NZZ Folio 08/07 - Thema: 13-jährig   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Kolumbus, Hochstapler der Meere

© Angelo Boog
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Von Wolf Schneider

«Entdeckt» hat er Amerika schon mal nicht – einerseits, weil er bis zu seinem Tod darauf beharrte, in «Indien» gelandet zu sein, dem Goldland, das er suchte und nie gefunden hat; andererseits, weil es mindestens zwei Entdecker vor ihm gab: jenen Mongolen, der vor etwa 20?000 Jahren als erster Mensch von Sibirien nach Alaska hinüberwanderte (die Beringstrasse lag damals trocken) – und jenen Wikinger, der als erster Europäer Amerika betrat, vermutlich 501 Jahre vor Kolumbus, im Jahr 991.

Warum also müssen amerikanische Schulkinder noch heute hören, Kolumbus sei «der wichtigste Mensch der Weltgeschichte»? Verfehlte er nicht die De­finition der historischen Grösse durch ­Jacob Burckhardt: die Unersetzlichkeit? 1497, fünf Jahre nach ihm, landete John Cabot, italienischer Seefahrer in englischen Diensten, auf Neufundland (so lange hätte Europa wirklich warten können), und 1502 verkündete der Florentiner Amerigo Vespucci, alle Reisen hätten nicht an die Ostküste Asiens geführt, sondern zu einem neuen Kontinent. Der fand sich, Amerigo zu Ehren, auf einer Weltkarte von 1507 «America» getauft.

Warum hat der Weltruhm sich trotzdem an Kolumbus geheftet? Weil er zwar ein Entdecker wider Willen war, aber eben doch die Galionsfigur für einen Wendepunkt der Weltgeschichte; er brachte den Indianern das Pferd, den Schnaps, die Pocken und das Verderben; umgekehrt bereitete er dem Import des Tabaks, der Kartoffel, der Syphilis den Weg. Und kaum je ist ein bunterer Vogel über die Ozeane gesegelt: Ein Traumtänzer war er, ein Besessener, ein Betrüger, eitel, habgierig, egozentrisch und hart am Rand des Wahnsinns.

Doch Erstaunliches hat er wirklich geleistet. Schon dass er, 1451 in Genua vermutlich als Sohn eines ärmlichen Webers zur Welt gekommen, es schaffte, sich den Auftrag des Königspaars Ferdinand von Aragonien und Isabella von Kastilien einzuhandeln, er solle «den Seeweg nach Indien» finden, und er werde der Vizekönig aller von ihm zu entdeckenden Länder sein. Mit sprühendem Charme hatte Kolumbus es verstanden, die Majestäten für seine selbstbetrügerische Hochstapelei zu gewinnen: Hatte nicht schon Ptolemäus von Alexandria im 2.?Jahrhundert n.?Chr. gelehrt, dass die Erde eine Kugel sei – musste man sie also nicht ebenso linksherum wie rechtsherum bereisen können? Und hatte nicht 1410 ein französischer Kardinal in seinem Buch «Imago Mundi» die Rechnung aufgestellt: Da die Entfernung von Europa nach Indien riesig sei, könne der Seeweg, andersherum um den Globus, nur sehr kurz sein?

Am 3.?August 1492 setzen die drei Karavellen des Kolumbus Segel in Palos, dem Hafen von Sevilla; am 6.?September brechen sie von den Kanarischen Inseln auf in die Unendlichkeit. Die Matrosen bekreuzigen sich, die Schiffsjungen weinen. In einer Raumkapsel zum Mond zu fliegen, war ein geringes Wagnis im Vergleich zu dieser Tat: 1969 war das Ziel immer klar, jede Minute gab es Kontakt zur Zivilisation. Der Ozean aber bleibt einfach leer, 34 höllische Tage lang, das Ziel nur diesem exaltierten Kapitän vor Augen, dessen Unbeirrbarkeit noch dazu auf einem gewaltigen Irrtum beruhte.

Hätte Kolumbus wirklich bis Japan segeln müssen, dem östlichsten der «Indischen Lande», die er zu finden versprach – er wäre verschollen auf einer Reise um die halbe Erde. Doch der Zufall legte ihm die Bahamas in den Weg, 300 Kilometer vor der Küste Floridas: Am 12.?Oktober landete er auf einer von ihnen und erklärte «Indien» für erreicht. Ja auf seiner zweiten Reise, 1494, tat er das Äusserste, um die Verwirrung noch zu steigern; er gab zu Protokoll: Die Insel Kuba, auf der er sich diesmal befand, sei das Festland, das asiatische natürlich, China also, das einst Marco Polo auf dem lächerlich langen Landweg besucht hatte; und alle Matrosen mussten dies mit ihrem Eid bekräf­tigen.

Der Niedergang des Kolumbus war schmerzlich und zäh. Schon während seiner zweiten Reise (1493–1496) erfuhren Ferdinand und Isabella, dass er als Vizekönig chaotisch, korrupt und grausam war, ja Indianer einfing, um sie in Spanien als Sklaven zu verkaufen. So schickten sie einen Bevollmächtigten über den Ozean, der Kolumbus in Ketten heimschaffen liess. Die Majestäten verziehen ihm, als er schluchzend vor ihnen in die Knie sank; das Amt des Vizekönigs jedoch blieb ihm entzogen.

Gedemütigt und verzweifelt segelte Kolumbus trotzdem noch zweimal zu seiner falschen Adresse. Als er sich 1506 im spanischen Valladolid zum Sterben legte, mit 54 Jahren, war er ein erschöpfter, verschuldeter, halb vergessener Mann. Ein paar Knochenreste von ihm liegen in einem Sarkophag in der gewaltigen Kathedrale von Sevilla.

Wie auf Kolumbus gemünzt klingt der Satz, den Johann Gottfried Herder 1794 niederschrieb: «Die grössesten Veränderungen auf der Welt sind von Halbwahnsinnigen bewirkt worden.» Und wahr bleibt, was Georg Christoph Lichtenberg 1783 notierte: «Der Indianer, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung!»

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



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