NZZ Folio 04/01 - Thema: Pillen   Inhaltsverzeichnis

Die Stadt der Pillen

In Juárez, Mexiko, blüht der Medikamenten-Tourismus.

Von Ursula von Arx

Als der Flughafenangestellte in Dallas «Juárez, Mexiko» hörte, zeigte er auf die Toilette. Dazu lachte er ein Lachen, das sich wie ein monströs hässliches Denkmal auf den Weg stellte und Vorübereilende stoppen liess.

Als ich dem Taxifahrer in El Paso mein Ziel nannte, rückte er langsam seinen Stetson aus der Stirne und schaute mich lange an aus Augen, in denen die Sonne für ewig untergegangen war. «No good», sagte er dann und fuhr los.

Es war schon spät in der Nacht, und El Paso, das waren ein paar skelettartige Türme, dazwischen tiefschwarze Seen, in denen wir wie Fische dahinglitten. Als die Stanton St. Bridge hinter uns lag, eine von vier Brücken, die El Paso, USA, mit Juárez, Mexiko, verbinden, wurde die Strasse plötzlich schlechter, es ruckelte und humpelte, ich war am Ziel. Der Taxifahrer hielt vor dem «Santa Fe», das sei das einzige Hotel in Juárez, von dem er wisse, dass es sicher sei, sagte er.

An Schlaf war nicht zu denken diese Nacht. Ein unbekümmerter Wind, der jagte, was er konnte, eine nur locker abgeschlossene und im Luftzug klappernde Tür, das Hotel übervoll mit nachtfröhlichen Mexikanern und auf der Strasse Gehupe und Sirenengeheul. Dass ein neuer Tag angebrochen war, erfuhr ich nicht dank der Sonne, mein Fenster war ja verbarrikadiert, sondern weil die Zimmerfrau plötzlich mitten im Zimmer stand. Vor mir lagen die Avenida Juárez und ein noch ganz junger Sonntag, und sogar die Sonne schien fast ein bisschen. Ich war entschlossen, die dunklen Anspielungen der beiden Amerikaner und auch die Müdigkeit abzuschütteln und diese Stadt zu mögen. Nüchtern betrachtet war die Reaktion der Amerikaner ja durchsichtig: Das hier war Grenzgebiet, hier trafen Erste und Dritte Welt aufeinander, und zwar auf Gedeih und Verderben.

Klar, fühlte sich mein amerikanischer Taxifahrer von der mexikanischen Stosskraft überrollt, die nach Norden drängte, um sich ein Stück vom amerikanischen Glück abzuschneiden. El Paso bestand zu 70 Prozent aus Hispanics, in Juárez hingegen war die amerikanische Wohnbevölkerung gleich null. Den Traumbedingungen allerdings, die Juárez als Produktionsort zu bieten hatte, nämlich spottbillige Arbeitskräfte und Nähe zum Heimmarkt, dazu einen Rio Grande, der giftige Abfälle relativ widerspruchslos schluckt, all dem konnten die über 300 amerikanischen Fabriken, die sich hier niedergelassen hatten, nicht widerstehen.

Es mochte ja sein, dass hier Krankheiten wie Cholera, Hepatitis, Zystizerkose oder Denguefieber beste Bedingungen vorfanden, die letzte grenzüberschreitende Choleraepidemie lag jedoch immerhin schon acht Jahre zurück. Und es mochte ja sein, dass hier Menschenschmuggel, Waffenhandel, Drogenhandel im grossen Stil betrieben wurden. Vor allem aber florierte hier der Medikamentenhandel.

Hunderte und Hunderte Busladungen von überschweren, liebes- und lebensmüden, an Herz, Hals oder Nieren kranken Amerikanern haben in diesem Ort schon Hilfe gefunden. Hier füllten sie ihre Einkaufstaschen mit Viagrapillen, mit Sostenon, Xenical, Prozac, mit Ticlid, Cynomel, Relafen, mit Valium und Ritalin, mit Halcion und Percodan, mit Zoloft und Vasotec, Norvasac und Procardia XL, mit Testosteron, Rohypnol und Zocor.

Ich schlenderte die Avenida Juárez hinauf. Die meisten Autos, die am Strassenrand geparkt waren, hätten die ewige Ruhe ehrlich verdient, verbeult und mitgenommen, wie sie aussahen. An einem wackligen Tisch sass ein Mann, dessen Gesicht so braun und zerkrümelt war wie das, was er verkaufte: Tabak. Seine Stiefel hatte er mit Draht geflickt. Die Geschäfte waren grösstenteils noch geschlossen, und auf Grund der Schaufensterauslagen hätte ich nicht immer sagen können, was denn drinnen verkauft wurde. Bei den Apotheken allerdings war es offensichtlich. Auf schreiend farbigen Plakaten priesen sie sich an: We have Viagra - Spice up your wife, spice up your life! Make a good first Impression! Best Price guaranteed. Peniciline 20 % off! Peniciline 40 % off! No prescription required!

Die erste Amerikanerin, die mir über den Weg lief, schnappte ich mir. «Sind Sie aus Amerika?», fragte ich überflüssigerweise die himmelblaue Jacke mit den honiggelben Haaren und dem kamerabehängten Ehemann. «Yes, Darling, wir sind aus Denver.»

«Oh, nice. Und warum, wenn ich fragen darf, sind Sie hier?»

«Um einzukaufen. Penicillin und Hormone, alles viel billiger hier», sagte sie und fuhr fort, «ausserdem muss ich nicht zum Arzt für ein Rezept, hier bekomme ich alles ohne. Und wenn ich ein Rezept brauchte, wüsste ich, wo hingehen. Eine Bekannte gab mir eine Adresse von einem guten Arzt hier, der macht das fast gratis.» Die hiesigen Zahnärzte seien ebenfalls viel billiger als in den Staaten. Und viele, sagte sie, kauften auch Schnaps. «Aber wir nicht. Wir nehmen keinen Alkohol und keine Drogen.» Sie kam mit ihrer Familie zweimal jährlich her. «Das lohnt sich finanziell, und ich kann so immer wieder mal Mexiko schnuppern.»

Es stellte sich heraus, dass ich mich geirrt hatte. Der Mann an ihrer Seite war nicht ihr Ehemann, sondern ihr Sohn, und sie, Dina Tarango, war um Gottes Willen keine Amerikanerin, sondern eine hundertprozentige Mexikanerin. Obwohl sie nie in Mexiko gelebt habe, habe sie Mexiko im Blut. Die Musik, das Essen, die katholische Religion. «Aber Gott sei Dank bin ich in Amerika geboren», sagte sie und lächelte so breit, wie das Empire State Building hoch ist. Ihre Enkelinnen, beide hübsch und wild, wie sie sagte, warteten vor der Kathedrale, so verabschiedeten wir uns. Dass ihr Sohn nicht stumm war, erfuhr ich erst jetzt. Er hatte übrigens Maxo gepostet, ein wirksames Mittel gegen seine chronischen Halsschmerzen. Er hatte das letzte Wort: «Denken Sie daran, Gott ist immer mit uns.»

Meine nächsten Amerikaner waren jung und bleich und werden bald heiraten und dann auf die Namen Michelle und Duane Hunt hören. Sie waren gestern fünf Stunden von Lubbock, Texas, nach El Paso, wo sie übernachtet haben, gefahren, um in Juárez ein Brautkleid und Antibabypillen der Marke Tri Levellin zu kaufen. In den USA zahlten sie für einen Monat Verhütung so viel wie hier für ein ganzes Jahr. Michelle hatte ein Rezept ihres Arztes mitgebracht. Aber die Zipp-Apotheke akzeptierte nur eines von einem mexikanischen Arzt, der Zipp-Apotheker wusste einen gleich um die Ecke. «Never mind», sagte Michelle, «in der nächsten Apotheke werden sie mein Rezept akzeptieren.» Sie nahm ihren Hunt bei der Hand und schwebte davon.

Jack und Susan Moore waren aus Carlsbad, New Mexico. Ihn hatte die Baseballmütze verraten, sie die blondierten, zu einem umwerfenden Turm hochgesteckten Haare. Drei Stunden hin, drei Stunden zurück, für eine Jahresration Östrogene (Marke Premarin) und Prilosec, ein Schmerzmittel. Als sie den Preis von Prilosec vernahmen, waren sie erstaunt. In den USA kostete eine Schachtel über 100 Dollar, hier zahlten sie 22, und das letzte Mal, nur eine Strasse weiter unten, hatten sie 40 Dollar bezahlt. «Machen Sie auch Postsendungen?», fragten sie. - Der Angestellte verneinte, das sei illegal. - «Nun, die einen tun es, die anderen nicht. Dann müssen wir halt woanders fragen.»

Ich sprach an diesem Morgen noch mit vielen routinierten Juárez-Pilgern. Die einen bestätigten unabhängig voneinander die Aussagen der anderen, es ergab sich folgendes Bild: Ja, die Pillen in Mexiko sind unschlagbar billig, und ja, man bekommt fast alles ohne Rezept. Und falls doch ein Rezept verlangt wird: Ja, die Zusammenarbeit von Apothekern und Ärzten ist oft so eng, dass von finanzieller Beteiligung ausgegangen werden muss. Sowohl was die Preise als auch was die Einhaltung der Gesetze betrifft, ist die Apothekenlandschaft ein Dschungel. Die Konkurrenz unter den Apotheken ist gross, Geld das «Sesam öffne dich» für alles.

Sie erzählten, und ihre Augen waren so satt, wie ihre Verachtung gross war: «Juárez? Nur Hunde können hier leben» oder «Juárez ist so schmutzig, wie Neger schwarz sind» oder «Nicht einmal Coca-Cola würde ich hier trinken». Dass ihnen Juárez trotz allem Gründe genug gab, ihren Abscheu immer wieder zu überwinden und herzukommen, machte ihre Verachtung noch grösser: «Sobald ich bekommen habe, was ich wollte, bin ich weg. Und zwar ganz schnell», sagte etwa Mr. Hunt, und sein Verhalten dürfte mehrheitsfähig sein. Auf den Strassen herrschte jetzt Hochbetrieb. Es war Februar, und die Amerikaner fielen auch dadurch auf, dass sie Winterkleider trugen. Bei den Mexikanern entkleidete das bisschen Sonne schon ganze Arme und Oberkörper. Ich setzte mich in eine Bar und traf Javier.

Javier war auch Amerikaner, aber ganz anders. Javier war ein Sehnsuchtsmexikaner. Er wuchs als Sohn von Mexikanern in den USA auf, studierte Ökonomie und arbeitete in El Paso. Jede freie Minute kam er hierher in diese seit 1920 existierende Bar, die schon Ernest Hemingway besucht hatte, und hörte die mexikanische Musik aus der Jukebox: «Bésame mucho», «Küss mich ganz heiss», war sein Lieblingslied. Er sei kein wirklicher Mexikaner und werde nie einer sein, weil er die Qualen der Armut nie hatte ertragen müssen. «Mein Herz ist in Mexiko, mein Magen in Amerika», sagte er. Das erfüllte ihn mit hoffnungsloser Sentimentalität.

Javier glaubte, dass Mexiko von den USA wie ein Sklave ausgebeutet wird. Seit das Nafta, das nordamerikanische Handelsabkommen, wirksam sei, sei Mexiko für die USA zum zweitgrössten Exportland geworden. In Mexiko könnten die USA absetzen, was bei ihnen nicht mehr gehandelt werden dürfe. Zum Beispiel Medikamente mit schon abgelaufenem Verkaufsdatum.

Javier hatte trotzdem das in den USA rezeptpflichtige Amoxil gekauft, gegen Ansteckungen aller Art.

Ich hätte noch viele Amerikaner nach ihren Erfahrungen befragen können und alle Apotheker nach ihren Kunden. Aber ich blieb sitzen, liess die Heimatlosigkeit von Javier wirken und beschloss, stellvertretend für alle Apotheker, die ich gesprochen hatte, den Besitzer der Rio Grande Pharmacy reden zu lassen, nämlich Esteban Vázquez Rodríguez, einen melancholisch dreinblickenden Mann mit erstaunlich frischem Gesicht. Immerhin war er ein Jahr älter als seine Apotheke, nämlich 41. Vor vier Jahren hatte er seinen Beruf als Architekt aufgegeben, um seinem Vater zu helfen.

«Signor Vázquez Rodríguez, machen Sie und Ihre Kollegen tatsächlich alles, was Geld bringt?»

«Mein Vater ist Apotheker und hat Berufsstolz. Er würde nie etwas Illegales tun. Aber sehen Sie, in Juárez können Sie eine Apotheke eröffnen, wenn ein gelernter Apotheker während einer Stunde täglich im Laden anwesend ist. So kommt es, dass mehrere Apotheken sich einen Apotheker teilen. Der Besitzer und die Angestellten haben aber eigentlich keine Ahnung vom Fach. Da kann es schon passieren, dass einer gegen die Vorschriften verstösst, und er weiss es nicht einmal.»

«Warum gibt es so grosse Preisunterschiede hier?»

«Die Regierung setzt Höchstpreise für Medikamente fest. Wie sehr die einzelnen Apotheken die Preise gegen unten korrigieren wollen, ist ihnen überlassen.»

«Wie viele Apotheken leben von den Amerikanern?»

«Etwa dreissig Apotheken machen rund 80 Prozent ihres Umsatzes mit amerikanischen Kunden.»

«Wer sind Ihre Kunden?»

«Ein grosser Teil sind ältere Menschen, die schlecht versichert sind. Für sie sind die rezeptpflichtigen Medikamente in den USA oft schlicht zu teuer. Sie verlangen Blutdruckmedikamente, Antibiotika, Hormone, Antirheumamittel. Die jüngeren kaufen Antibabypillen, Antibiotika, Anabolika, Xenical, Prozac, Viagra.»

«Ist Viagra hier viel billiger als in den USA?»

«Bei uns kostet eine Pille 15 Dollar, in den USA rund die Hälfte. Aber hier brauchen Sie kein Rezept.»

«Gleich um die Ecke gibt es Viagra für 6 Dollar.»

«Schon möglich.»

«Haben Sie eventuell noch eine kleine Anekdote?»

«Ach. Viele Frauen kaufen Viagra. Als eine Art mexikanisches Souvenir.»

«Worin unterscheiden sich die amerikanischen von den mexikanischen Kunden?»

«Mexikaner kaufen das billigste, Amerikaner prinzipiell das teuerste Medikament unter gleichartigen.»

Arme und schlecht versicherte Amerikaner können nach Mexiko gehen, und dort sind sie reich. Was aber machen arme Mexikaner? Sie gehen zum Beispiel zu Dr. Dorly A. Gómen Sguelar. - Es war jetzt später Nachmittag, und die Schlange vor seiner Arztpraxis, die eine Konsultation für 15 Pesos (etwas mehr als 2 Franken) anbot, war so endlos wie am Morgen. Die Gesichter waren rumfarben und dank der hohen Wangenknochen praktisch alterslos, die Kleider vernutzt. Der Doktor war wie aus Fischgräten gebaut. Das Zimmerchen, in dem er sass, gehörte der Firma Best Division Salud, die es sich zum Ziel gemacht hatte, mit Generika billige medizinische Versorgung anzubieten. Die Patienten von Dr. Gómen litten unter Bronchitis, Hepatitis, Mangelernährung. Manchmal war ihre Hygiene so schlecht, dass er sich fast persönlich beleidigt fühlte, aber das hiesse, dessen war er sich bewusst, die Zusammenhänge falsch zu knüpfen.

Dr. Omar Candanedo, Kinderarzt im staatlichen Hospital General von Juárez, etwas ausserhalb des Zentrums gelegen, führte mich auf die Frühgeburtenabteilung, alles andere sei zu deprimierend. Aber auch die Frühgeburtenabteilung mit diesen ums Überleben kämpfenden Kleinsten war es. Candanedo, stolz und freundlich, sagte, dass es überall am Nötigsten fehle, Verbandsstoff sei knapp, Desinfektionsmittel, Antibiotika, vor allem Antibiotika, mit Antibiotika wäre ihnen sehr geholfen. Für Spenden könne ein Kontakt hergestellt werden über: Candanedo1_@hotmail.com.

Am nächsten Morgen hatte ich einen Termin beim Bürgermeister von Juárez, bei Gustavo Elizonda Aguilar, seit zwei Jahren im Amt. Er empfing mich in seinem Büro, das gross wie ein Fussballfeld und sehr sparsam, aber mit schwerem Holz möbliert war. Von seinem Stuhl aus konnte er nach El Paso sehen. Ich bat den Bürgermeister, für die Schweizer Juárez zu portraitieren. Er fuhr mit langen, schlanken Händen über sein dichtes, schlohweisses Haar. Ein Portrait? Von Juárez? Für die Schweiz? Hier ist es:

«Man muss sich Juárez als eine Stadt von grossen Gegensätzen denken. Es gibt grossen Reichtum und bedrückendste Armut. Hier wohnen 1,3 Millionen Menschen, und jeden Tag kommen aus dem Landesinnern 200 bis 300 dazu. Wir wachsen zweimal so schnell wie der Landesdurchschnitt. Mehr als 100 000 Menschen hausen in Hütten ohne Licht, ohne Wasser, ohne Heizung. In El Paso gibt es ein Gefängnis mit etwa 1000 Insassen, La Tuna. Es hat ein grösseres Budget als die ganze Stadt Juárez. Wenn wir nur alle Strassen asphaltieren wollten, würde das mit dem aktuellen Budget, und vorausgesetzt, die Stadt wächst nicht weiter, 30 Jahre dauern. Das muss man sich einmal vorstellen!»

Elizondas Augen blickten jetzt eine Spur unfreundlicher als am Anfang. Nach einer kleinen Kunstpause fuhr er fort: «Die Nähe zur amerikanischen Grenze bringt Firmen ins Land, die Arbeitsplätze und Know-how schaffen. Juárez hat den höchsten Prozentsatz arbeitender Leute in Mexiko. Die Mindestlöhne sind mit 50 Centavos in der Stunde (etwa 10 Rappen) zwar tief, ein Wochenlohn gibt knapp eine Mahlzeit im McDonald's, aber sie sind immerhin höher als der mexikanische Durchschnitt, der bei 30 Centavos (etwa 5 Rappen) liegt. Die Nähe zu Amerika bringt uns aber auch Probleme. Die USA sind der grösste Drogenkonsument der Welt. Früher war Juárez nur ein Durchgangsort, heute sind 10 Prozent unserer eigenen Bevölkerung drogenabhängig. Die Kriminalität wächst. Raub und Mord sind an der Tagesordnung. Die Gemeinschaft fällt auseinander.»

Der Bürgermeister war ein für mexikanische Verhältnisse grosser Mann, sehnig und einnehmend. Trotz seinen oft rabenschwarzen Sätzen lächelte er viel und verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass sein Sohn die Schweiz liebe und dort ein Internat besucht habe.

Ich liess mich von einem Taxi in die Colonias, die Wohngegenden der Ärmsten, fahren. Mit einem Taxi! Der Taxifahrer weigerte sich, auszusteigen, er habe nur Schlechtes gehört. So stöckelte ich denn in dieser Abfallkübelgegend herum, und zwar mit einer Kamera bewaffnet. Ein kleines Mädchen kam mir scheu lächelnd entgegen und blieb dann posierend stehen. Ich drückte ab. Da hatte ich genug von mir.

Ich ging ins Hotel und packte. Heute war mein letzter Tag. Ich hatte noch drei Termine in El Paso.

Roger Maier, der Sprecher des U.S. Customs Service, erwartete mich beim Zoll der Santa-Fe-Brücke, wo täglich mehr als 16 000 Leute durchmarschierten und täglich mindestens sieben Fälle von Drogenschmuggel aufgedeckt wurden. Letztes Jahr wurden 1562 kg Kokain, 13 kg Heroin und 152 897 kg Marihuana beschlagnahmt. Maier schätzte optimistisch, dass das etwa 50 Prozent der tatsächlich geschmuggelten Ware waren.

Gefälschte Papiere, um illegal in die USA einreisen zu können, waren auch häufig. Gerade eben war eine vierköpfige chinesische Familie gefasst worden. Der Vater hatte gezittert wie Espenlaub, das war am Zoll immer verdächtig. Für 30 000 Dollar hatte die Familie Pässe machen lassen und sich deswegen in der ganzen Verwandtschaft verschuldet. Für dieses eine Ziel. Das sie jetzt verfehlt hatten.

Medikamentenschmuggel allerdings war für die schwer bewaffneten Spezialisten für Stresssymptome kein grosses Thema. Die Gesetze waren klar: Für den Eigenbedarf durften rezeptpflichtige Pillen, die für drei Monate reichten, über die Grenze getragen werden, was darüber hinausging, unterstand der Deklarationspflicht. Aber eben, Pillen waren ja so klein. Vor einiger Zeit hatten sie einen Japaner mit 1046 Viagrapillen im Aktenkoffer gefasst und vor zwei Wochen einen, der 4000 Valiumtabletten in Plasticsäckchen am Bein befestigt hatte. Ihm hatte seine wild pulsierende Halsschlagader den Strich durch die Rechnung gemacht.

So, jetzt war ich also wieder in El Paso. Bei Tag. Ich war sofort ganz nüchtern. Die breiten Strassen waren sauber geputzt und leer, verglichen mit denen in Juárez jedenfalls. Ich musste schleunigst ans Texas Tech Medical Center, wo noch ein paar ernste Worte aus amerikanischer Sicht fallen sollten. Von Prof. Paul R. Casner, Internist und Autor einer Studie zum Thema Medikamentenhandel in Mexiko, erhoffte ich Antworten auf diese drei Fragen:

Erstens: Warum sind Medikamente in Mexiko so viel billiger als in den USA?

In Mexiko sind die Herstellungskosten generell tiefer als in den USA, das sei ein Faktor. Ein anderer: In Mexiko, sagte Casner, sei es die Regierung, die Höchstpreise festlege, gegen unten könne der Markt spielen. In den USA hingegen bestimmten die Pharmafirmen den Preis der Medikamente. Sie geben Krankenversicherungen oft einen Discount auf rezeptpflichtige Medikamente, weil sie hoffen, so indirekt den Absatz steuern zu können. Die Medikamentenpreise für die Nichtversicherten werden dadurch umso teurer, es findet eine Kostenverschiebung statt zulasten der Nichtversicherten. Natürlich, sagte Casner, sei das ein Politikum. Es gebe Politiker, die aus Protest dagegen Bustrips über die Grenze organisierten. Aber, sagte Casner, die machen das auch nicht aus reiner Nächstenliebe: «Kaufen die Senioren billig Pillen, so die Politiker Wählerstimmen.»

Zweitens: Sind die in Mexiko hergestellten Pillen von gleichwertiger Qualität wie die aus den USA?

Diese Frage konnte Casner nicht mit exakten Daten beantworten, nur mit seiner Skepsis. Die strikte Qualitätskontrolle, die in den USA durchgeführt werde, fehle in Mexiko. Da könne es passieren, sagte Casner, dass der Wirkstoff eines Medikaments zwar der gleiche sei wie in den USA, dass aber die Hilfs- und Trägerstoffe andere seien, was einen Einfluss auf die Verträglichkeit haben könne. Allerdings, das musste Casner zugeben, waren ihm keine Klagen wegen Qualitätsmängel mexikanischer Medikamente bekannt.

Drittens: Wo liegen die Gefahren beim Pillenkauf über die Grenze?

Selbstmedikation, sagte Casner, sei immer eine gefährliche Sache. Besonders, wenn es sich um rezeptpflichtige Medikamente handle. Die Leute wüssten ja meist nichts über die Dosierung und das Zusammenwirken mit den anderen Medikamenten, die sie vielleicht auch noch einnähmen. Eine Mitarbeiterin von ihm, so erzählte Casner, hatte plötzlich eine schwere Allergie, weil sie in Eigenregie ein rezeptpflichtiges Penizillin eingenommen hatte. Woher sie es hatte? Natürlich aus Juárez. Wie sie darauf gekommen war? Eine Freundin hatte es ihr empfohlen. «Schon ziemlich fahrlässig, nicht?» Diese Frage war für Casner so offensichtlich rhetorisch, dass er ohne Unterbruch fortfuhr: «Ein anderes Problem sind die Medikamente, die in den USA schon lange und mit guten Gründen vom Markt genommen worden waren, wie etwa Phenformin oder Dipyrone. Bei beiden Medikamenten sind schwere Nebenwirkungen bekannt. Aber in Mexiko werden sie munter verkauft.»

Mr. Casner gefiel das nicht. Man sah es seiner Nasenspitze an und seiner Stirn, die sich in tiefe Furchen legte. «Langsam resigniere ich. Denn ich weiss ja, dass mindestens 80 Prozent meiner Patienten nicht auf mich hören und regelmässig drüben einkaufen.»

Genau wie Diana Washington, Reporterin bei der «El Paso Times». Sie hatte auch mal eine kleine Allergie auf Grund eines Antibiotikum, das sie aus Juárez hatte. Seither kauft sie dort eben nur, was sie kennt.

Diana Washington trug eine beeindruckende Nase und hinreissend lange Haare. Schnell und munter führte sie mich durch ihre Bienenstockredaktion, setzte mich auf einen Stuhl und fing an über Juárez zu reden.

Pillen? Diätpillen, Glückspillen und was auch immer, Teenager kauften sie drüben und verkauften sie hüben in rauen Mengen, das sei bekannt.

Menschenschmuggel? Man höre immer wieder Schreckliches, sagte Washington. Etwa die Geschichte von der Frau und ihrer Tochter, die von Coyotes, so nenne man die Menschenschmuggler, mitten in der Wüste abgesetzt worden seien mit dem Versprechen, die Grenze sei noch zwei Stunden entfernt. Die Grenze war aber drei Tage entfernt, und die beiden hatten eine einzige Flasche Wasser bei sich. Die Mutter starb.

Drogen? Völlig klar, dass die organisierte Kriminalität nicht ohne den Schutz der Polizei operiere. Das Ausmass der Korruption der mexikanischen Behörden sei unfassbar. Wer die Repräsentanten der öffentlichen Hand genügend bezahle, werde in Ruhe gelassen. Menschen seien verschwunden, nachdem sie zuletzt mit Polizisten gesehen wurden. Journalisten werden stillgekauft. Die wahre Mafia, sagte Washington, ist die Regierung.

Kürzlich, erzählte sie, verschwanden in El Paso drei nigelnagelneue Range Rovers. Vier Tage später sei sie zufällig in Juárez gewesen und habe dort einen nigelnagelneuen Range Rover stehen sehen. Sie hätte sich herangeschlichen und die Seriennummer aufgeschrieben. Sie war identisch mit der eines der verschwundenen Autos in El Paso. Und wem «gehörte» der Range Rover jetzt? Einem juáresischen Polizeioffizier.

Als die Boeing 777 der American Airlines vom Boden abhob, waren von den Menschen, Autos, Häusern da unten bald schon nicht einmal mehr Pünktchen zu erkennen. Weg waren sie, aufgelöst in der blauweissen Grenzenlosigkeit, die das Flugzeug Richtung Zürich durchstiess. Als Erinnerung an Juárez, Mexiko, flogen in einem Koffer verstaut auch zwei Viagrapillen und eine Schachtel Vitamin C mit.


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