NZZ Folio 01/05 - Thema: Bomben   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Nicht auf den Hund gefallen

Hunde hören aufs Wort, Kinder leider nicht. Tiere gehorchen bloss, Kinder denken selbständig. Unsinn, sagt die Forschung: Tiere können lernen wie Kinder.

Von Herbert Cerutti

Dass Herrchen oder Frauchen mit ihren Hunden reden und das Tier gar manches versteht, ist bekannt. «Sitz» und «bleib» sind vielgebrauchte Befehle und werden von guterzogenen Hunden auch brav befolgt. Und wo bei Arbeitshunden kompliziertere Aufgaben zu erledigen sind, wie beim Jagdhund das Suchen eines verletzten Rehs, führen die Tiere auch das entsprechende «such verwund» korrekt aus.

Rico, ein neunjähriger Bordercollie aus Deutschland, scheint ein besonderes Lerntalent zu sein. Als er zehn Monate alt war, begannen seine Besitzer mit dem ersten Training. In der Wohnung wurden drei verschiedene Gegenstände verteilt, worauf man dem Tier befahl, einen bestimmten Gegenstand zu holen. Indem man dem Hund vorher den Gegenstand gezeigt und dabei die entsprechende Bezeichnung ein paarmal ausgesprochen hatte, hatte er die Worte gelernt. Im Laufe der Jahre erweiterte Rico sein Repertoire auf 200 Gegenstände und apportierte aus der grossen Sammlung fast immer das Richtige.

Über ein ähnlich grosses Vokabular verfügen trainierte Menschenaffen, Delphine und Papageien. Alex, ein Graupapagei in Arizona, erkennt mehr als 50 verschiedene Gegenstände beim Namen und kann zudem sieben Farben sowie fünf Formen unterscheiden. Dass es sich bei Alex nicht um das übliche Nachplappern handelt, beweist seine Fähigkeit, beim Zeigen eines blauen, viereckigen Papiers und eines blauen, dreieckigen Stücks Leder auf die Frage «What’s same?» korrekt zu krächzen «color».

Experimente mit dem Hund Rico am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig brachten jedoch ein sprachliches Verständnis zutage, das man vorher nur Menschen zugetraut hatte. Zur Beantwortung der Frage, ob gewisse Grundlagen zum Erlernen von Sprache allenfalls schon vor der Menschwerdung im Tierreich entstanden sind, stellten Juliane Kaminski, Josep Call und Julia Fischer dem Bordercollie eine Reihe von Aufgaben. In einer Versuchsserie galt es zu klären, ob Rico die Namen der Gegenstände tatsächlich kannte und nicht bloss auf unbewusste Zeichen seiner Besitzer reagierte wie vor hundert Jahren der «Kluge Hans», das rechnende Pferd («Das Experiment», NZZ-Folio 11/04).

Forscher arrangierten in einem Raum eine Auswahl von 10 Gegenständen aus der dem Hund vertrauten Sammlung von 200; Hund und Besitzerin warteten in einem anderen Raum. Dann forderte die Besitzerin Rico auf, einen Gegenstand zu bringen. Während der Hund nach dem Gewünschten suchte, konnte er weder den Versuchsleiter noch die Besitzerin sehen. Er brachte in 37 von 40 Fällen den richtigen Gegenstand, was nur möglich ist, wenn das Tier die Objekte und ihre Bezeichnung tatsächlich kennt.

Kleinkinder lernen im Alter von zwei Jahren etwa zehn neue Wörter pro Tag. Sie erwerben den Wortschatz nicht nur durch direktes Zeigen und Vorsprechen, sondern auch indem sie sich die Namen von Gegenständen indirekt erschliessen. Fordert man ein Kind auf, aus einer Werkzeugkiste mit Schraubenzieher, Hammer und Sechskantschlüssel den Sechskantschlüssel zu holen, wird es nach kurzem Nachdenken das Richtige bringen, auch wenn es vorher das Wort Sechskantschlüssel noch nie gehört hat, die beiden andern Werkzeuge aber kennt. Dank solchem schnellen sprachlichen Zuordnen («Fast Mapping») eines bisher unbekannten Gegenstandes im Ausschlussverfahren erweitert das Kind seinen Wortschatz ohne gezieltes Lernen.

In einer weiteren Versuchsserie zeigten die Forscher dem Hund Rico einen ihm völlig unbekannten Gegenstand zusammen mit sieben wohlvertrauten. Nachdem der Hund aufgefordert worden war, eines der bekannten Objekte zu apportieren, nannte man ihm das neue Wort. In 10 solchen Durchgängen führten die Forscher 10 neue Gegenstände ein. Und in 7 von 10 Fällen apportierte Rico jeweils das neue Objekt.

Offensichtlich hatte der Hund das neue Wort im Ausschlussverfahren mit dem neuen Gegenstand in Verbindung gebracht – Fast Mapping, wie beim Menschenkind. Warum gerade ein Hund dazu fähig ist, liegt wohl in der jahrtausendelangen Tradition begründet, bei der Hundezucht Tiere zu selektionieren, die den sprechenden Menschen und seine Absichten besonders gut «verstehen».


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