NZZ Folio 07/94 - Thema: Zum Mond   Inhaltsverzeichnis

Blick in die Welt -- Die Tempel der Neuzeit

Von  Dieter Meier

Ein paar tausend kurze Tage
bin ich nur auf dieser Welt,
Was als Schmuck ich an mir trage
ist immer nur mein Erdenzelt.
Meier kann von sich nicht weichen,
immer setzt er nur ein Zeichen
seiner kleinen Existenz,
mal klein, mal gross
die Transparenz.

Seit die Menschheit existiert,
ist das Leben Illusion.
Wein wird Blut ganz ungeniert
und Frieden Krieg, ich komm
ja schon.
Und die Form der Kathedrale,
und die Farbe jeder Hose,
und die Bilder, die ich male,
sind zuletzt die gleiche Chose.

Die Frage nach dem eignen Sein,
kreiert vom eignen Sein den Schein.
So setzt ein jeder, bis er stirbt, von
seinem Sein ein täglich Zeichen,
mit dem er für sich selber wirbt,
und keiner kann dem Zwang
entweichen,
sich täglich wieder darzustellen,
und anders als die Bachforellen
das Sein als Schein erst zu erfinden,
und wie ein Aal sich dann zu
winden
bei der Frage nach dem Sinn.
Und hier ist Anfang und Beginn.

Seit der Mensch erhöht und bestraft ist, über sein Dasein nachzudenken, hält er die Tatsache, dass sein Leben ein lächerlich unbedeutender kosmischer Unsinn ist, nicht aus. Er schafft sich eine mehr oder weniger komplizierte Götzenwelt, die seinem Vorhandensein und seinem Tun die Illusion einer übergeordneten Rechtfertigung gibt. Je weiter der Mensch sich von den animalischen Bedürfnissen des physischen Überlebens emanzipiert, desto wichtiger wird die Kreation und Verwaltung des Scheins. So sind denn Produkteerfinder und Werber die Priester der Neuzeit, weil sie nicht mehr die Ware verkaufen, sondern ein Lebensgefühl, ein Etikett und eine Illusion.


Seit der Homo sapiens quasi über Nacht sich seiner Nacktheit bewusst wurde (in der Bibel der Paradiesverlust), musste er sich kleiden und damit sich selber darstellen und damit für sich werben wie der Hirsch mit dem Geweih. Das Säugetier mit dem grossen Kopf ist erst in den Aggregatszustand Mensch übergetreten, seit es sich schmückt und damit bewusst an seinem Er-Scheinen arbeitet. Mit jedem Jackett, jeder Uhr, jedem Schuh, jedem Auto, jeder Zigarette, jedem Hemd, jeder Unterhose, jedem Witz und jedem Statement über Velázquez, Gottfried Keller, Giuseppe Verdi, Immanuel Kant, Michael Jackson und Aristoteles setze ich ein Zeichen meiner selbst und zeige, wer ich bin. Auch die Sprache ist wie die Zipfelmütze nur ein Teil jenes Er- Scheinens, das das Sein als Dasein bestimmt.


Der sogenannte Künstler ist nichts mehr als ein exhibitionistisch veranlagtes Extrem, das berufsmässig an seinem Er-Scheinen arbeitet und seine subjektive Weltsicht mehr oder weniger geschickt dem Publikum andient.
Da jeder Mensch einzigartig ist, wird jeder Mensch die Welt anders sehen. Auch die Wissenschaft ist nur eine Erklärung der Welt. Vom Kleinsten, dem Teilchen, und vom Grössten, dem Universum, machen wir uns seit Jahrtausenden einen austauschbaren Reim. So ist denn die Relativitätstheorie auch insofern relativ, als sie auch ein Teil unserer Scheinwelt ist.


Zur Zeit der Studentenrevolte wurden Konsumgüter und ihre Gestalter und Verkäufer beschimpft als Sklaven des Kapitalismus, die den Menschen in eine Scheinwelt verführen und damit von sich selbst entfernen würden. Man verherrlichte die markenlose Konsumgesellschaft des Kombinats «Braune Pumpe Rostock» und die Ziviluniformen der maoistischen Kulturrevolution. Ich aber sage euch: Ist es nicht herrlich, dass wir nicht mehr die Sklaven der naturgegebenen Bedürfnisse sind, sondern sie uns selber schaffen?


Um die Wende ins dritte Jahrtausend emanzipiert sich der industrialisierte und herrlich pervertierte Teil der Menschheit, den Leerlauf des Lebens in seinen Produkten zu erkennen, die nicht mehr dem Überleben dienen, sondern der Illusion als dem wichtigsten Teil der Realität. Vom Auto übers Rauchen zum Trinken und zu dem Jackett von Hugo B. dient alles dem Schein, der in seiner finalen Phase das Sein vernichten muss.


Nehmen wir Knecht-Schreiber hier als Beispiel des Schein-Werfers: Mit diesen Zeilen über austauschbare Themen versuche ich zu projizieren, was in mir steckt, und gleiche damit dem Kugelfisch, der eine andere Methode der Selbstdarstellung gewählt hat, die aber letztlich auch dem plumpsten Darwinismus unterliegt. Mit allem, was ich bin, werbe ich jede wache Sekunde für das, was mir der Herrgott eingepackt hat und die Eltern als Prinzip Mensch Meier mitgegeben haben.

Niemals wird Herr
Meier wissen,
Wer Herr Meier
wirklich ist.
Und wenn ihn mal die Musen
küssen, ist auch das
nur eine List.
Alles, was er ist, bleibt
Schein
Fassade nur vom
kleinen Sein.


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