NZZ Folio 07/97 - Thema: Aus Eis und Schnee   Inhaltsverzeichnis

Im eisigen Bauch des Bergs

In Gletschern findet mancher sein kaltes Grab.

Von Franz Zauner

AM HELLEN TAG wurde es finster. Dreissig Meter tief sauste Eveline K. in die Gletscherspalte hinunter, ehe sich ihr rechter Ski einen Halt in die Eiswände fräste. Der Fangriemen war der Faden, an dem für zwei Stunden ihr Leben hing. Kopfüber nach unten ans Eis gepresst, das sich an dieser Stelle gnädig zu einem schmalen Buckel aufwarf, spürte sie in der Finsternis unter sich den Abgrund. Sie wusste: «Wenn ich da hinunterfalle, bin ich tot.»

Dann baumelte ein Seil zu ihr herunter, ein Zeichen von oben, gesetzt von ihrem Begleiter. Sie ergriff es vorsichtig, zu rühren wagte sie sich nicht, bis ihr nach einer Ewigkeit von zwei Stunden ein Engel in Gestalt eines Rettungsarztes erschien. Als sie mit ihm nach oben schwebte, endlich aus dem gefrorenen Wasser auftauchte, fühlte sie sich trotz den Schrammen und Prellungen grossartig. Erst im Spital bemerkte sie die Unterkühlung, und in gewisser Weise fröstelt ihr immer noch. Für das Hochgebirge konnte sie sich nicht mehr erwärmen. Seit sich vor fünf Jahren bei der Abfahrt von der Mönchsjoch-Hütte mitten im Schwung ein Abgrund auftat, hat sie keinen Gletscher mehr betreten.

STÜRZEN KANN MAN ÜBERALL, aber nirgendwo so leicht wie im Gebirge. Zwischen imposanten Zinnen und Platten, Graten und Vorsprüngen warten einzigartige Tücken in allen Schwierigkeitsgraden: Morsches Gestein, glitschige Tritte und lose Haken sind in Unfallberichten häufig zitierte Feinde der lebenswichtigen Balance, Lawinenhänge verbergen die Gefahr zudem noch hinter verführerischem Glitzern, unter hauchdünnen Schneedecken lauert blankes Eis.

Man kann sich auch verirren, in Steinschlag geraten oder erschöpft zusammenbrechen. Doch jedes zweite Mal ist es ein verlorenes Gleichgewicht, das in der Schweiz die Bergretter ausrücken lässt, über tausendmal im Jahr. Die Kleinigkeit eines aufgeweichten, wegbröckelnden Schneetritts genügt, um selbst konditionsstarke Seilschaften zu Tal sausen zu lassen. Denn der Sturz hat eine unheimliche, aber mathematisch nachweisbare Wucht: Wer auf einem 45 Grad geneigten Firn umfällt, dem fehlen zur Bewegungsenergie des freien Falls allenfalls noch 10 Prozent. Da können die Genussrouten noch so gut erschlossen sein, die Fachgeschäfte vom Normalhaken bis zum Kletterschuh für jede Ambition und Steigung immer besseres Material bereithalten, die Fachzeitschriften die Leistungssucht, den Leichtsinn und die Selbstüberschätzung ungezwungener Alpintouristen anprangern, in jeder Saison kommt der Moment, in dem der Berg den Hochglanzprospekten widerspricht, sich ein vornehmes Naturwunder als tückisches Gelände herausstellt und manchmal als unheimliches Grab.

Was Gletscher als Ort alpiner Katastrophen so herausragend macht, ist ihr Eigenleben. Man sieht es nur in Zeitlupe, trotzdem können sie bei ihren trägen Vorstössen und Rückzügen über Nacht heftige Temperamente entwickeln, dann bringen sie Bergseen zum Überlaufen, Geröllmoränen zum Rutschen und menschliche Siedlungen in Gefahr. Im Gegensatz zum Gestein, dessen Erosion Ewigkeiten in Anspruch nimmt, unterliegen Gletscher ständigen Metamorphosen: Sie nähren sich von Neuschnee, der sich im Wechselbad aus Sonnenhitze und Winterkälte oberhalb der Gleichgewichtslinie in Firn verwandelt. Unter dem Druck seines Gewichts kristallisiert der Schnee zu weisslichem, hellem Firneis. Nach und nach entweicht eingeschlossene Luft, und die gefrorenen Körnchen bekommen ihre klassischen Farben, werden blau und grün. Die Schwere macht das Eis plastisch, es fliesst den Berg hinunter. Die Mächtigkeit der Eismasse, ihre Temperatur, der Nachschub von oben und natürlich die Neigung und Beschaffenheit des Untergrundes bestimmen das Tempo der Talfahrt. Verschiedene Strömungen bilden sich dabei aus, ziehen Material an sich, zerdehnen dabei das Eisgebilde, bis es zerreisst - die Gletscherspalten entstehen. Sie können hundert Meter tief sein: Wer da hineinfällt, gerät in ein dunkles Gefängnis aus Eis und Zeit. Das ist die Geschichte, die alle Gletscherleichen erzählen.

DOCH ZUVOR TRITT DAS GROSSUNTERNEHMEN Bergrettung auf den Plan, mit Helikoptern, Bergegerät und computergestützter Logistik. Am Unfallort endet es immer in Handarbeit, deshalb hat Bergrettung einen Namen und ein braungebranntes Gesicht. In Zermatt gehört es Bruno Jelk. Der Rettungsobmann gilt als Meister in allen Disziplinen der Bergrettung. Egal, ob der Hilferuf aus tiefen Schluchten, unwegsamen Geröllhalden oder Steilwänden kommt: Er weiss, was zu tun ist. Allein seinem Talent als Gletscherspaltenfischer verdanken an die 200 Leute ihr Leben.

TRAINING IST DER SCHLÜSSEL zum Rettungserfolg. Wenn Jelk und seine Leute antreten, gibt es immer schon eine genau kalkulierte Choreographie: Der Helikopter, die Seilbahn oder die eigenen Füsse bringen die Mannschaften hinauf. Ist die Spalte gefunden, beginnt das Manöver, angepasst ans Gelände und die Umstände. Das Dreibein mit den Seilwinden wird aufgestellt, bei schwierigen Fällen in Klemmspalten schleppt man auch noch einen Kompressor herbei. Ein Mann nimmt sich den Presslufthammer und arbeitet sich von der Seite her zum Opfer hinunter. Dank einer aufblasbaren Matte, die schräg über den Verunfallten gelegt wird, können die Retter seit neuestem auch in der Direttissima vorstossen, ohne das Opfer durch herabstürzende Eisbrocken zu gefährden. Das spart Zeit und Kraft. Nach spätestens einer Stunde Schwerstarbeit ist der Mann, der mit dem Presslufthammer an Seilen befestigt in der Eiswand hängt, vom Schmelzwasser und vom eigenen Schweiss völlig durchnässt. Erschöpft und ausgepumpt kommt er wieder hoch, und der nächste steigt hinunter. Geht alles gut, und meistens ist das der Fall, wird der Pechvogel schliesslich aus seiner Klemme befreit und mit einer Seilwinde hochgekurbelt.

Ein Rettungsarzt steht bereit, mit einem Elektrokardiographen, Sauerstoff und Spezialmatratze. Sauerstoff ist in der Höhe das wichtigste Medikament, die Unterkühlung die schlimmste Bedrohung. Je kälter der Verunfallte, um so schneller muss er ins Spital, an die Herz-Lungen-Maschine. Damit ist es schon gelungen, Menschen am Leben zu erhalten, deren Kerntemperatur auf siebzehn Grad abgesunken war.

Manchmal aber geht es nicht gut. Das Opfer stirbt, oder es bleibt verschollen. Es hat etwas Ungeheuerliches, wenn jemand verschwindet, und im Schmerz keimen bittere Vorwürfe. Deshalb werden ungeduldige Verwandte öfter zu den Viertausendern eingeladen, man bittet sie in den Helikopter, zeigt ihnen Bergschründe, Randklüfte, Querspalten, Längsspalten, Klemmspalten, die Tiefen, Höhen und Weiten. Was es hier zu sehen gibt, ist zuviel und zuwenig zugleich. Denn alles, was an Gewissheit bleibt, ist, dass irgendwo da unten der Bruder, die Schwester, der Vater, die Mutter, der Sohn, die Tochter liegt.

Selbst die Statistiken werden vage, wenn es darum geht, dem Gletschertod eine numerische Grösse zu geben. Von achtzehn vermissten Personen nimmt man definitiv an, dass sie in den Gletschern der Jungfrauregion begraben liegen. Insgesamt aber sind seit 1971 an die sechzig Leute in den Berner Alpen verschwunden, in den Bergen des Wallis rund hundert, zuletzt eine tschechische Staatsbürgerin in der Nähe von Zermatt: Sie hatte sich im Nebel von der Gruppe getrennt, mit der sie auf den Gletscher gestiegen war. In der Juninacht, in der sie verlorenging, fiel meterhoch Schnee. Obwohl Bergführer jede Spalte zwischen dem Kleinen Matterhorn und dem Breithorn systematisch absuchten, fand sich keine Spur mehr von ihr.

Begonnen haben die Aufzeichnungen im Wallis mit vier Bergsteigern, die 1926 auf den Allalingletscher aufbrachen und spurlos verschwanden. Aus Graubünden meldet die Kantonspolizei 123 Vermisste, seit die Beamten 1945 damit angefangen haben, die Fälle systematisch zu dokumentieren. Nach vorsichtigen Schätzungen sind siebzehn davon auf Gletschern verschollen, der letzte Fall liegt erst wenige Monate zurück, ein 37jähriger Mann, zuletzt vermutet im Bernina-Gebiet.

IST DAS UNGLÜCK EINMAL GESCHEHEN, hat es die Natur nicht mehr eilig. Und wo persönliches Leid endet, beginnt die Arbeit der Archäologie. Im Extremfall behält der Gletscher einen Leichnam über 5000 Jahre, wie das Beispiel Ötzis zeigt, der Mumie mit den vielen Namen. «Frozen Fritz» kam ans Licht, weil die Gletscher der Alpen schmelzen. Nach Schätzungen der Schweizer Gletscherkommission haben die eisigen Bäuche der Berge in den letzten 150 Jahren um die Hälfte abgenommen, seit zehn Jahren schrumpfen sie gar in Rekordtempo.

Das Bild, das die Alpen heute bieten, gleicht vermutlich jenem vor 5000 Jahren, als der Similaun-Mann in einer Mulde auf dem Hauslabjoch starb: Das Eis deckte ihn erst später zu. Die Natur musste ihre Gesetze weit auslegen, um das Wunder seiner Konservierung zu ermöglichen.

Ötzi starb vermutlich im Spätherbst, als sich die Insekten bereits verzogen hatten. Weder Milben noch Fliegen noch anderes Ungeziefer hinterliess Spuren an seinem Körper. Im richtigen Moment muss er von Schnee bedeckt worden sein, da ihn weder Geier noch Füchse fanden. Wind und Sonne dörrten den Leichnam aus, liessen ihn auf zwanzig Kilogramm einschrumpfen. Ein klimatisches Wechselbad aus Hitze und Frost hat ihn genau im richtigen Rhythmus gefriergetrocknet. Später wuchs über den Rand der Mulde, in der er lag, der Gletscher. Seine Scherkräfte können Leichen innerhalb kürzester Zeit zermalmen. Doch auch der Gletscher machte eine Ausnahme: Die Eismassen flossen über die Ränder der Mulde hinweg, ohne den Toten zu beschädigen. Dann lag er 5000 Jahre lang in seinem Eispalast, mit ein paar Minusgraden fror die Vorsehung die Mumie elegant am Boden fest, bis sie schliesslich ans Tageslicht kam.

Am Institut für Anatomie der Universität Innsbruck gab man sich alle erdenkliche Mühe, das natürliche Verfahren zu kopieren: Bei einer Temperatur von minus sechs Grad und nahezu luftdicht verschlossen, liegt Ötzi wieder in Eis gepackt. Von seiner kalten Kammer aus erzählt er 48 Forschergruppen, verteilt um den ganzen Erdball, von seiner Zeit. Die Wissenschafter brüten über sogenannten minimalinvasiven Entnahmen, kleinen Proben in der Grösse einer Saccharin-Pastille, die aus dem Gewebe des Eismanns mit eigens angefertigten Instrumenten aus Titan entnommen werden, damit sich keine neuzeitlichen Spurenelemente hinzugesellen und die Proben verfälschen. Zuletzt wurde Ötzis Mageninhalt analysiert: Er ass Fleisch, wie mikroskopisch kleine Knochensplitter in seinem Verdauungstrakt belegen, und liess sich Getreide wie Gerste und Einkorn schmecken.

Das Urteil der Anthropologen steht schon länger zweifelsfrei fest: Der Homo tirolensis stammte aus dem steinzeitlichen Oberitalien. Eine DNA-Analyse hat ihn überdies zweifelsfrei als Alpenbewohner überführt. Bald kommt er wieder auf die richtige Seite der Alpen: Noch heuer wird er von Innsbruck nach Bozen gebracht.

DIE ÄLTESTEN FUNDE DER SCHWEIZ liegen schon da, wo sie hingehören: in den Museen. Drei Pfeilbögen, um 2000 v. Chr. aus Eibenholz geschnitzt, fanden sich im Firneis des Lötschentals. Auch Armbrustbolzen, datiert aus dem 15. Jahrhundert, gab der Gletscher frei: Wissenschaftliche Spekulationslust vermutete in ihnen verlorenes Mordwerkzeug einer bernischen Kriegerschar, die 1419 ins Wallis vordrang und auf dem Gletscher ihr Nachtlager aufschlug; schlüssig belegen lässt sich die schöne Koinzidenz von Fund und Chronik leider nicht.

Trotzdem erweisen sich zwielichtige Übergänge für Historiker öfter als Glücksfall. Der Theodulpass, über den die Walliser in früheren Zeiten verschwiegen so manches Fass italienischen Weins an der steuerhungrigen Obrigkeit vorbeitrugen, wurde jahrhundertelang von einer Eisfalle bedeckt, wie sie ein diabolischer Archäologe nicht besser hätte ersinnen können: Gefährlich gezackt an den Rändern, so dass öfter jemand oder etwas unbemerkt verschwinden musste, aber ruhig im Inneren, damit genug unbeschädigt an der Gletscherzunge ausapern konnte.

Römische Münzen kamen hier schon hervor, alte Quellen berichten von einem gewissen Pession aus Valtournanche, der 1885 auf der italienischen Seite des Gletschers ein Silberkreuz, einige Medaillen und zwei Leichname entdeckte. 1985 fand auch das Geschwisterpaar Annemarie Julen-Lehner und Peter Lehner mehrere Münzen. In geduldiger Kleinarbeit sicherten und dokumentierten sie in den folgenden Jahren, was sich als bisher bedeutendster Gletscherfund der Schweiz herausstellen sollte: den Söldner vom Theodulpass.

200 Geldstücke aus aller Münzherren Prägen, darunter die Taler von Weltenlenkern wie Karl V. und Phillipp II., trug der Mann in seinen Taschen, als er - vermutlich im letzten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts - den Theodulgletscher hinaufstieg. Von den Skelettresten wurde abgelesen, dass er etwa 45 Jahre alt und für damalige Verhältnisse recht grossgewachsen war. Ein prächtiger Degen und eine Radschlosspistole wiesen ihn als berittenen Offizier aus, zwei silberne Amulette und Fetzen von Seidenstücken fügten sich zum Bild einer wohlhabenden, stattlichen Erscheinung, die man in unsicheren Umbruchszeiten eher ein paar Täler weiter, auf dem leichter zugänglichen Simplonpass, erwartet hätte. Ein Zermatter, der es zu Wohlstand gebracht hatte, auf dem direkten Weg nach Hause? Ein Söldnerführer, unterwegs auf dem schnellsten Weg, um für den spanischen König ein neues Fähnlein zu rekrutieren? Oder gar ein Waldenser, einen verschwiegenen Ausweg suchend vor den Nachstellungen der Inquisition? Er übersah vermutlich eine schneebedeckte Spalte und nahm sein Geheimnis mit ins eisige Grab.

Rätselhaft auch, was Porchabella auf dem Gletscher machte. So nannte der Archäologische Dienst Graubünden jene Frau, deren Überreste am Fusse des Piz Kesch, ungefähr einen Kilometer südöstlich der Kesch-Hütte, auf einer Höhe von 2680 Metern, aus dem Eis ragten. Die Knochen waren vollständig durchweicht und liessen sich biegen, als ob sie aus Gummi wären: Gletschereis entzieht den Knochen allen Kalk.

Nach und nach fanden sich weitere Teile, der Schädel, mehrere Rippen, Beckenfragmente, Finger und Zehen. Sie sagten den Anthropologen, dass die Frau vermutlich zwischen zwanzig und dreissig Jahre alt war, als sie beim Versuch, den Gletscher zu traversieren, ums Leben kam. An ihrem Todestag bedeckte Porchabella ihr dunkelblondes Haar mit Netz und Filzhut, war in einen langen, gefütterten Wollmantel gehüllt, trug eine Bluse und Lederschuhe. Das war die Alpenmode im 17. Jahrhundert, sagen die Experten. In ihren Taschen steckten Schale, Löffel, Perlen und ein Kamm aus Holz. Die pechgenähten Schuhe legen die Vermutung nahe, dass die Frau Österreicherin war - die Machart gilt als typisch.

Solch früher Tourismus passt schlecht in das Bild, das sich Historiker lange Zeit von den Hochalpen machten. Sie wurden von den Aufklärern entdeckt, davon ging klassische Geschichtsschreibung aus. Der Drang nach oben wurde an Stehpulten mit Federkielen vorbereitet. Jean-Jacques Rousseaus Vergötterung der Alpenwelt gilt als Initialzündung. Im 19. Jahrhundert verliebten sich die Bürger der Städte regelrecht in die Berge, und die Eisenbahn brachte sie hin. Bereits 1706 bezeichnete der Schweizer Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer in «Natur-Geschichten des Schweizerlandes» die «Eismeere» als «eines der vornehmsten Naturwunder, so in unserem Lande sich finden». Er bescherte damit seinen Mitbürgern die ersten tieferen Gletschereinblicke. Im Flachland galten die hohen Berge bis dahin als Terra incognita, als lebensfeindliche, unheimliche Welt, auch wenn sich in ihnen offensichtlich vielfältig Leben regte.

Nachdem die Alpen einmal gefunden waren, folgte ihre Vermessung auf dem Fusse. Bald begann man sich auch für das geheimnisvolle Walten der Gletscherkräfte zu interessieren. Eine Leiter, die bei der Besteigung des Montblanc durch Horace Bénédict de Saussure 1788 am Mer de Glace verlorenging, schmolz 44 Jahre später und viertausend Meter weiter unten wieder aus. Im Jahr 1827 liess der rührige Naturforscher Franz-Josef Hugi auf der Mittelmoräne des Unteraargletschers eine Hütte bauen und sah ihrem Abgang zu: 110 Meter legte sie durchschnittlich jedes Jahr zurück, bevor sie ihren Zeitlupenrutsch im Jahr 1840 beendete. Berühmt sind auch die Messungen, die man im 19. Jahrhundert am Rhonegletscher vornahm: Man legte rote, grüne, gelbe und Steinreihen quer über den Gletscher. 135 Meter legten die schnellsten von ihnen im Jahr zurück, und wie in einem Bach war die Fliessgeschwindigkeit des Eises in der Mitte des Gletschers grösser als am Rand. So nach und nach entzauberte die Wissenschaft Scheuchzers Eismeere zu einem vermessbaren Batzen Gefrorenem, das vom eigenen Gewicht den Berg hinuntergedrückt wird. Und weil das so ist, muss irgendwann einmal alles heraus, was in ihm steckt.

MEIST WERDEN GLETSCHERLEICHEN am Wochenende entdeckt, da ist das Gebirge belebt. Dann beginnen die Mühen der Identifizierung. Seit einigen Jahren fragt die Polizei bei den Angehörigen, wenn jemand im Gebirge verlorengeht und nicht wieder gefunden wird, nach eindeutigen Identitätsnachweisen: dem Zahnstatus zum Beispiel, körperlichen Eigenheiten, Besonderheiten von Kleidung und Ausrüstung.

Einmal war es der Daumen, der einer Gletscherleiche den Namen zurückgab: Er war von einer Seilschlinge umwickelt, in deren Schutz er mumifizierte. Es war gerade genug übrig für einen Fingerabdruck. Bei einem Studenten, der in einen Bergschrund fiel, lieferten die Schuhe den entscheidenden Hinweis: Er hatte für seine Steigeisen spezielle Kerben anbringen lassen. In einem anderen Fall zog die Polizei aus den Buchstaben «BC» und «SC» die richtigen Schlüsse, zwanzig Jahre, nachdem der Bergunfall mit tödlichem Ausgang gemeldet worden war. Sie waren in einen Ehering eingraviert, der neben dem Toten im Schnee lag.

Gletscher sind wie Fliessbänder, theoretisch müssten analog zu den mindestens zwei oder drei Opfern, die sie jedes Jahr fordern, unten an den Gletscherzungen ebenso viele wieder herauskommen. Ist eine Gletscherleiche aber einmal ausgeapert, verschwindet sie schnell. Ein, höchstens zwei Monate dauert der Verwesungsprozess. Oder eine Eisladung vom Gletscherbruch begräbt die menschlichen Überreste erneut unter sich.

Am Institut für Gerichtsmedizin in Innsbruck wurde in zahlreichen Fällen minuziös untersucht, was Gletscher mit Toten machen. Lakonisch unterscheidet die Pathologie dabei vor allem zwei Resultate: Wenn trockene Hochgebirgsluft um den Leichnam strömt, mumifiziert er. Die Weichteile schrumpfen, die Haut wird lederartig braun. Oder es handelt sich um eine «Fettwachsleiche»: Im feuchten Milieu unter Luftabschluss werden Weichteile und Organe zu einer grauweissen Substanz von weicher, pastenartiger Konsistenz, auch dabei kommt es zu einer natürlichen Konservierung der äusseren Formen.

Die Transformation des Gewebes braucht ein, zwei Monate, ausgedehnte Formen der Fettwachsbildung benötigen Jahre. Oft genug werden die Körper auf ihrem Weg durch den Gletscher Kräften ausgesetzt, die selbst mit gröbstem Gestein fertig werden. Deshalb sind Funde, die älter als unser Jahrhundert sind, selten.

Je weiter oben am Gletscher das Unglück geschieht, um so weiter unten kommt das Opfer heraus: Das ist simple Strömungslehre, angewandt auf Eisflüsse. In der Praxis zeigen sich jedoch Abweichungen, die glaziologischen Spürsinn erfordern. In Tirol wurde ein und derselbe Vermisste gleich zweimal gefunden: 1953 traten am Prägratkees in 2700 Meter Höhe Skelettteile, eine Pfeife, eine Hornbrille und Textilreste aus. Sie wurden einem 37jährigen Engländer zugeordnet, der bei einer Bergtour in diesem Gebiet verschwunden war. 1990 fanden sich an derselben Stelle abermals Skelettteile, Kleiderreste und die Überbleibsel eines Bergschuhs. Die Beschaffenheit der Funde stimmte mit jenen aus dem Jahr 1953 überein.

Ein Auf und Ab der Eis-Gezeiten stellte sich als Ursache des makabren Phänomens heraus: 1936, als der Engländer abstürzte, begann der Gletscher zu schmelzen. 1953 war das Eis so weit zurückgegangen, dass die ersten Fundstücke freikamen. In den nächsten Jahrzehnten wuchs und schrumpfte der Gletscher abermals, bis er von neuem an ein und derselben Stelle Andenken an das Bergunglück freilegte.

MANCHMAL VERLEIHT DER ZUFALL dem Spiel der Eiskristalle sogar so etwas wie Symbolkraft, wie der Fall des Johann Nägeli zeigt. Es begann mit einer Vermisstenmeldung im Jahr 1914, als unser Jahrhundert erstmals zeigte, was in ihm steckt, und endete im Jahr 1986, als sich die Nachkriegsordnung aufzulösen begann, mit einer schwierigen Bergung, bei der Presslufthammer und Spitzhacke eingesetzt werden mussten. Tourengeher hatten ihn am Fuss des Oberaargletschers entdeckt. Ein Bein mit einem Schuh ragte aus dem Eis.

Der Gletscher hatte den Körper plattgewalzt, seine Haut war wie aus Leder, die Organe waren zu Fettwachs umgebildet. Am guterhaltenen linken Fuss fehlte die grosse Zehe - eines der Merkmale, die zur Identifizierung Nägelis führten. Er hatte im Jahr 1914 dem Hüttenwart oben in der Oberaarhütte geholfen. Der Wirt war ins Tal gegangen, dort erfuhr er, dass Mobilmachungstag war, der Erste Weltkrieg hatte begonnen. Er rückte ein, sein Helfer war ihm wohl nachgegangen und in eine Gletscherspalte gefallen.

Nägeli trug einen Brief bei sich, verfasst von seinem Sohn. Das Dokument gibt es immer noch, es liegt bei der Kantonspolizei Bern, hinter einer Vitrine der Lehrmittelsammlung. Nicht einmal die Tinte ist verwischt, als hätte der Gletscher die Absicht gehabt, die feinziselierten Buchstaben für immer stehenzulassen: «Behüte euch Gott da droben und habt Achtung.»


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