NZZ Folio 01/94 - Thema: Pleiten   Inhaltsverzeichnis

Der Biss in die wächserne Kaulquappe

Pannen, Flops und klägliche Pleiten.

Von Daniel Weber

Einer der berühmtesten Flops war keiner, im Gegenteil. Er trug Dick Fosbury bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko eine Goldmedaille ein, was in der Folge unzählige Hochspringer veranlasste, sich rücklings über die Latte plumpsen zu lassen (was to flop wörtlich übersetzt heisst). Gemeinhin ist ein Flop aber natürlich nicht ein Welterfolg, sondern eine Pleite, der kein Höhepunkt vorangeht.

Wie der Überfall auf die Artema-Bank bei Rom im Februar 1980, den vier Männer akribisch vorbereitet hatten. Unmittelbar vor Schalterschluss wollten sie die Bankangestellten überraschen, aber ausgerechnet an diesem Tag schloss der Filialleiter die Türen drei Minuten früher als gewöhnlich, weil er keine Kunden mehr erwartete. Der Bandenführer prallte im vollen Lauf kopfvoran in die verriegelte Glastür und ging auf der Stelle k. o.

Ein anderer Gesetzesbrecher, Tonino Lacordia, sass in der Strafanstalt von Madonna Del Freddo. Im August 1980 kletterte er über die Gefängnismauer und sprang kühn in die Freiheit. Mit verstauchtem Fuss humpelte er kilometerweit durch unbewohnte Landstriche und klopfte endlich erschöpft an die Tür eines abgelegenen Häuschens. Der ihm öffnete, war der Polizist, der ihn verhaftet hatte; er hatte das Ferienhaus gemietet, um einmal so richtig auszuspannen.

Noch weniger lange erfreute sich seiner Freiheit ein Sträfling, der 1981 aus dem Northeye-Gefängnis flüchtete, indem er sich in einem Lieferwagen voller Gemüse versteckte. Nach einer Fahrt durch die Landschaft von Sussex bog der Lieferwagen ab und kam zum Stehen. Der Ausbrecher wartete, bis alles Gemüse ausgeladen worden war, kroch dann aus seinem Versteck hervor und sah, dass er sich in den Mauern der Haftanstalt von Lewes befand.

Von grösserer Tragweite war die Pleite, die Grossbritannien 1917 mit den Unterseebooten der neu entwickelten K-Serie erlitt. K-1 sank vor der dänischen Küste, als es mit K-4 kollidierte; K-2 ging während der ersten Testfahrt in Flammen auf; K-3 tauchte mit dem Prinzen von Wales an Bord völlig unerwartet, und als es wieder auftauchte, wurde es von K-6 gerammt und versank definitiv; K-5 ging in der Bucht von Biskaya unter. Anlässlich eines grossen Seemanövers kollidierte K-14 mit K-22, welches eigentlich K-13 war, aber umbenannt worden war, nachdem es im Loch Gare in Schottland bei der Seetüchtigkeitsprüfung gekentert war. Im selben Manöver lief die HMS «Fearless» auf K-17 auf, welches zuvor schon von K-7 gerammt worden war und nun ganz ausser Gefecht gesetzt wurde. Worauf K-4 seine Motoren stoppte, den Kurs änderte und von K-6 gerammt wurde, welches später ebenfalls auf Grund des Ozeans lief. K-15 schliesslich sank im Hafen von Portsmouth, ohne überhaupt je irgendwo gewesen zu sein. K-18, 19, 20 und 21 wurden modifiziert und in die neue M-Serie aufgenommen. M-1 wurde im Ärmelkanal von einem Handelsdampfer gerammt, und M-2 sank, als es plötzlich leck schlug . . .

Schiffbruch ist bei neuen Produkten gang und gäbe. Marktstudien in den USA haben ergeben, dass annähernd die Hälfte aller neuen Produkte flopt, das heisst, nach weniger als fünf Jahren wieder von der Bildfläche verschwindet. Das verursacht den Unternehmen zwar Verluste in Millionenhöhe, aber die sind der Preis für den Erfolg - der gelegentlich ganz direkt aus einem Flop hervorgeht: Als ein neu entwickelter Leim nicht hielt, was er versprach, machte die Firma 3M daraus kurzerhand Post-it-Notizblöcke, die inzwischen den Weg auf fast jeden Bürotisch gefunden haben.

Aber was soll man von einer Zigarette wie «Premier» von R. J. Reynolds halten, die nicht brennt und keinen Rauch abgibt? Was vom Gorilla-Balls-Protein-Snack der Firma MLO Products? Diese und über 80 000 weitere Produkte, die in den Orkus der Pleiten gefahren sind, hat der Amerikaner Robert McMath in Ithaca, New York, gesammelt. New Products Showcase and Learning Center nennt der Herr der Flops seine Kollektion, in der man nicht zuletzt lernen kann, dass es oft nur der Name ist, der über Gedeih oder Verderb eines Produkts entscheidet. An den Fertigmahlzeiten der Gerber Products Co. etwa hätte es nichts auszusetzen gegeben. Verhängnisvoll war laut McMath nur die Wahl des Namens, «Single», der nichts anderes tat, als den Leuten die unangenehme Tatsache vor Augen zu halten, dass sie das Zeugs allein essen würden.

Nicht selten bringen sprachliche Tücken Produkte oder Dienstleistungen zu Fall, wenn Werbekampagnen in andere Länder oder Sprachen übertragen werden. So verstand General Motors zunächst nicht, wieso sich der neue Kleinwagen Nova in Lateinamerika so schlecht verkaufte - bis das Management realisierte, dass no va auf spanisch heisst: läuft nicht.

Auf Abwege gerieten auch die Braniff-Airlines, die sich die hispanische Bevölkerung der USA als Zielgruppe vornahmen. Die Werbung in den spanischsprachigen Radio- und Fernsehstationen strich den Komfort der Braniff-Maschinen heraus: en cuero fliege man da, in Leder. Da das fast gleichlautende en cueros nackt heisst, erhielten allerdings einige der Adressaten eine andere Werbebotschaft - die noch pikanter wurde durch die Ergänzung con tres pulgadas más: «mit drei Daumenbreiten (Beinfreiheit) mehr».

Auf eine Sprachhürde stiess selbst das weltweit erfolgreiche Unternehmen Coca-Cola, das in China feststellen musste, was ke-kou-ke-la bedeutet: Beiss in die wächserne Kaulquappe. Inzwischen ist Coke dort äusserst erfolgreich. Kö-kou-kö-lö heisst schliesslich schlicht und einfach: wohlmundend und glücklich machend.

Quellen: Stephen Pile, Nieten ohne Ende, München 1993; Bruce Nash/Allan Zullo, The Mis-Fortune 500, New York 1988; Business Week, August 1993.




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