NZZ Folio 11/03 - Thema: Erben   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Ja, aber welches?

© Fabienne Boldt
Linktext
Von Luca Turin

EINST, ALS HOHE ABSÄTZE noch die Parkettböden ruinierten und die Frauen voller kleiner Geheimnisse waren, wählten sie ihr Parfum nicht aus, sondern heirateten es. Die Glücklichen unter ihnen hatten es leicht: zwei Unzen Joy hielten länger als der durchschnittliche Liebhaber, es gab nur drei oder vier ernst zu nehmende Parfumhersteller, und alle anderen Frauen schienen Violettes de Toulouse zu benutzen. Die Männer wiederum liessen sich von ihrem Friseur beraten und kamen mit Aqua Velva nach Hause.

Mittlerweile ist die Sache interessanter geworden: Jedes Jahr werden 400 neue Düfte lanciert, und selbst der Duty-free-Shop am Flughafen von Chabarowsk verkauft Parfums, die nach Berühmtheiten benannt sind, von denen man noch nie gehört hat. Bis vor kurzem musste man sich, wenn man durchs Parterre eines Kaufhauses flanierte, Schwärmen von retouchierten und mit Sprays bewaffneten Kreaturen erwehren, Furien im Duftkreis der Hölle. Doch dann kam Sephora, eine Ladenkette, die einem Zeit lässt, selbst zu riechen, und alles wurde wieder leicht. Alles, ausser der Qual der Wahl.

Zum Glück hat auch die menschliche Klassifikationslust nicht auf der faulen Haut gelegen. Die deutsche Firma Haarmann & Reimer, die sich seit der Fusion mit ihrem Erzrivalen auf der gegenüberliegenden Strassenseite in Holzminden Symrise.com nennt, gibt ein wunderbares Poster über die Genealogie der Düfte heraus, das sie jedem zuschickt, der nett darum bittet. Die vertikale Achse repräsentiert die Zeit und beginnt 1881 mit Fougère Royale; die horizontale stellt das Duftspektrum von blumig bis ledrig dar. Doch hier liegt der Hase im Pfeffer, denn natürlich ist sich kaum jemand einig, wo die Gerüche hingehören. Der Klassifikationsausschuss der Société technique des Parfumeurs de France verbringt jeden Monat ein paar nette Stunden mit geheimnisumrankten Debatten zum Thema, und in seinen Presseerklärungen wuchern lauter neue genealogische Zweige: ozeanische Blumendüfte und dergleichen mehr.

Zum Glück hat dieses Feld in dem ebenso passionierten wie gebildeten Parfumliebhaber Michael Edwards seinen Linné gefunden. Er hat das einzige Klassifikationssystem entwickelt, das tatsächlich funktioniert, und ein hervorragendes Buch dazu verfasst, das unter www.fragrancesoftheworld.com erhältlich ist. Wie es funktioniert? Nehmen wir an, Ihre Mutter hatte sich in ihrer unendlichen Klugheit 1981 für K von Krizia entschieden. Sie schauen im Inhaltsverzeichnis nach und stellen fest, dass es zur Gruppe der «weichen blumigen» Düfte gehört, deren Urduft Chanel No 5 ist. Sobald Sie auf dieser Seite gelandet sind, sehen Sie, dass es in die Spalte der «prickelnden» Düfte gehört, einer von vier Kategorien von «frisch» bis «schwer». Jede von ihnen listet Dutzende von Parfums mit dem Datum ihrer Kreation auf.

Nachdem Sie diese studiert haben, pilgern Sie voller Zuversicht in Ihre Parfumerie und verlangen Royalissime von Prince Henri d’Orléans, um am Ende zögernd das (weit überlegene) White Linen zu wählen.




Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.