Was haben die Rhätische Bahn und der Computerhersteller Apple gemeinsam? Beide sind ausserhalb der Norm. Die Spurweite der Bahn von 1000 Millimetern entspricht nicht Europas Normalspur von 1435 Millimetern, und das Betriebssystem Mac OS ist nicht mit dem dominierenden Angebot von Windows-Programmen kompatibel. Für beide ist der Anschluss an die übrige Welt erschwert.
Das Thema Norm war schon zu Beginn der Geschichte der technisch vermittelten Kommunikation zentral. 1844 sendete Samuel Morse die erste öffentliche Botschaft über eine Telegrafenleitung von Washington nach Baltimore und begründete damit das Telekommunikationszeitalter. Die Telegrafie hatte in vielen Ländern Erfolg, die technischen Parameter waren jedoch alle national definiert. Für die internationale Kommunikation mussten die Botschaften an jeder Grenze konvertiert werden. Zur Debatte stand ein Problem, das bis heute jede neue Technologie begleitet: die Definition einer Norm, um eine Errungenschaft einem möglichst grossen Benutzerkreis zur Verfügung zu stellen. Am 17 . Mai 1865 wurde dann in Paris von 20 Ländern eine Telegrafienorm verabschiedet.
Die sich überschlagende Entwicklung in unserer Hightech-Welt hat das Problem akzentuiert. Vor fünfzig Jahren war das Fernsehen noch in der Pionierphase, der Personal Computer, die mobile Telefonie und das Internet waren bestenfalls eine Idee in visionären Köpfen. Heute sind wir mit einer elektronischen und digitalen Welt verstrickt, bei der nicht alles miteinander funkt. Die Ursache sind Normen, die oft keine sind, weil sie das Zusammenspiel von Geräten, Komponenten, Software und Formaten verschiedener Hersteller nicht garantieren.
Der Leidtragende ist immer der Konsument, wie zwei Beispiele populärer Anwendungen aus der Multimedia-Welt zeigen: Sony verpackt Songs im Atrac-Format, das nur auf firmeneigenen Playern läuft, und Apple kodiert die Songs seines Internetshops iTunes so, dass sie auf keiner Jukebox ausser dem eigenen iPod abspielbar sind. Die Firma RealNetworks knackte zwar diesen Schutz, damit auch Songs aus ihrem Onlineshop auf den hippen iPods abgespielt werden konnten. Doch Apple hebelte RealNetworks postwendend wieder aus und änderte im Dezember die Systemsoftware des iPod. Die Norm wird hier als Waffe eingesetzt, mit der man Anwender auf seine Seite zwingt. Ein anderes Beispiel liefern die Speicherkarten für PDA, Handys, Spielkonsolen und Digitalkameras. Samt Varianten sind mehr als zehn Typen solcher Flash-Speicherkarten auf dem Markt, der Konsument ist gezwungen, für verschiedene Geräte verschiedene Karten zu kaufen. Anders als in der Natur ist die Artenvielfalt hier eher ein Übel denn eine Bereicherung. Wer sich mit digitaler Technologie befasst, kommt zum Schluss, dass das Chaos der Standard ist.
Natürlich werden auch Standards von Gremien festgelegt, etwa der Internationalen Elektrotechnischen Kommission (IEC), der Internationalen Organisation für Normung (ISO) oder der Internationalen Fernmeldeunion (ITU). Ein gutes Beispiel ist der in Europa definierte Mobilkommunikationsstandard GSM (Natel D), der weltweite Bedeutung erlangt hat. Zuvor setzte fast jedes Land wie im Telegrafenzeitalter auf eine eigene Norm, was die kontinentweite Mobilkommunikation verhinderte. Auch das World Wide Web wäre ohne von Gremien abgesegnete Normen kaum so erfolgreich.
Andererseits erheben oft genug Firmen eine Technologie einfach zum De-facto-Standard und hoffen, ihn auf dem Markt durchboxen zu können. In den 1980er Jahren verlor Apple gegen Microsoft den Kampf um die Vorherrschaft der Betriebssysteme, obschon deren Betriebssystem Mac OS technisch überlegen war. Masse statt Klasse hat diesen Zweikampf entschieden. Weil PC mit MS-DOS von Microsoft ausgerüstet waren, setzten die Kunden einfach auf den Nachfolger Windows. Apple dagegen verbaute sich einen grösseren Markt mit der gleichen Strategie wie beim iPod: Mac OS läuft nur auf Apple-Rechnern.
Wie wichtig die Kontrolle über die Standards ist, zeigen Microsofts heftige Reaktionen, wenn Rivalen dem Leader ins Gehege kommen. In guter Erinnerung ist der Browserkrieg, bei dem Microsoft den Marktführer Netscape gnadenlos niederrang. Microsoft missbrauchte dabei seine Monopolstellung und griff zu zweifelhaften Methoden, was zu jahrelangen Prozessen führte, die das US-Justizdepartement angestrengt hatte. Als im Internet Java-Anwendungen von Sun Microsystem immer erfolgreicher wurden, versuchte Microsoft dieses Programmformat zu unterlaufen. Letztes Jahr gelobten die Kontrahenten Zusammenarbeit. Doch Microsoft musste an Sun fast zwei Milliarden Dollar für Lizenzen und Schadenersatz zahlen.
Wer den Standard bestimmt, hat einen Vorsprung auf die Konkurrenz und kann dank der Vergabe von Lizenzen auf einen kontinuierlichen Geldfluss hoffen, der über Jahre wie ein warmer Regen in die Kasse rieselt. Das «Wall Street Journal» zitiert einen Direktor des taiwanesischen Industrial Technology Research Institute, wonach bei den DVD-Playern, die in Taiwan produziert werden, Lizenzabgaben bis zu 30 Prozent des Verkaufspreises ausmachen. Die hohen Abgaben an diverse Patentinhaber – bei der DVD-Technik sind es über 20 Firmen – waren auch der Grund, warum die Chinesen mit der EVD ein eigenes DVD-Format entwickelt haben. Gemäss dem Online-Lexikon Wikipedia müssen die Chinesen für alle Rechte pro EVD-Gerät nur 2 Dollar bezahlen – statt bis zu 20 Dollar für ein DVD-Modell.
Musterbeispiele für Standardisierungskämpfe liefert regelmässig die Unterhaltungsindustrie, deren Hauptakteure in Japan sitzen. Mit VHS von JVC und Betamax von Sony kämpften Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre zwei Videorecordersysteme um die Vorherrschaft; das dritte System, V2000 von Philips, war chancenlos. Dank den besseren Allianzen setzte sich nach Jahren schliesslich VHS durch. Sony blieb mit seinem System, das viele für das bessere hielten, nur der kleine professionelle Markt. Anders verlief die Ablösung der Videokassette durch die Digital Versatile Disc. Die DVD für vorbespielte Filme ist eine Erfolgsgeschichte, nicht zuletzt aufgrund eines unangefochtenen Standards. In diesem Fall einigte sich die Industrie auf Spezifikationen, die mehrheitlich von Toshiba stammten, Sony musste wieder Wunden lecken.
Bei der Weiterentwicklung der DVD zur bespielbaren Scheibe rasselten starrsinnige Konzernbosse erneut mit den Säbeln: Sie lancierten die inkompatiblen Formate DVD-RAM, DVD-R und DVD+R. Pikant war dabei das Verhalten von Philips. Die Firma ist Mitglied der internationalen Vereinigung DVD Forum, welche der DVD-RAM, der DVD-R und der DVD-RW den Segen gegeben hatte. Dies hinderte die Holländer nicht daran, den Entscheid durch das eigene Format DVD+RW und später auch DVD+R zu torpedieren. Als Folge dieses Formatkriegs war der Markt gelähmt, die Verbraucher wurden verunsichert. Daten auf eine Scheibe zu brennen, macht wenig Freude, wenn das Risiko gross ist, dass der Empfänger sie in seinem Gerät nicht lesen kann.
Dasselbe Lied ertönt auch beim Nachfolger der Musik-CD. Dieser Machtkampf wird zwischen der Super Audio Compact Disc (SACD) und der DVD-Audio ausgetragen. Die Konsumenten scheinen den Streit nicht zu goutieren: Beide Technologien sind bis heute ein Flop geblieben. Dennoch scheint die Lernfähigkeit der Standard-Streithähne limitiert zu sein: Zurzeit tobt nach dem gleichen Muster der Kampf um den Nachfolger der DVD, der einen Spielfilm im neuen, hochauflösenden Format HDTV speichern kann. Erneut stehen sich Toshiba mit der HD-DVD und Sony mit der Blu-ray Disc gegenüber.
Albrecht Gasteiner, der das Schweizer DVD-Forum betreibt (www.dvd-forum.ch) und ein intimer Kenner der japanischen Szene ist, kann nichts mehr erschüttern: «Standards sind eine wunderbare Sache, deshalb gibt es so viele davon.» Er verweist darauf, dass eine Einigung beim DVD-Nachfolger mit ein wenig gutem Willen durchaus möglich wäre, da beide Systeme in der überwiegenden Zahl der technischen Parameter gleich seien. Der Fachmann macht neben ökonomischen Interessen ein weiteres Motiv für das sich wiederholende Standardisierungsdebakel aus: «In den männlichen Genen scheint ein Hang zu Hahnenkämpfen angelegt zu sein. Wenn es bei Männern um Ehre, Nationalstolz oder Prinzipien geht, setzen Vernunft, Dialog- und Kompromissfähigkeit aus.» Jedenfalls haben die Chefs von Toshiba und Sony bisher keine Verhandlungsbereitschaft signalisiert.
Wie blockiert die Situation ist, zeigen auch die Vorgänge im DVD-Forum, dem über 230 Firmen angehören. Dessen Steuerungskomitee hat nach zwei Patt-Entscheiden erst im dritten Anlauf der HD-DVD den Segen erteilt. Wie ein Insider dem «Wall Street Journal» sagte, fiel der Entscheid erst auf Drängen von Intel, das Abstimmungsprocedere zu ändern, das bisher die Stimmen abwesender Mitglieder automatisch zu den Nein-Stimmen zählt. Ohne in der heiklen Frage Stellung nehmen zu müssen, konnten so Mitglieder den Entscheid einfach durch ihre Abwesenheit verschleppen.
Die Firmen der Unterhaltungs- und Computerindustrie, die sich jetzt zum grossen Showdown positionieren, werden aber nicht allein über die Zukunft entscheiden. Das letzte Wort dürfte Hollywood haben, das keinen weiteren Formatkrieg will. Hinter der Blu-ray Disc stehen Buena Vista Home Entertainment (Walt Disney), Sony Pictures und Metro-Goldwyn-Mayer, die Ende 2004 von Sony und einer Investorengruppe übernommen wurde. Dieser Schachzug gibt Sony grössere Schlagkraft. Mit Warner Bros., Universal und Paramount favorisieren aber drei andere grosse Hollywood-Studios die HD-DVD.
Der Konsument, der notabene mit der Qualität sowohl der CD wie der DVD ganz zufrieden ist, schüttelt ob solcher Normenkriege nur den Kopf; die Übersicht über die Formate hat er sowieso schon längst verloren. Für die silberne Scheibe mit 12 Zentimetern Durchmesser gibt es bereits so viele Formate, dass auch Technophilen schwindlig werden könnte: CD-i, VCD, SVCD, SACD, CD-ROM, CD-ROM XA, CD-R, CD-RW, DVD-ROM, DVD-RAM, DVD-R, DVD-RW, DVD+R, DVD+RW, DVD+R DL, DVD-R DL.
Jenen, die nach diesem Abkürzungensalat noch weiter lesen mögen, sei gesagt, dass die Liste künftig nicht nur um die HD-DVD und die Blu-ray Disc ergänzt wird, sondern auch um eine neue Scheibe von JVC mit dem krakeligen Namen Blu-ray/DVD Combo ROM; das Hybrid-Medium ist zugleich DVD und Blu-ray Disc. Toshiba seinerseits plant einen Zwitter aus DVD und HD-DVD. Und die Liste der Formate und Akronyme wird noch länger werden, wenn die Industrie darangeht, einen Standard für den Nachfolger der beschreibbaren DVD zu definieren. Wahrscheinlich erklingt dann wieder die bekannte Melodie, wie bei einer verkratzten Schallplatte, die sich endlos dreht.
Erfreulich ist demgegenüber die Erkenntnis, dass sich auch ausserhalb der Norm ganz gut leben lässt: Noch immer baut Apple Computer und rollt die Rhätische Bahn durch die bündnerische Bergwelt.
Claude Settele ist Redaktor für Medien und Informatik bei der NZZ.