NZZ Folio 02/99 - Thema: Nano!   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Vorwärts zur Natur!

Von Peter Haffner

Wie klein ist sehr klein? Und was meinen wir, wenn wir sagen, etwas sei ungeheuer gross? Irgendwo verlässt uns die Vorstellungskraft. In einem Universum, dessen fernste Galaxien 12 Milliarden Lichtjahre weit weg sind, ist die Erde nicht einmal ein Staubkorn.

Ein solches seinerseits misst 100 bis 1000 Nanometer; so dick ist etwa eine Seifenblasenwand oder der schillernde Ölfilm auf einer Wasserlache. Ein Nanometer - der millionste Teil eines Millimeters - ist die Grössenordnung, in der sich Atome zu Molekülen gruppieren. Darf's noch ein bisschen weniger sein? Bitte: die Elektronen, die den Atomkern umkreisen, sind kleiner als ein Milliardstel Nanometer.

So unvorstellbar wie die Ausmasse des Alls sind die Dimensionen jenes Kosmos, die man dank den Fortschritten in der Mikroskopie jetzt zu erkunden beginnt. Nicht nur aus wissenschaftlicher Neugier: Nanotechnologie gilt als Schlüsseltechnologie der Zukunft. Neue Heilmittel, schmutzabweisende Wände oder sämtliche Filme dieser Welt auf einer Kreditkarte - das sind nur ein paar der Früchte, die am Baum der Erkenntnis hängen. «Nano» ist in Mode, wie es vor zehn Jahren «Bio» war. Wer Forschungsgelder will, schreibt das Kürzel aufs Gesuch und müht sich, neben all den Fachkonferenzen noch zum Arbeiten zu kommen.

Interessant ist zu sehen, wie sich gleichzeitig das Verhältnis der Wissenschaft zur Natur gewandelt hat. Nun wollen Physiker - wie in guten alten Zeiten - wieder verstehen, wie die Natur vorgeht, wie sie Bewegung zustande bringt, wie die kleinen Fabriken funktionieren, die in jeder Körperzelle am Werk sind: Grossbetriebe im Nanomassstab. Sie nachzubauen wäre eine feine Sache.

Denn die Techniken der Natur sind ökonomisch. So weiss zum Beispiel unser Hirn Elektrizität und Chemie zu verbinden, was ausserordentliche Leistungen ohne starke Hitzeentwicklung ermöglicht. (Wäre es nicht so, würde uns der Kopf beim Denken ganz anders rauchen.)

Von der Natur lernen heisst, bescheiden zu werden. Oder auch nicht: Kann man erst etwas nachmachen, meinen manche, wird man es auch besser machen können. Warten wir's ab.


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