen verstopfter Drainageröhren, durch das Gewicht der Traktoren und infolge der unvermeidlichen Abnutzung jeder menschlichen Hervorbringung im Frühling und im Herbst in die überschwemmte Landschaft fernöstlicher Reisfelder verwandelt; eine Augenweide für uns und Grund zur Wut für die Bauern, die zusehen müssen, wie ihre Saat verfault und ihre Rüben den sich im Morast festfahrenden Maschinen entschlüpfen. Mitte der Welt: Zwei Wasserläufe, durch jahrtausendelange Auswaschung nur ein paar Meter voneinander entfernt, trennen sich nämlich da, der eine schlägt den Weg nach Norden, nach den holländischen Deichen ein, der andere den nach Süden, nach den Deltas von Marseille. So, dass man sich den einen oder andern Regentropfen vorstellen kann, der, durch einen Veilchenstengel halbiert, seine Gunst zwischen der Nordsee und dem Mittelmeer aufteilt. Freilich muss man sich in einer Zeit wie der heutigen jene erst einmal nehmen, ein solches Ereignis zu denken.
Gerade dazu aber lädt jener andere Ort ein, wo ich wohne. Man könnte ihn mit gutem Recht das Ende der Welt nennen: die Strasse, die zu unserem Weiler führt, verliert sich danach in Gemeindewegen - betoniert und asphaltiert nota bene -, die steil gegen die Jurahänge anstürmen, um sich in duftenden Wäldern zu verlaufen.
Wenn ich nun an Sie denke, an den Pont Neuf und die Madeleine, an die Fluten der Fussgänger, an die Autoströme, an den «Lapin agile» und die Opéra Bastille, an die Goutte d'Or und den Faubourg Saint-Honoré, überlagern jurassische Düfte diese Bilder: die ersten Echos, die ich von Ihrer Tätigkeit erhielt, kamen nämlich, so viel ich mich erinnere, aus dem Jura, aus diesem nagelneuen Kanton in einer so alten Landschaft, kurz, aus Pruntrut.
Haben Sie nicht eben da die Welt entdeckt, einen beweglichen Geist erworben, aber auch diesen bedächtigen Blick, den Sie auf die Dinge und die Leute zu richten wissen?
Dann waren Sie in Rom: Reisen, gewiss, nach welchen die Jugend verlangt . . .
Aber jetzt Paris.
Hilft Ihnen das? Inwiefern?
Gespannt auf Ihre Zeilen, schicke ich Ihnen, lieber Bernard Comment, einen brüderlichen Gruss und eine wilde Pensee.
Gilbert Musy
Paris, 8. bis 11. Mai 1993 Lieber Gilbert Musy
Paradoxerweise musste es so sein, dass Ihr Fax im Augenblick, da Sie von der Mitte der Welt sprachen, nicht «durchkam», es gelang ihm nicht, den meinen zu erreichen, der doch in meinem winzigen Büro unter den Dächern von Paris ganz Ohr war. Soll man darin ein Zeichen sehen oder gar ein Symbol?
Wenn ich richtig verstanden habe, sollten wir uns über die Romandie unterhalten, aber ich muss Ihnen gestehen, dass mir diese Wesenheit nichts sagt, ich weiss nicht sehr genau, was sie enthält, ich weiss vor allem, was sie an Narzissmus des kleinen Unterschieds voraussetzt, und zwar doppelt: im Bezug auf die andern Teile der Schweiz und im Bezug auf den französischen Nachbarn. Was mich anbelangt, so dachte ich immer, dass zwischen Genf und Lausanne ein grösserer Unterschied besteht als zwischen Genf und Basel: gewisse Verwandtschaften treten hervor, man weiss nicht warum, und skizzieren - wie Zeichen lächelnder Sympathie, die auch ein ironisches Augenzwinkern sind -, was die vorgeblichen Gewissheiten der Kartographie betrifft. Der Raum der Seele ist unbestimmt, widersprüchlich, beweglich, umkehrbar; ein Akkordeon, das die Geometrien auflöst und neu ausbildet.
Um die Wahrheit zu sagen, interessiert mich die Romandie als solche überhaupt nicht. Wenn mir etwas an meinem «Heimatland» zu denken gibt und mich zweifellos betrifft, so ist es das Nebeneinander mehrerer Kulturen, vier, das ist immerhin nicht wenig, und verschiedener Sprachen, ja, es ist dieser zutiefst widersprüchliche und vielfältige Raum, aus dem hervorgegangen zu sein ich mir denken kann - einer demnach sehr unsicheren und sehr vagen Zugehörigkeit gemäss.
Aber hier gilt es klarzustellen. Es gibt nicht nur eine Schweiz, sondern zwei, eine fröstelnde, autarke, egoistische, ungehobelte und schroffe, welche die Unkenntnis des andern zur Grundlage des Dünkels macht; und eine, die sich als Resonanzkasten versteht, als Ort des Durchgangs, des Austauschs, der Übersetzung (im weit gefassten Sinn dieser Tätigkeit, die Sie unmittelbar betrifft).
Schon als Kind empfand ich den Bergen gegenüber heftige Angst, das Gefühl zu ersticken. Glück dagegen im langsamen Atmen der Ebenen, in diesem vielfachen Anderswo, das sich darbietet, so weit das Auge reicht. Ich lebte immer am Rande der Schweiz, bevor ich sie verliess. Zunächst in der Ajoie, einer prachtvollen Ebene, und in Pruntrut das ich um seiner Schönheit, seines Geistes willen bewundere. Dann Genf, kleiner Auswuchs unten am See. Sechsundzwanzig Jahre an der Grenze zu Frankreich . . . Grund genug, einige Zweifel zu bekommen, was die Stichhaltigkeit der Grenzziehungen betrifft, Grund genug, eher ein Mann der Durchreise zu werden als einer, der sich niederlässt. So kam dann Italien, Florenz, und jetzt Paris. Alles Orte, an denen ich mich gleichzeitig heimisch fühle und fremd. Bestimmt habe ich eine leise Vorliebe für die zweideutigen Situationen, die Zweiteilungen, das Schwankende.
Um auf Ihren Brief zurückzukommen: ich habe nicht in Pruntrut die Welt entdeckt, das geschah in gewissen Eindrücken - Luft, Licht, Undurchsichtigkeiten, Geräusche, Ängste, Empfindungen, und die Haut eines Mädchens, seine Silhouette im Verbotenen, die erste Lust, es war Sommer, erster Schimmer der Morgendämmerung, sie war von zu Hause weggelaufen, der Kontrolle entzogen, da war diese Frische, und die Furcht, und der Atem, und die für das leiseste Erschauern offene Haut, ein verschwommener Augenblick, den man nicht vergisst, der wirkt, der aber anderswo hätte stattfinden können: die Entdeckung der Welt, das sind die Erfahrungen an einem gewissen Punkt und einem gewissen Zeitpunkt Ihrer persönlichen Geometrie, Erfahrungen, die mit dem Ort zusammenhängen, sich aber nicht auf ihn beschränken lassen.
Da liegt das Entscheidende: die Orte machen - für sich oder mit den andern - und sich nicht nur durch sie machen lassen. In diesem Sinne habe ich das Gefühl, keinem Ort zugehörig zu sein. Ich glaube nicht an die Wurzeln, und ich meine, dass ein Leben vor allem in der dauernden Anstrengung besteht, sich den Festlegungen zu entziehen, die man uns aufzwingen will. Nein, ich glaube nicht an die Wurzeln. Eher an die Schösslinge, ans fortgesetzte Pfropfen. Aber das hindert mich keineswegs, Pruntrut innig zu lieben, meiner Eltern wegen, aus familiären Gründen, gewisser Freundschaften wegen. Ich erlebe die Orte immer sehr intensiv, und danach brauche ich eine gewisse Zeit, um sie zu verarbeiten. Wenn ich sie verlasse, unterhalte ich mit ihnen ein schwieriges Verhältnis, eine Art Ablehnung während einiger Zeit. Als hätte ich das Bedürfnis, die Sicht zu trüben, die Spuren zu verwischen, ein Stück meines Lebens in eine Klammer zu verbannen und diese richtig zu schliessen. Später, wenn sich die Klärung vollzogen hat, finde ich Bande der Zärtlichkeit, der Ergriffenheit wieder, eine Art Heimweh auch. Und um dieser ein wenig mysteriösen Chemie willen liebe ich das Fremdsein, glaube ich an seine Vorzüge.
Kürzlich verbrachte ich ein paar Tage in Genf, wohin ich seit langem nicht mehr zurückgekehrt war. Ich suchte das Haus von Freunden auf dem Land, in der Nähe von Meyrin, ich freute mich, sie nach allzu vielen Jahren wiederzusehen, fühlte mich unruhig zugleich, es war ein schöner Frühlingsmorgen, mir war auf einmal luftig ums Herz, das kam nicht vom benachbarten Flughafen, nein, etwas ganz anderes, etwas Vergangenes hatte gespürt, wie die Tür leicht aufging, und überkam mich ganz sanft. Wem anderem sollte man angehören als seiner eigenen Vergangenheit? Das durchkreuzt die Geographien und Hoheitsgebiete, die Farce der Identitäten und Grenzen.
Nun, das alles ist ein bisschen gleitend, Sie haben mir eine Frage zu Paris gestellt, aber im Augenblick wohne ich da, ich kann nicht viel dazu sagen. In einem nächsten Brief vielleicht . . .
Mit herzlichen Grüssen Ihr
Bernard Comment
La Russille, am 26. Mai 1993 Lieber Bernard Comment
Woher kommt diese leichte Gereiztheit beim Lesen Ihrer einleitenden Worte? Es ist wohl das Symptom des, wie Sie sagen, «Narzissmus des kleinen Unterschieds», das mich wurmt. Ich konnte Sie tatsächlich nicht erreichen, aber, seltsam, in der gleichen Stunde widerstand keiner der Pariser, Wiener oder Madrider Partner, die ich probeweise anrief - Hallo, seid gegrüsst, das ist bloss ein Test -, meinen Kommunikationsversuchen via Fax! Zeichen der Zeit und Stammtischweisheit in einem: Es funktioniert immer, ausser wenn man es braucht.
Aber noch besser: dem (Deutschschweizer) Servicetechniker des Herstellers zufolge - es handle sich um ein Schweizer Produkt, aber tatsächlich seien die Eingeweide des Biests japanischer Herkunft, hatte mir der Verkäufer versichert, als sollte ich damit über den High-Tech-Level des Dings beruhigt sein -, der meine Beschwerden über den Apparat entgegennahm, wäre der Grund für diese Funktionsstörung im «exotischen Charakter der Partnerstation» zu suchen. Immer noch demselben Techniker zufolge, der ratlos an seiner «Hot Line» hing, gab es kein Heilmittel dagegen: die Fremdstämmigen haben sich ganz einfach anzupassen, wir sind normenkonform.
Und die Romandie in all dem? Ben Vautier hat es auf den Wänden des Schweizer Pavillons in Sevilla verkündet, und seine aficionados wiederholen es auf ihren T-Shirts: Die Schweiz existiert nicht. Wenn also das Ganze fehlt, wie sollte das Bruchstück existieren, nicht wahr? Das ist jedenfalls eine Frage, die sich ein Franzose nicht zu stellen braucht. Frankreich existiert. Bei Deutschland ist das schon weniger sicher, bei Italien desgleichen. Jugoslawien gibt es, nach den neuesten Nachrichten, wirklich nicht mehr. Und schon erklären uns die wohlinspirierten Auguren, es habe gar nie existiert. Da kann einem der kalte Schweiss ausbrechen, wenn man geborener Schweizer ist oder Ukrainer oder Venezianer, Bayer oder . . . irgendwas im Grunde, ausser Franzose, ohne Zweifel. Obgleich, wenn man das Unglück hatte, als Franzose der korsischen Sorte zur Welt zu kommen . . . Aber ich nehme an, dass Korsika oder der Cotentin [die Halbinsel der Normandie] in Ihren Augen ebensowenig Realität hat wie die Romandie.
Was mich betrifft, so gehöre ich zu jenen Weichteigigen, deren Schachtel das Ihre zu ihrer Ausformung beiträgt. Und dies nicht nur in geographischem oder geometrischem Sinn. Sie wissen sehr wohl, dass auch dieser Käse, der so alt ist wie die Viehzucht in unseren Gegenden, dessen Herstellung man um ein Haar endgültig verboten hätte, weil er während einer Saison von Salmonellen verseucht war, und der den lieblichen Namen Vacherin trägt, einen Teil seines Wohlgeschmacks dem Rindengurt verdankt, mit dem man die Tannenholzschachtel auslegt, in der er reifen wird. Ebenso habe ich, der ich in den gewaltigen germanischen Wäldern zur Welt kam, aus denen man mich sehr früh schon in die Städte trug, im Verlauf der letzten zwanzig Jahre den Geschmack der Hügel angenommen, die mich umgeben. Ich habe nicht im entferntesten die Absicht, ihnen irgendeine besondere Qualität zuzuschreiben, es sind Hügel, damit hat sich's. In Rom gibt es andere. Und die von Jerusalem sind auch nicht unerheblich. Die hier haben mich zutraulich gemacht. Hügel, Frauen oder Briefmarken, am Anfang ist es immer ein wenig Zufall; aber nachher ist man für sie verantwortlich. Das jedenfalls ist die Auffassung, die den kleinen Prinzen eingetrichtert wurde, was die Rosen oder die Füchse betrifft. Und was sollte uns von ihnen unterscheiden? Unser Status als Schweizer, als Romands?
Ich habe auch schon gesagt, die Romandie existiere nicht. Die Menschen seien das Produkt ihrer Sprache, ihrer Kultur, und nichts weiter. Das ist nicht ganz falsch. Aber . . . Wenn die Menschheit existiert und wenn Jean existiert, auch ausserhalb vom Klassenfoto - auf dem man ihn kaum erkennen kann, in der siebten Reihe, irgendwo zwischen Eva und Ingmar Bergman - und dem Passbild, so sagen alle andern Aufnahmen mit drei, sechzig, neuntausend, fünf Milliarden Figuren auch etwas über ihn aus. Die Welschschweiz existiert sehr wohl, denn jemand hat sie, einmal wenigstens, abgelichtet.
Was keineswegs besagt, dass es wichtig oder dringend oder auch schlicht nötig sei, zu versuchen, das, wodurch sie sich besonders auszeichnet, präzise zu umreissen, vielleicht lässt man das sogar besser bleiben. Wenn ich von einer Reise zurückkomme, frage ich mich nicht, ob meine Lebensgefährtin die rothaarigste, die grösste, die subtilste oder die bestgekleidete aller Frauen sei, denen ich auf der Welt habe begegnen können. Ich bin hocherfreut, sie wiederzusehen, das ist alles. Und entzückt, dass auch sie sich zu freuen scheint. Und so ist es auch mit unserem Dorf, dem Jura, der Romandie, vielleicht sogar mit der Schweiz. Ich glaube, wenn ich nach einer Reise durchs Weltall vom Jupiter zurückkäme, so gäbe es mir einen Stich ins Herz, wenn ich den Fuss wieder auf unsere gute alte Erde setzte, mit ihren Kriegen und ihren Gefechtspausen, ihren schönen Städten und dem weiten Land.
Freundschaftlich, Ihr
Gilbert Musy
Paris, am 1. Juni 1993 Lieber Gilbert Musy
Als ich Ihnen sagte, die Welschschweiz interessiere mich nicht, war das nicht eine billige Provokation, sondern ein Gefühl, logischerweise persönlich, wonach das, was mich an der Schweiz anzieht (und was mich während der fünfundzwanzig Jahre, die ich dort verbrachte, beeinflusst haben mag), diese Mischung von Sprachen, von Kulturen ist.
In Genf, als ich die philosophische Fakultät besuchte (die damals noch ein hervorragender Ort war, wo man sich vor Systemen und Dogmen zu schützen wusste, während man zugleich den verschiedenartigsten Strömungen Gehör schenkte), hatte ich den Eindruck, mich an einem Ort der Begegnung, einem Ort des Austauschs zwischen der französischen, der deutschen, der englischen, der italienischen Tradition zu befinden. Damals war Paris noch sehr abgekapselt, eine Stadt mit ihren Cliquen, wenig geneigt, sich der Aussenwelt zu öffnen, und sehr im Rückstand mit den Übersetzungen. Dass diese Rolle von der Schweiz gespielt wurde, hat mich nie gewundert. Denn jemandem zu sagen: «Ich bin Schweizer», bedeutet als wesentliches Merkmal: Ich komme aus einem Land, wo vier offizielle Sprachen gesprochen werden (die Dialekte lasse ich hier beiseite).
Aber abgesehen von diesem Interesse für die Mischung und das Zusammenleben verfalle ich, offen gestanden, wieder auf einzelne Orte. Ich meine damit, dass ich Genf (oder das, was die Immobilienmakler, diese Seelenräuber, davon übriggelassen haben) liebe, Pruntrut oder die Seen, die Hochebenen, das Flachland, dass all das für mich aber nie und in keinem Augenblick die «Welschschweiz» dargestellt hat. Und sei's drum, wenn Sie das irritiert.
Ich muss Ihnen eine Eigenheit der Ajoie erläutern: sie ist von der übrigen Schweiz durch die Kette der Rangiers abgetrennt, während sie sich ganz natürlich gegen die benachbarte Franche-Comté hinaus fortsetzt. Diese Topographie ist nicht belanglos; sie bestimmte für das Kind, das ich war, sehr bald einen Anziehungspunkt und das Gefühl einer doppelten Zugehörigkeit (ich bin durch meine Mutter auch Franzose). Und es ist, in kleinerem Ausmass vielleicht, dieselbe Zweideutigkeit, die ich in Genf vorgefunden habe, dieser sehr schweizerischen und zugleich schon französischen Stadt.
Ich erinnere mich, dass Basel, Genf und der Jura lange Zeit ziemlich ähnlich stimmten, sehr oft entgegen der schweizerischen Mehrheit. Man könnte demnach andere Scheidelinien vorschlagen: diejenige zwischen den Randgebieten zum Beispiel (da zählt die Nachbarschaft dann sehr: Österreich ist nicht Frankreich . . .) und den Gebieten im Landesinnern. Was mich betrifft, so liebe ich die äussersten Grenzen, in der Unentschiedenheit, die sie aufrechterhalten, in der Verunsicherung der Identität, die sie mit sich bringen.
Sie wagen in Ihrem Brief die Metapher des Vacherins. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich von anderen Schicksalen träume als von solchen der Weichheit, der Anpassung und der Unterwerfung. Jedem das Seine. Aber ich liebe den Vacherin. Wird er übrigens nicht so gut in Frankreich wie in der Schweiz hergestellt? - Nun also die Welschschweiz, doch noch. Und wenn sie an einem doppelten Ressentiment litte? Der schweizerdeutschen Mehrheit gegenüber und Frankreich gegenüber? Das ist ein bisschen, was ich «den Narzissmus des kleinen Unterschieds» nannte, ein bei Freud entlehnter Begriff, der mir immer sehr operativ erschien. Jede Verallgemeinerung ist irreführend, aber das ist ein Gedanke, den ich ins Gespräch werfe, ohne ihn unbedingt zu unterschreiben. Man könnte ihn genauer fassen: und wenn der Welschschweizer als Schweizer ein Gefühl der Selbstgefälligkeit und als Romand ein Ressentiment empfände? Offen gestanden hätte ich gerne gehabt, wenn Sie mir noch etwas mehr davon erzählt hätten, was Sie an der Gegend anzieht, wo Sie sich niedergelassen haben, wie Sie sie wahrnehmen, was Sie da spüren, Ihre Neigungen und Abneigungen. Bis jetzt sind mir Ihre Briefe ausweichend vorgekommen, Sie scheinen sich darin hinter den Bildern abzuschirmen.
Wenn ich Genf verliess, um nach Florenz zu gehen, so aus Liebe, um wieder mit der Frau meines Lebens zusammenzusein. Gibt es einen schöneren Grund? Was Paris betrifft, so ist die Sache komplizierter, namentlich der doppelten Wurzeln wegen, aber das würde mich von unserem Thema abbringen. Sagen wir bloss, dass ich mich von der Grossstadt sehr angezogen fühle, der Vermischung, der Ungezwungenheit und der Möglichkeiten wegen, die sie erlaubt: ich fühle mich da in der Menge verloren und zugleich ganz und gar als Einzelmensch. Hier möchte ich allerdings klarstellen, dass ich nie das Gefühl hatte, die Schweiz zu fliehen. Man hat mich ab und zu darauf aufmerksam gemacht, dass ich zu schreiben begann, nachdem ich mein Land verlassen hatte. Sachlich gesehen ist das (fast) wahr. Aber ich ziehe keine Schlüsse daraus. Und ich meine, es wäre sehr reduzierend, welche ziehen zu wollen.
Bleibt die Frage des Ortes als Bestimmung seiner selbst, als Prägung. Was soll ich machen, wenn ich mich als Durchreisender fühle, immer ein wenig fremd dem Ort gegenüber, wo ich mich aufhalte, und zugleich von ihm beeinflusst? Letzthin las ich in «Satori in Paris» das merkwürdige Abenteuer von Jack Kerouac wieder, als ihn auf einmal der Gedanke packt, er müsse seine fernen bretonischen Wurzeln wiederfinden und als dabei alles ins Rutschen kommt, alles zerrinnt, alles entrinnt:
«Ich will ihnen erklären, dass wir nicht alle Wert darauf legen, Ameisen zu werden, die durch ihre Arbeit zum Wohlstand der Gesellschaft beitragen, sondern Individualisten, wobei jeder von uns einzeln zählt; aber nein, versuchen Sie das dem lärmenden Haufen von Ankommenden und Abreisenden zu sagen, die mit hastigen Schritten ein und aus gehen in der Nacht einer dröhnenden Welt, während die Erde sich um ihre Achse dreht.»
Herzlich Ihr
Bernard Comment PS: Mein Fax hat nichts Exotisches: es ist ein europäisches Erzeugnis, und ich habe es in der Schweiz gekauft . . .
La Russille, am 3. Juni 1993 Lieber Bernard Comment
Wahrhaftig, wir waren dazu bestimmt, uns nicht zu begegnen!
Sie sind durch Ihre Mutter Franzose? Ich bin Deutscher durch die meine. Sie machten Ihr Studium in Genf, als da etwas los war? Im April 1968 begann ich in der weltverlorensten Sekundarschule des Kantons mein erstes Unterrichtsjahr, während in Paris die Studenten sich anschickten, den neckischsten Klamauk zu veranstalten, den sie im Verlauf dieses Jahrhunderts in Szene gesetzt haben.
Und Sie sind just im Augenblick in Paris, da es sich endlich entfaltet, sich der Welt öffnet, da seine Cliquen auseinanderbrechen. Ich habe zwar durchaus den ganzen Sommer 89 in Berlin verbracht, aber es musste natürlich so sein, dass ich am 31. Oktober abgereist war, damit vier Tage später die Mauer fiel! Ich habe mit der Geschichte ganz offensichtlich kein Stelldichein. Ich versuche, mich damit abzufinden.
Sie fragen mich, was ich hier anziehend finde. Ich glaube, ich habe es bereits zu verstehen gegeben: Nichts!
Die Gegend, in der ich lebe, hat nichts, um zu gefallen. Keinen See. Keine richtigen Berge (der Jura, verglichen mit dem, was die Schweiz sonst noch zu bieten hat, dürfte eher ein Scherz sein). Das Klima ist zu rauh für die Reben, fürs Skifahren nicht rauh genug. Im übrigen gibt sich da niemand falschen Hoffnungen hin: niemand lässt sich aus freier Wahl in diesem abgelegenen Winkel nieder.
Es gibt keinen Bewohner des Dorfes, der nicht durch ein mehr oder weniger nahes Verwandtschaftsverhältnis mit einem oder mehreren andern verbunden ist. Selbst ich, der absolut Entwurzelte, lebe mit meiner Lebensgefährtin in einem Haus, das sie von ihrem Papa geerbt hat, der es vom seinen hatte und so fort: der Faden verliert sich im Dunkel des Gemeindearchivs.
Es ist jedoch angebracht beizufügen, dass ich ebenfalls im Wahn lebe, es sei hier nicht merklich schwieriger zu versuchen, sich ein klein bisschen darüber klarzuwerden, was man ist, was man will, was man kann, als anderswo. Auch nicht leichter. Es gibt im Grunde nur zwei Dinge, die mich immer überraschen, was diese Gegend betrifft: die Hartnäckigkeit, mit der manche Leute sie zu definieren suchen, eine Hartnäckigkeit, welcher nur der militante Eifer jener gleichkommt, die ihre Existenz abzustreiten suchen. Damit bin ich wieder bei meinem Ausgangspunkt angelangt. Der Augenblick, zum Ende zu kommen.
Sehr herzlich Ihr
Gilbert Musy
Paris, den 6. Juni 1993 Lieber Gilbert Musy
Die Schwierigkeit, Ihrerseits und meinerseits, die Welschschweiz als Wesenheit zu definieren oder zu empfinden, ist vielleicht als solche eine Antwort. Jedenfalls ziehe ich unsere Zweifel, ja gar unser Kneifen den Gewissheiten der Regionalisten oder Nationalisten vor.
Um auf ein oder zwei Punkte Ihres letzten Briefes zurückzukommen:
1. Ich habe nicht gesagt, in Genf sei etwas los gewesen, aber man fand da eine auf verschiedene Kulturen gerichtete Aufmerksamkeit in Form eines Begegnungsorts.
2. Ihre Überlegung zum «neckischen Klamauk» scheint mir zweideutig und anfechtbar zu sein: Ich ziehe die Träumereien von damals dem heutigen Konformismus vor.
Wobei hinzuzufügen ist, dass ich im Jahr achtundsechzig acht Jahre alt war, ihre Parallele hinkt also beträchtlich . . .
3. Ich habe nicht gesagt, Paris habe sich genau zu der Zeit geöffnet, als ich hier ankam. Das war ein langwährender Prozess, eine bedeutende Wandlung über mehrere Jahre hin.
Ich will also nicht Ereignisse, die ich beschreibe, mit einer Anwesenheit verbinden, deren ich mich rühmen könnte. Und ich frage mich, ob Sie meine Briefe richtig lesen, wenn Sie daraus immer Interpretationen ableiten, die mich zu Richtigstellungen drängen. Ihre Ironie ist ein wenig billig. Aber das Missverständnis ist wohl das Risiko, das ein Briefwechsel mit sich bringt.
Sehr herzlich
Bernard Comment