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Schlagschatten -- Che Guevara, sexy Scharfrichter
© Angelo Boog
Von Wolf Schneider
Das Poster mit dem verträumten Blick zwischen Bart und Barett hängt an mehr Wänden in allen Winkeln der Erde als je ein Foto der Geschichte; Jean-Paul Sartre nannte Ernesto Che Guevara «den vollkommensten Menschen unserer Zeit», diesen Schönling mit der sanften Stimme und den kastanienbraunen Locken: Er war ein Frauenheld, ein Revolverheld, ein Henker – und ein Tagträumer, der mit einer Handvoll Guerrilleros die halbe Welt «befreien» wollte.
Mit 24 in Buenos Aires Doktor der Medizin, entfloh Guevara seiner bürgerlichen Existenz, trampte drei Jahre lang durchs spanische Amerika bis nach Mexiko hinauf, traf dort 1955 den ein Jahr älteren kubanischen Rechtsanwalt Fidel Castro und schloss sich seinem Vorhaben an, zusammen mit 80 weiteren «Befreiungskämpfern» auf Kuba den Diktator Batista zu stürzen. 1956 landeten sie auf der Insel, wurden sofort aufgespürt, die meisten niedergemacht; Castro, Guevara und ein paar andere Überlebende konnten ins Gebirge fliehen. Dort bauten sie zwei Jahre lang eine nunmehr wirksame Guerrillatruppe auf, gestützt auf das Vertrauen, das Castro bei den ausgebeuteten Bauern gewann. Wer aus dem zusammengewürfelten Haufen sich nicht fügte oder sich gar als Denunziant verdächtig machte, wurde hingerichtet – der erste durch einen Kopfschuss von Guevara selbst.
Am 4. Januar 1959 zogen die Guerrilleros siegreich in Havanna ein, Batista war geflüchtet, seine Anhänger wurden zu Hunderten von «Revolutionstribunalen» zum Tode verurteilt und erschossen, viele von Guevaras Hand. Dann sah sich dieser Arzt und Scharfrichter zum Präsidenten der kubanischen Nationalbank ernannt, später ausserdem zum Industrieminister. So bekam er die Macht, durch rücksichtslose Planwirtschaft «den neuen Menschen» für seine ideale Welt zu schaffen. Den schuf er nicht, und mit der Wirtschaft ging es schnell bergab.
Aber Guevara blieb populär, mit nackter Brust liess er sich als Erntehelfer fotografieren, die «New York Times» sah in ihm «den Typ des jungen, dynamischen Unternehmers», und Staatsempfänge bereicherte er mit offenem Hemd, von einem Tross von Leibwächtern und schönen Frauen begleitet.
Nach sechs Jahren, 1965, war Guevara der bürokratischen Zwänge überdrüssig, mehr noch der sowjetischen Berater, die Castro ins Land geholt hatte – und verabschiedete sich mit 14 Guerrilleros nach Kongo, um von dort aus Afrika aufzurollen. Zwei, drei, viele Vietnams, zwingt die Yankees in die Knie! Er stützte sich dabei auf ein paar tausend schwarze Kongolesen, aber als es ernst wurde, schlugen die sich in die Büsche, und nach einem halben Jahr gab Guevara diesen Erdteil auf.
Was nun? Er ist erst 38 Jahre alt. Befreien wir also Südamerika, beginnen wir in Bolivien! Im Dschungel am Osthang der Anden sammelt Guevara eine «Befreiungsarmee» von 56 Mann. Sie setzen auf die indianischen Kleinbauern und Landarbeiter – aber die denken gar nicht daran, sich gegen ihre Grundherren aufwiegeln zu lassen, sie ducken sich und laufen zur nächsten Polizeistation.
Unterdessen haben amerikanische Marines 650 bolivianische Soldaten zu Rangern ausgebildet, die Regierung setzt ein Auto als Kopfprämie für Guevaras Leiche aus, elf Monate lang jagen sie die Kubaner. Die sind zerstochen, verdreckt, von Durchfall und Erbrechen heimgesucht; einige werden aus dem Hinterhalt erschossen, andere sind verschollen.
Am 8. Oktober 1967 gerät Guevara mit seinen letzten sechs Getreuen in einen Hinterhalt. Gefesselt wird er in einer Dorfschule auf eine Bank gesetzt, flirtet mit der Lehrerin und ist nach 16 Stunden tot – von neun Kugeln durchbohrt, die vermutlich ein betrunkener Soldat abgefeuert hat: Denn mehrere nüchterne haben sich geweigert, den Befehl der bolivianischen Regierung auszuführen; nichts scheut die mehr als einen lebenden Guevara vor einem grossen Tribunal.
Drei Tage später fliegt die Regierung internationale Journalisten ein, damit sie bestätigen können, dass er endlich tot ist, der berühmteste Störenfried auf Erden. Sie sehen einen schönen Leichnam mit irritierend offenen Augen; die Fotos davon wirken in aller Welt auf viele wie klassische Gemälde von der Kreuzabnahme.
Wie erklärt sich die bis heute ungebrochene Popularität eines Mannes, dessen Wirken ein einziges Desaster war – eines überspannten Selbstdarstellers, der brutal den Tod gab und vor der Wirklichkeit völlig versagte? Die revoltierenden Studenten von 1968 hatten ihr Idol gefunden: den Heiland der Regenwälder, der es gewagt hatte, dem Imperialismus die Stirn zu bieten; das, wovon sie nur redeten, hatte er getan.
Zum Weltruhm aber hätte das noch nicht genügt. Dazu kam wohl, dass er – der Tollkühne, Unbestechliche, Todessüchtige mit seinem phantastischen Lebensentwurf – zum bewunderten, verabscheuten Gegenpol aller satten Bürger der westlichen Welt geworden ist: ein faszinierender Extremfall der Gattung Mensch; unter allen Märtyrern der einzige mit Sex-Appeal; eine unwiederholbare Mischung aus Jesus, Lenin, Tarzan und dem schönen Rudolph Valentino.
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