NZZ Folio 03/95 - Thema: Mit den Augen   Inhaltsverzeichnis

Phänomene -- Perpetuum mobile

Von Wolfgang Bürger

IM JAHRE 1775 beschloss die königliche Akademie der Wissenschaften zu Paris, keine Entwürfe von Maschinen in immerwährender Bewegung mehr auf Patentfähigkeit zu prüfen, sondern sie mit der pauschalen Begründung abzuweisen: «La construction d'un mouvement perpétuel est absolument impossible.» Das geschah ein dreiviertel Jahrhundert, bevor Robert Julius Mayer den Satz von der Erhaltung der Energie formulierte, aus dem folgt, dass es keine perpetua mobilia erster Art geben kann.

Diese Erkenntnis hat eigensinnige Erfinder nicht gehindert, Jahre ihres Lebens zu opfern, das Unmögliche zu versuchen und Maschinen zu entwerfen, die Energie aus dem Nichts gewinnen sollen. Viele von ihnen haben dafür ein einfaches Rezept: sie missbrauchen ein physikalisches Gesetz so geschickt, dass es dem auf vorwissenschaftlichen Erfahrungen fussenden «gesunden Menschenverstand» überzeugend erscheint. Wenn die Erfinder allerdings übertreiben, indem sie ein allgemein bekanntes Naturgesetz ausser Kraft setzen, häufig das Gesetz der Gleichheit von Kraft und Gegenkraft (actio = reactio, Newtons lex tertia), stossen sie auch bei physikalischen Laien auf Widerspruch. Könnte zum Beispiel ein vors Auto geschraubter starker Permanentmagnet das Fahrzeug samt Magnet vorwärtsbewegen?

Ermutigt werden die Perpetuum-mobile-Erfinder durch den Umstand, dass das Energieprinzip, eine der starken Säulen, auf denen das Gedankengebäude der klassischen Physik ruht, sich nur auf Erfahrung gründet und nicht bewiesen werden kann. Jeder fehlgeschlagenen Versuch, ein Perpetuum mobile zu bauen, macht den Satz von der Erhaltung der Energie zwar plausibler, aber ein einziges funktionierendes Perpetuum mobile würde ihn widerlegen.

Bedenklich muss uns die Praxis von Behörden stimmen, die bis in die jüngste Zeit Patente auf Konstruktionen erteilt haben, die angeblich Energie aus nichts erzeugen können, zum Beispiel ein «Vibration Driven Vehicle» (U. S. Patent Nr. 3.530.617 vom 29. September 1970) oder für einen «Directional Force Generator» (U. S. Patent Nr 3.555.915) vom 19. Januar 1971). Auch der «Apparatus for Developing a Propulsion Force» (Europäisches Patent Nr. 0128008 B1 vom 10. Mai 1989), nach seiner Beschreibung «an improved propulsion system which obtains propulsive force in a resultant direction without the necessity for the opposite projection of particles», verletzt nicht nur das Energieprinzip, sondern auch das Prinzip der Gleichheit von Kraft und Gegenkraft.

Welchen Schluss müssen wir daraus ziehen, dass echte Perpetuum-mobile-Konstruktionen patentrechtlich geschützt werden? Sind wir 150 Jahre nach der Entdeckung des Energieerhaltungssatzes auf den Stand vor 1775 zurückgefallen? Können es sich unsere überlasteten Patentämter leisten, ihre Zeit mit distinguished technological nonsense zu verbringen?

Ein Perpetuum-mobile-Mechanismus wäre, gäbe es ihn, zudem sehr gefährlich. Die überschüssige Energie würde den Apparat beschleunigen, bis er der Belastung nicht mehr standhielte und auseinandergerissen würde.

Da es also nach aller Erfahrung kein Perpetuum mobile gibt, möchte ich den Lesern zum Schluss eines mit auf den Weg geben, das zwar nicht mit Physik, aber mit etwas gutem Willen funktioniert. Es ist sehr einfach herzustellen. Schreiben Sie auf ein Kärtchen «Bitte wenden» und denselben Text auf die Rückseite! Lassen sie das Kärtchen in einer belebten Fussgängerzone auf den Boden flattern. Irgend jemand wird es aus Neugier aufheben und umdrehen. Falls er Spass versteht, lässt er das Kärtchen für das nächste «Opfer» wieder fallen. Neugier bei Ihren Mitmenschen vorausgesetzt, haben Sie das denkbar einfachste Perpetuum mobile in Umlauf gebracht.


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