NZZ Folio 08/93 - Thema: Romandie   Inhaltsverzeichnis

Der Radiowellen sanfter Schlag

Bernard Pichon und seine "Ligne de coeur".

Von Renata Libal

BEI DEN FRANZÖSISCHSPRACHIGEN Radio- und Fernsehsendern versucht man die Jungen mit Respektlosigkeit zu ködern. Christophe Dechavanne, Präsentator beim französischen Sender TF1 (der in der Westschweiz oft gesehen wird), ist in dieser Hinsicht tonangebend. Das Prinzip ist einfach: man führt einen Gast ins Studio, wie man einen zum Tode Verurteilten aufs Schafott führt. Der Präsentator, das Publikum und der Gast selbst wissen, dass das Ziel des Spiels darin besteht, ihn aufs Korn zu nehmen und ihn zu Fall zu bringen mit Fragen wie: «Sind Sie, wenn Sie Liebe machen, lieber unten oder oben?» oder «Wer sucht Ihre Unterhosen aus?» Die Antwort zählt dabei wenig. Hauptsache, die Sendung gilt als «fun», «speed», «der Hammer».

Aber - was für eine Überraschung - diese Art Kommunikation ist nicht die einzige, die die Jungen fasziniert. Die jüngsten Statistiken des ersten welschen Radiosenders, La Première, zeigen ein ganz neues und unerwartetes Resultat: Es gibt Junge, die Sätze ohne Anglizismen vertragen, Emotionen den Sensationen vorziehen, nicht nur ans Festen denken und sogar von ihrem Liebeskummer und ihren Sorgen sprechen. Doch, doch! Gehören diese Jungen zu einer Gruppe, die Modeerscheinungen unzugänglich ist? Oder sind sie - abgründige Perspektive - die Vorgänger einer neuen Gefühlsordnung? Die Spezialisten wollen sich im Moment noch nicht festlegen. Sicher ist aber, dass eine dauernd wachsende Kolonie von diesen seltenen Vögeln (etwa 5000 nach der Befragung von 1992) in der welschen Schweiz gesichtet wird. Eines verbindet sie: Sie hören «La ligne de c?ur», die Linie des Herzens.

Die Sendung besteht vor allem aus Anrufen von Zuhörern, live, von Montag bis Donnerstag zwischen 22 Uhr und Mitternacht; sie berichten von ihrer Einsamkeit, manchmal von ihren Freuden und immer vom Alltagsleben. Eine einzige Bedingung: in der ersten Person über sich sprechen. Im allgemeinen dämmert eine solche Sendung so vor sich hin mit Anrufen von Pensionierten, die ihre Einsamkeit mit dem Radio ausfüllen, dieser fügsamen und gesprächigen Maitresse. Letztes Jahr aber brach etwas zusammen, was man die Mauer zwischen den Generationen nennen könnte. Die Telefonzentrale der «Ligne de c?ur» begann wie ein Bienenstock zu summen, und mehr als 15 000 Hörer riefen übers Jahr an - was zu einer so späten Stunde absolut ungewöhnlich ist. Ein Drittel davon waren Junge unter 30 Jahren. Das hatte man bei Radio Suisse Romande noch nie erlebt.

Ein Abend wie viele andere in der Telefonzentrale der «Ligne de c?ur». Bernard Pichon, der der ganzen Sendung ihren Stil gibt, zieht sich die Kopfhörer über. Laurent, ein Theologe, nimmt die Anrufe mit dem nötigen Wohlwollen entgegen. Die Wand hinter ihm ist voll von Zeichnungen, Kartengrüssen von treuen Hörern und von jenen, die den Unterbruch der Sendung im Sommer - sie beginnt wieder im September - schlecht vertragen. Eine Hörerin aus Alicante hat sogar einen gestickten Bären geschickt, und Tante Yvonne, ein «Stammgast», vergisst nur selten ihr Paket mit Biscuits und Schokolade. Laurent lacht, als er Dora am Draht hat: «Sie ruft jeden Abend an. Nicht, um am Radio zu sprechen, nur um mir einen guten Abend zu wünschen und zu erzählen, was sie an diesem Tag erlebt hat . . .»

Mit dem 40jährigen Michel wird es nun ernst, er spricht mit erstickter Stimme. Nach der Scheidung hat er das Sorgerecht für die Kinder bekommen und bedauert, dass «die Frauen die Kinder der Männer nicht wollen», dass er als alleinerziehender Vater sich nur kurze Abenteuer leisten kann. Dann ruft Yann an. Die Verbindung ist schlecht, er flüstert nur in den Hörer, da er fürchtet, von Mama und Papa ertappt zu werden. Yann ist 17, er wurde eben aus seiner Mechanikerlehre entlassen; er ist arbeitslos, hat aber vor allem Mühe, einen Liebeskummer zu überwinden: «Es ist besser, gar nicht erst anzufangen, als dann wieder auseinandergehen zu müssen», meint er. Bernard Pichon schlägt ihm vor, der Zentrale seine Adresse zu geben, falls andere Mädchen ihm gerne schreiben möchten. «Mja . . .», miaut eine kleine, traurige Stimme am anderen Ende des Drahts. Kulissenwechsel: Gertrude möchte «vom Teilen der Hausarbeit zwischen Mann und Frau» sprechen. Sie ist eine rüstige 90jährige. Ihr Mann ist 1942 gestorben, aber damals «wusch er die Kinder jeden Sonntag, eines nach dem andern, in der Badewanne». Sie erinnert sich noch gut daran, an diesen idealen Ehemann, mit dem sie zehn Jahre zusammengelebt hat: «Vor allem sein Lachen höre ich noch gut.» Dann ruft Valentine an. Sie ist 19 und möchte Yann antworten. Sie versteht, dass Liebesgeschichten scheitern, hat selber Angst, «sich zu schnell zu binden, zu viel aufs Mal zu wollen». Bernard Pichon stimmt zu: «Manchmal bildet man sich eine Liebe ein und wird blind für alles andere.» Los, hören wir eine Platte, um an etwas anderes zu denken: Philippe Lavil fängt mit seinem regressiven Lispeln an und träumt davon, wie der Titel des Chansons sagt, sich anzukuscheln «Wie ein kleines Baby». Wie kann eine so von Sentimentalität triefende Sendung bei den Jungen solchen Erfolg haben? Niemand kann Bernard Pichon verdächtigen, Publikumshascherei bei Jugendlichen zu betreiben. Die Musikstücke riechen nach Veilchenwasser, seine Stimme geht einem vor lauter Sanftheit und Mitgefühl auf die Nerven, der Ton ist immer so ernst, so «echt», als ob er sagen würde: «Achtung, hier geht es um etwas Ernstes, wir sprechen von GEFÜHLEN!» Die Spezialität des Hauses? Gut gemeinte Sätze, gut dosiert wie «und Sie träumen vom Glück . . . Wenn dieses Wort überhaupt einen Sinn hat.»

Wenn man Bernard Pichon zuhört, glaubt man Wörter wie GLAUBE, HOFFNUNG, LIEBE in Grossbuchstaben zu hören. «Es stimmt, dass ich mich sehr um das richtige Wort bemühe», sagt Bernard Pichon lächelnd. «Gewiss aus eigener Erfahrung . . . Es ist so leicht, bestimmte Wörter für alles und nichts zu brauchen. Manches habe ich erst spät entdeckt: den Unterschied zwischen <lieben> und <verliebt sein>, zum Beispiel. Rückblickend ist es nicht zu glauben, dass ich diesen Unterschied nicht sofort erkannt habe.» Hilfe, wo ist der Ausgang aus dieser Hölle der Freundlichkeit?

Eigenartigerweise geht einem das mit der Zeit immer weniger auf die Nerven. Zuerst schämt man sich, dass man weiter zuhört, dass man diesem wohlmeinenden, süss-freundlichen Radio den Mund noch nicht gestopft hat. Dann stellt man eines Tages mit Erstaunen fest, dass man im Auto vor dem Haus sitzen bleibt, die Lichter ausgeschaltet, und wartet, bis der Anruf zu Ende ist, bevor man das Radio endlich abstellt. Bernard Pichon erzeugt Abhängigkeit. Ob man ihn mag oder nicht, wenn man einmal angefangen hat zuzuhören, kann man es sich fast nicht mehr abgewöhnen. Denn diese Stimme öffnet im Welschland die Tür zu einer anderen Schweiz als der geschäftigen, die man tagsüber auf den Trottoirs der Städte trifft. Wie mit einer Lupe vergrössert, sieht man das gewöhnlich versteckte Elend. Wer ist der Mann in der Telefonkabine, der seine Revolte gegen den ihn auffressenden Krebs hinausschreit? Vielleicht ist es der Nachbar auf der gleichen Etage . . .

Und diese vergewaltigte, gedemütigte Frau, die vom Regen in die Traufe gerät, von einem gewalttätigen Mann zu einem sadistischen Liebhaber? Live, ohne anderes Zwischenstück als den Telefondraht, zeigen die intimsten menschlichen Dramen den ganzen Schrecken der Wahrheit.

Die Leute vertrauen sich Bernard Pichon an, weil er von Grund auf ehrlich ist. Die Welschen wissen das sehr gut, da sie ihn während Jahren am Fernsehen gesehen haben, in einer Kindersendung und auch in der Talkshow «Les oiseaux de nuit». Bernard Pichon kann nichts dafür, dass er trotz seinen 48 Jahren ein wenig pfadfinderhaft und wie ein «netter Junge» wirkt. Er spielt nicht bloss den Netten für diese Sendung, er ist es zutiefst. Wenn seine Stimme vor Mitgefühl zittert, sehen die Regiemitarbeiter hinter der Scheibe den Ausdruck in seinen Augen. Bernard Pichon spielt nicht, er liebt: «Ich stehe zu meiner jüdisch-christlichen Überzeugung. Ich glaube zutiefst, dass man zur Entfaltung der Menschen noch nichts besseres gefunden hat . . . Man findet das sicher in meiner Haltung während der Sendung. Für mich ist jeder gleich glaubwürdig. Wir haben alle etwas, das wert ist, geliebt zu werden.»

Dank dieser Fähigkeit zum Mitleid geschehen manchmal live richtige Wunder. Eines Tages erzählte ein junger Mann, dass er von seinem Onkel missbraucht worden sei und wie er darunter leide, dies seinen Eltern nicht mitteilen zu können. Er sprach lange und fand erstmals Worte für sein Leid. Am Ende des Gesprächs bat ihn Bernard Pichon zurückzurufen, wenn er es geschafft habe, das Schweigen zu brechen. Jean-Pierre rief sechs Monate später an: Schon am Morgen nach der Sendung hatte er den Mut gehabt, darüber mit seinen Eltern zu reden, die sensibel und entschlossen reagierten. Er werde eine Therapie beginnen. Er fühlte sich bereit, so dass er Bernard Pichon danken wollte: Als Geschenk nannte er öffentlich seinen Namen und den seines Dorfes. Er wollte zeigen, dass er endlich stark geworden war. Er sah die feuchten Augen des Radiojournalisten am anderen Ende des Drahtes nicht. Aber auf gewisse Weise blieb eine Spur zurück: Eine vertikale Falte durchzieht die Wange von Bernard Pichon gerade unter dem Auge . . . wie eine Furche von Tränen, die zu oft geflossen sind.

Der Vorgänger von Bernard Pichon am Telefon der «Ligne de c?ur» hiess Jean-Luc Hennig. Er fuhr den Leuten an den Karren, im Stil «Na, geben Sie's doch zu, Madame, dass Sie das mögen . . .» Ende 1990 verlangte die Direktion mehr Fingerspitzengefühl von ihm. Er wollte nicht und ging. Dabei liess er noch eine böse Bombe zurück, ein Buch mit dem Titel «Offener Brief an die so guten, so dicken und so traurigen Schweizer». Für ihn war die «Ligne de c?ur» ein Spiegel des Landes, und ihm wurde von dem, was er darin sah, übel: «In der Schweiz ist alles in verkleinertem Massstab, sogar das Geld, sogar die Wörter, sogar die Liebe», kann man da lesen. Variante: «Die Schweiz ist ein ansteckendes Unglücklichsein.»

Als Jean-Luc Hennig das Radio verliess, verschwand auch jede Frechheit aus der «Ligne de c?ur». Bernard Pichon hat sie nicht auf Lager. Der Spiegel hingegen ist geblieben. Aber er ist etwas angeschlagen, so dass er kein ganzes, kohärentes Bild mehr wiedergeben kann. Jeder Spiegelteil jedoch erzählt die Geschichte eines Menschen, immer einzigartig, immer universell. Andrea kämpft gegen die Krankheit. Charlotte fürchtet, man werde sie vergessen. Marie fiel herein mit einer Liebe, die keine war. Eric leidet darunter, in einem Männerkörper gefangen zu sein. André ist verjüngt, seit er bei einem Unfall davongekommen ist, und hat den diskreten Charme des Lebens entdeckt.

Soziologen und Journalisten haben sich gefragt, ob Bernard Pichon im kollektiven Unterbewussten der Welschschweizer den Superpsychiater spielt: Doch er hat die Ausbildung dazu nicht. Eine Art Pfarrer also? Er hat nur den Glauben. Ein Sozialarbeiter? Ein Voyeur? Ein Exhibitionist des Schmerzes? Auch nicht. Er lächelt: «In jeder Situation suche ich das Licht. Mich berühren diese Helden des Alltags sehr, die kämpfen, um weiterzukommen.» Vielleicht gibt es doch eine Erklärung für den Erfolg von Bernard Pichon, der so gut beruhigt, der zu verstehen versucht, der bedingungslos gibt . . . Ist Bernard Pichon etwa die Mama der welschen Schweiz?

Renata Libal ist Journalistin beim Wochenmagazin «L'Hebdo»; sie lebt in L'Abergement VD.


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