NZZ Folio 05/06 - Thema: Fussball-WM   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Der grosse Bremser

Am 10. Dezember 1954 bremste Colonel John Paul Stapp seinen Raketenschlitten. Es war wie mit hundert in eine Mauer zu fahren – bloss dauerte es 18 Mal länger.

Von Reto U. Schneider

Colonel John Paul Stapp war kein Aufschneider. Sonst hätte er seinem 1955 im «Journal of Aviation Medicine» erschienenen Artikel einen spektakuläreren Titel gegeben als «Die Wirkung von mechanischer Kraft auf lebendes Gewebe». Das lebende Gewebe war nämlich er selbst, und die Wirkung der mechanischen Kraft zeigte sich in Prellungen, blutunterlaufenen Augen, gebrochenen Knochen.

1947 flog Chuck Yaeger mit dem Jet X - 1 als erster Mensch schneller als der Schall. Im selben Jahr begann sich Stapp als Militärarzt mit der Frage zu beschäftigen, wie es einem Piloten wohl erginge, wenn er bei solchen Geschwindigkeiten sein Flugzeug im Schleudersitz verlassen müsste. Ein gewaltiger Luftstrom würde seinen Körper treffen und ihn augenblicklich abbremsen. Konnte ein Mensch diese Belastung überleben? Stapp beantwortete die Frage mit kühnen Versuchen, zuerst auf der Luftwaffenbasis Edwards in Kalifornien, dann auf jener von Holloman in Neumexiko.

Für die ersten Tests 1947 mit dem Raketenschlitten «Gee Whiz» waren Schimpansen vorgesehen. Als sie nicht rechtzeitig eintrafen, stellte sich Stapp als Versuchskaninchen zur Verfügung. Wegen seines eigenwilligen Verhaltens versuchten ihn seine Vorgesetzten immer wieder zurückzuhalten. Ohne Erfolg.

Das gewagteste und letzte Experiment, das Stapp beinahe das Augenlicht kostete, fand am 10. Dezember 1954 statt. Um die Mittagszeit liess sich Stapp von seinen Mitarbeitern im Raketenschlitten «Sonic Wind» anschnallen. Am Ende der einen Kilometer langen Geleise konnte er ein Ambulanzfahrzeug sehen.

Der Schlitten war nicht viel mehr als ein auf Schienen geführter Stuhl, mit neun Raketen im Rücken, die auf einem zweiten Schlitten montiert waren. Sie beschleunigten Stapp so stark , dass das Blut aus seiner Netzhaut wich: 1,5 Sekunden nach dem Start wurde ihm schwarz vor Augen. 3,5 Sekunden später – Stapp war jetzt mit 1017 km/h unterwegs – setzten die Bremsen ein: Eine Art Schaufeln griffen in das lange Wasserbecken zwischen den Schienen am Ende des Geleises und brachten den Schlitten in 1,4 Sekunden zum Stillstand; es war wie mit 100 km/h in eine Mauer zu fahren – bloss dauerte es 18 Mal länger.

Am Anfang des 210 Meter langen Bremswegs kam das Augenlicht für einen grellen Moment zurück. Doch die Gefässe hielten dem Druck, mit dem das Blut in die Augen schoss, nicht stand und platzten. Stapps Sicht färbte sich lachsrot, seine Augen rissen an Muskeln und Sehnerv. Sie schmerzten, «wie wenn ein Zahn ohne Betäubung gezogen wird».

Nachdem der Schlitten zum Stillstand gekommen war, befreiten die Helfer Stapp aus seinem Feuerstuhl. Mit den Händen griff er sofort nach den Augenlidern. Er glaubte, er sehe nichts, weil sie geschlossen seien, doch sie waren offen. «Jetzt ist es passiert», dachte er, «ich kann nicht mehr sehen.» Stapp war sich des Risikos, bei den Versuchen zu erblinden, durchaus bewusst. Seine Augen wurden schon bei früheren Versuchen in Mitleidenschaft gezogen.

Doch auf dem Weg ins Spital kam das Augenlicht langsam zurück. Die Untersuchung zeigte die üblichen blauen Flecken, wo die Gurten verliefen, und kleine Wunden, verursacht von Sandkörnern, die mit der Geschwindigkeit von Gewehrkugeln durch die Kleider drangen. Anders als bei einigen seiner 28 früheren Versuche hatte er bei diesem keine Knochen gebrochen.

Stapp war kurzzeitig einer Belastung von über 40 G ausgesetzt. Er hing mit mehr als dem 40fachen seines Körpergewichts in den Gurten. Lange Zeit glaubte man, ein Mensch könne nicht mehr als 18 G überleben.

Die Versuche führten nicht nur zu einem verbesserten Design von Pilotensitzen und Gurten in Flugzeugen, Stapp war auch ein Vorkämpfer für Sicherheitsgurte in Autos. Er führte auf Kosten der Armee die ersten Crashtests mit Autos durch. Als seine Vorgesetzten dagegen protestierten, rechnete er ihnen vor, dass mehr Militärpiloten bei Autounfällen ums Leben kämen als bei Flugzeugabstürzen. Die kühnen Versuche machten Stapp berühmt. Er trat im Fernsehen auf, und sein Bild erschien auf dem Titel von «Time». Stapp starb 1999 im Alter von 89 Jahren in Alamogordo, Neumexiko.

Stapps Experimente führten zu einem Nebenprodukt, das seine eigene Berühmt heit weit übertraf. Zu Beginn der Versuche 1949 wurde eine von einem Ingenieur namens Edward A. Murphy entwickelte Messsonde falsch am Raketenschlitten montiert. Stapp, der bekannt dafür war, ständig neue Redewendungen zu erfinden, brachte darauf Murphy’s Law (Murphys Gesetz) in Umlauf, das bald darauf seinen Siegeszug durch die Populärkultur antrat: «Wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es schief.»




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