NZZ Folio 05/98 - Thema: Auto   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Martins Pool

© Christian Känzig
Der 28jährige Pianist und Komponist Martin Wettstein, freischaffender Künstler auf dem Gebiet der klassischen Musik, wohnt im leeren Hallenschwimmbad einer Villa in Herrliberg. Linktext
Von Lilli Binzegger

«WIE ICH DAZU GEKOMMEN BIN, in einem Hallenbad zu wohnen? Meine Mutter ist Bildhauerin, und sie hatte dem Besitzer der Villa, zu der das Hallenbad gehört, eine Skulptur verkauft. Ich suchte gerade eine Wohnung und sah hier dieses unbenutzte Bad. Sie sehen ja den Flügel. Der ist recht laut. Es ist nicht leicht, damit unterzukommen. Vor allem, wenn man nicht viel Geld hat, ich war damals noch Student. Ich hatte eine Vision und dachte, ich frag' den Mann einfach mal. Zuerst fand er es eine Schnapsidee, dass hier einer wohnen wollte, aber nach einer Woche hatte ich ihn überredet. Er liess das Wasser aus dem Bassin ab und räumte den Grümpel weg, und ich zog mit meinem Flügel, dem Billardtisch und meinen anderen Sachen hier ein. Das war vor vier Jahren. Es riecht immer noch etwas nach Chlor. Selber merke ich allerdings nichts mehr davon. Mein Flügel, ein Steinway, das Beste, was Sie haben können, steht im leeren Schwimmbecken. Ich habe ihn unterlegen müssen, weil der Boden abschüssig ist. Und ich bin gegen Wassereinbruch versichert. Die Versicherung hat vorsichtshalber die Hahnen abschrauben lassen.

Nun kann ich Tag und Nacht spielen.

Das hier ist wie eine grosse Einzimmerwohnung auf zwei Ebenen. Der Swimmingpool ist mein Arbeitsraum und damit mein Ideenpool. Oben in der Liegehalle, die wie eine Galerie über dem Becken verläuft, wohne ich. Im nie ganz fertiggestellten türkischen Bad habe ich die Küche. Dort drin stehen ein Kochherd und ein Kühlschrank. Sie dürfen gerne hineinschauen, aber es ist ein Sodom und Gomorra dort drin. Ich koche sehr gern, letzthin hatte ich 50 Leute hier, da war natürlich ein Chaos. Ich bin noch Korrepetitor beim Konzertchor Zürich, die waren alle hier, und wir haben ein Gelage veranstaltet und ein Hauskonzert gemacht. Ich spielte ein Stück von mir, zusammen mit dem Cellisten, und wer den besten Namen für das Stück fand, bekam eine Flasche Champagner. Ein Vorzug dieses Raums ist die Akustik. Es ist schön, wenn sich der Klang des Flügels entfalten kann.

Eigentlich der einzige Nachteil ist, dass es fast kein Tageslicht gibt. Hier unten gar keins, und oben ist die einzige Lichtquelle die Glastür von der Liegehalle ins Freie. Morgens komme ich zum Beispiel fast nicht aus den Federn, vor allem im Winter. Im Sommer ist es schön, da zeichnet die Sonne Schattenbilder an die Bassinwände.

Als ich hier einzog, erlebte ich buchstäblich einen Vibrationsschub. Da war hier alles ganz leer. Leere inspiriert mich. Ich habe zum Beispiel wie verrückt Bilder gemalt, obwohl ich überhaupt kein Maler bin, aus reiner Lust. Ich war total inspiriert. Jetzt nicht mehr so, ich habe mich an den Raum gewöhnt, darum sehe ich mich wieder nach etwas Neuem, Leerem um. Komponieren kommt auch aus der Leere. Das ist etwas ganz Spannendes. Da ist so etwas wie eine Ursuppe. Oder wie ein Acker. Den muss ich nur pflegen und düngen, und wenn ein Keimling da ist, dann wächst der wie von allein. Dann wird das wie ein Baum, der Äste bildet. Die einen sterben ab, aber die hat es auch gebraucht, damit die anderen wachsen. Wie in der Evolution. Was nützlich ist, das überlebt. Für ein Stück von 20 Seiten schreibe ich sicher 100 Seiten.

Mein Tagesablauf? Ach, eine Leidensgeschichte! Man hat mir immer gesagt, Morgenstund' habe Gold im Mund, aber das ist nicht wahr. Ich habe schon eine Art Rhythmus, aber der entspricht leider nicht dem 24-Stunden-Zyklus. Ich arbeite manchmal in der Nacht, manchmal am Tag. Am Morgen nie.

Ich wohne allein hier, aber ich habe natürlich oft Gäste, auch Musikerkollegen aus dem Ausland, die dann hier wohnen. Ich lasse fast immer die Türe offen. Da kommen auch Katzen zum Schlafen herein. Ich mag Katzen.

Die Drachen auf dem Sims hat mein Bruder aus Indien geschickt. Er hat eine Zeitlang dort gelebt. Ich sollte sie für ihn verkaufen. Mir gefallen aber Drachen, darum habe ich sie alle behalten. Die Bücher auf dem Bassinrand sind Partituren. Die anderen stehen oben, am liebsten mag ich naturwissenschaftliche Literatur. «What is Life?» von Lynn Margulis, Christian de Duve, Richard Dawkins mit seinem Weltbild, in dem sich die Evolution nicht aufs Biologische beschränkt. Die Angelsachsen beschreiben diese Dinge so gut.

Die Teppiche sind Familienbesitz. Auch anderes hier sind Leihgaben von Verwandten, der hanseatische Bürgermeistersitz von 1850 etwa, der oben steht. Meist hängen zur Schalldämpfung noch Decken über den Bassinrand. Solche mit Mustern. Das sieht noch recht orientalisch aus.

Hier unten ist es immer etwa drei Grad kühler. Am Anfang bin ich fast verzweifelt, weil die Luft kondensiert hat. Alles fing an zu schimmeln. Ich bin mit dem Föhn dahintergegangen und habe Salz gestreut gegen Pilze. Jetzt steht über dem Ablauf ein Entfeuchter, natürlich auch wegen des Flügels. Schaden hat er nicht genommen. Aber er hat schlecht getönt, die Filze wurden ganz weich.

Geräusche? Die Heizung. Ein Riesending. Die rauscht gewaltig. In einem Raum mit guter Akustik kommen eben auch solche Geräusche zur Geltung. Die Leute, die hier übernachten, finden das manchmal ein wenig unheimlich. Es gibt oben fünf grosse Hahnen, und wenn ich die aufschraube, dann wird es wahnsinnig heiss. Die ersten zwei Jahre habe ich nicht einmal gemerkt, dass man hier heizen kann. Da habe ich im Winter gefroren und bin mit drei Pullovern übereinander herumgelaufen. Hier unten ist nicht geheizt, aber beim Üben bekomme ich sowieso warm.


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