NZZ Folio 12/97 - Thema: Die Schöpfung   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- Champagner - le véritable

Von Philipp Schwander

NUN KNALLEN bald die Korken wieder; es naht die Festtagszeit, wo man sich etwas Besonderes gönnen will: Champagner, und zwar den echten.

Der wahre Champagner, das wissen mittlerweile nicht nur die Connaisseurs, stammt aus einem genau umgrenzten Gebiet rund 150 km nordöstlich von Paris, aus der Champagne - ein in der Tat erstaunliches Weinbaugebiet. Wer würde schon vermuten, dass es keine andere Weinregion der Welt gibt, die einen höheren Warenwert generiert? 15,6 Milliarden französische Francs betrug dieser im letzten Jahr, und damit lag die Champagne noch immer deutlich vor dem prosperierenden Bordelais, das es mit seiner fast viermal grösseren Anbaufläche auf gerade 13 Milliarden gebracht hatte. Und auch für die kommende Jahrtausendfeier dürfte die Champagne gewappnet sein, schlummern doch derzeit rund eine Milliarde Flaschen in den kühlen, insgesamt 260 Kilometer langen Kreidekellern ihrer Bestimmung entgegen.

Was aber ist der Grund, weshalb auch heute noch die wichtigsten und schönsten Feste mit Champagner gefeiert werden? Mittlerweile praktizieren ja viele Schaumweinhersteller die zweite Gärung in der Flasche, die dem Sekt, Cava, Spumante, oder wie sie alle heissen, eine besonders feine Perlage verleiht; auch gibt es immer mehr qualitätsbewusste Produzenten, welche die in der Champagne favorisierte lange Lagerung der Schaumweine auf der Hefe anwenden. Einzigartig sind jedoch die naturgegebenen Eigenheiten der Champagne, welche für die Schaumweinherstellung nicht besser sein könnten. Geeignete Böden, in diesem Falle Kreide, sorgen zusammen mit dem kühlen Klima für reife Trauben mit der für Schaumweine notwendigen hohen Säure, wobei sich die Traubensorten der Pinot-Familie - Pinot noir und Pinot meunier - zusammen mit dem Chardonnay als die dem Champagner zuträglichsten herausgestellt haben. Schliesslich führte die über mehrere Jahrhunderte erworbene Erfahrung zur Perfektionierung der naturgegebenen Voraussetzungen.

Bei allem Lob soll auch nicht verschwiegen werden, dass sich die Champagne zurzeit in einer schwierigen Phase befindet. Denn wie das Geschäft mit Luxusgütern allgemein reagiert auch der Champagnerabsatz auf die wirtschaftliche Lage wie ein Seismograph. Nach der goldenen Cüpli-Zeit in der Hochkonjunktur brach der Absatz in den Jahren 1992 und 1993 ein, und die in den letzten Jahren registrierte langsame Erholung wird in Frage gestellt von den von einigen Grossbetrieben hoch gehaltenen Traubenpreisen. Die weltweite qualitative Verbesserung der gewöhnlichen Schaumweine erhöhte zudem den Druck auf die einfacheren Champagner.

All dem zum Trotz ist der Champagner nach wie vor der unbestrittene König der Schaumweine, wie eine kürzlich durchgeführte Bestandesaufnahme bei einigen führenden Marken demonstrierte. Bei den Standardqualitäten ohne Jahrgang zeigten sich zwar manche Produkte der unteren Preislage mit grober Perlage, süsslich und ziemlich eindimensional. Die teureren Champagner gefielen dafür in ihrer angenehmen, mitunter finessenreichen Art, wie beispielsweise Billecart-Salmon, Moët & Chandon «Brut Premier Cru» sowie Pommery «Brut Royal». Kräftiger, mit vollerer Frucht waren Veuve-Clicquot, Louis Roederer «Brut Premier» und der sehr trockene Bollinger.

«Blanc de Blancs» ist eine neue Art Champagner, die erst in den fünfziger Jahren dank der Familie Taittinger aufgekommen ist. Verwendet werden nur Chardonnay-Trauben, der daraus entstandene Wein schmeckt deutlich leichter - für Puristen oft zu leicht. Überraschend nuanciert wirkte an der Verkostung in St. Gallen der «St-Gall» der Union Champagne, des mit 1000 Hektaren wichtigsten Besitzers an der Côte des Blancs. Eine feine Perlage und grosse Eleganz besass der Mumm de Cramant; excellent wie immer der Taittinger «Comtes de Champagne», dessen 88er aus der Magnum sich durch eine delikate Frucht auszeichnete.

Eine wenig bekannte und weithin unterschätzte Kategorie ist der Jahrgangschampagner: Frisch, relativ leicht der 88er Pol Roger, Churchills Lieblingsmarke; würzig und fruchtig Charles Heidsieck 1989, cremig und komplex der 89er Pommery. Herausragend der 89er Louis Roederer mit seinem vollen, klaren, fast kreidigen Charakter. Dass Champagner der besten Häuser zuweilen auch sehr gut reifen, demonstrierte ein ungewöhnlich vitaler, fülliger 61er Bollinger.

Nach einer weiteren Differenzierung verlangte die Liberalisierung des Luxusgetränkes Champagner, als die verbesserten Produktionsmethoden eine immer günstigere Herstellung und den Vertrieb auch über Supermärkte ermöglichten. Um die elitärsten Geniesser zu verwöhnen, wurde die «Cuvée de Prestige» erfunden, der im Prinzip beste Champagner des Hauses. Unserer Jury war es vergönnt, eine äusserst reichhaltige Auswahl zu degustieren. Herausgegriffen seien nur die besten: Markant, trocken und von überaus seriöser Qualität der «Grand Siècle» von Laurent-Perrier; gefällig und populär der 90er Dom Pérignon; gereift, komplex und mit beinahe barocker Perlage der 89er «Grand Millésime» des kleinen Hauses Gosset. «La Grande Dame» 1989 von Veuve-Clicquot stellte sich als äusserst gediegener Champagner mit Kraft und Finesse heraus. Feinschäumend, mit cremiger Mousse war der auf sublime Weise Pinot und Chardonnay vereinende 90er «Cristal» von Roederer. Es folgte Krug als Primus inter pares mit einer gut ausgereiften, köstlichen «Grande Cuvée», einem runden, ziemlich gehaltvollen, schon recht weit entwickelten 89er, sowie einem grandiosen, reichhaltigen 85er von geradezu klassischem Format.


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