NZZ Folio 04/06 - Thema: Alt und Jung   Inhaltsverzeichnis

Die Gläubige

© Foto: Suzanne Schwiertz
Lotti König, 97: «Die Welt wird klein und kleiner. Und einmal ist genug.» Linktext
Eigentlich hatte Lotti König anderes vor, dann zeigte Gott ihr den Weg: Als Stadtmissionarin in Basel hat sie vierzig Jahre lang Menschen getröstet und ihnen geholfen.

Von Cornelia Kazis

Auf ihrem Taufschein steht: Charlotte König, geboren am 26. April 1909 in Basel. Im Leben war sie von Anfang an Lotti. Der Vater ein kaufmännischer Angestellter, die Mutter Verkäuferin, das Elternhaus bürgerlich und in Stadtparknähe.

Jetzt lebt die 97-Jährige im Ländliheim, einem Alters- und Pflegeheim an Basels St.-Alban-Vorstadt hoch über dem Rhein, gehegt und gepflegt von Schwestern, die noch gestärkte Hauben tragen und mich freundlich und flinken Schrittes zur wartenden Frau in Zimmer 11 geleiten.

Da sitzt sie am runden Tisch, im blauen Jupe und im warmen Pullover, die Beine in Stützstrümpfen und Turnschuhen, ein königsblaues Chiffontuch um die hochgesteckten Haare, vor sich hat sie Blätter mit übergrossen Zahlen liegen. «Ich bin gerade an meiner Steuererklärung.» Dass die Zahlen so riesig sind, hat damit zu tun, dass Lotti König nicht mehr viel sieht. Und an der Art, wie die Schwester mit ihr spricht, merke ich, dass sie auch nicht mehr gut hört. «Und ‹waidli laufe› kann ich auch nicht mehr, aber sonst bin ich noch da», sagt Lotti König, und die Schwester nickt vielsagend.

Wir sitzen und reden im vollgestellten Raum am Tisch zwischen Bett und Kasten, Schreibtisch, Kommoden und Büchergestellen. Wir reden viel über Gott, wenig über die Welt und fangen vorne an in Lottis Leben, weil «sonst ja alles durcheinandergerät».

Die Kindheit war überschattet von etwas Schwerem. Aber davon mag sie nicht sprechen, von der Seelenkrankheit des Vaters, die in ihren Kreisen als Charakterschwäche abgetan wurde und doch viel mehr war, wie sich im nachhinein herausstellte. Das weiss sie heute und ist ihm nicht böse. Sie hat sich in Liebe von ihm verabschiedet, als sein Leben zu Ende ging, und die Mutter und der Bruder auch.

Mit 15 kam die grosse Leidenschaft für das Theater über sie. «Kabale und Liebe» hatte es ihr angetan, und Gretchens Part in Goethes «Faust» lernte sie auswendig. Schon als Handelsschülerin war sie auf dem Konservatorium, und Fräulein Lüscher, ihre Sprecherzieherin, merkte bald, dass das «schwere Fach» der Lotti König lag. «Das konnte ich einfach gut spielen. Es tat mir gut.»

Nach vier Jahren, mit 19, war es aus mit dem Traum vom Theater. Zwar hatte jeder gemerkt, dass Lotti König viel Talent hatte, aber dann kam ein hartnäckiger Rachenkatarrh und später der liebe Gott zwischen Lottis Lebensplan und Lottis Lebenslauf. Der Katarrh nahm ihr die Stimme und der liebe Gott die Schwere. Da war es aus mit dem Drama. Das sagt sie ohne Bitterkeit. Eher mit Schalk und mit noch immer geschulter klarer Stimme. Sie hat, bevor ich zu ihr kam, zu Gott gebetet, damit alles gut geht mit der Frau von der Zeitung und dafür, dass sie Antworten weiss auf die Fragen.

Also frage ich nach Gott. «Meine Mutter fand Trost und Hilfe für ihr schweres Leben bei einer Sekte, der Christian Science. Als es mit meiner Stimme nicht besser wurde, hat die Mutter mich dorthin geschickt, um auch Rat zu holen.» Sie ging hin und bekam Trost. «Die Frau von der Christian Science sagte, Gott sei nichts als Liebe, er zeige mir den Weg, ich solle mich ihm nur ganz anvertrauen.» Als die Ratsuchende wegging, war etwas von ihr gewichen. Es war die Seelenschwere.

Als junges Mädchen hatte sie immer Kinder gehütet, um Geld zu verdienen. Zuerst in Basel, später in Zürich, wo sie jeweils auf dem Montagsmarkt in der Bahnhofstrasse für die Herrschaften gemeinsam mit der Köchin für die ganze Woche Gemüse kaufte. Mit zwanzig zog sie zu einer Familie nach Brüssel, um Französisch zu lernen und für Kinder da zu sein, deren Mutter tot war. Da blieb sie fast drei Jahre. Im Sommer fuhr sie mit Monsieur, der Gouvernante und den Kindern ans Meer.

Ich frage nach der Liebe. Sie spricht von Bekanntschaften, die man hatte. Aber nie kam der Mann ihres Lebens. Was kam, war der Ruf nach Sinn und Ernst. «Lieber Gott, wenn du mir schon das Theater genommen hast, dann gib mir wenigstens etwas Rechtes. Ich habe nämlich keine Lust auf ein dummes Leben!» Mit diesem aufmüpfigen Stossgebet war der Beruf gemeint. Der liebe Gott gehorchte, und so wurde die 23-jährige Lotti König am 1. November 1932 Stadtmissionarin in Basel und ging von Haus zu Haus, um Trost zu spenden und zu helfen. Sie klingelte an Hunderten von Türen, um das Bibelwort zu verbreiten, gemeinsam zu singen und zur Sonntagsandacht zu laden. Längst reichten nämlich die Pfarrer nicht mehr aus für all die Hausbesuche bei den Protestanten der schnell wachsenden Stadt. «Als ich in die Stadtmission kam, war es, als ginge ein grosser roter Vorhang auf, und auf der Bühne war zu sehen, wie das Leben spielt.» Krieg und Krach, Armut und Arbeitslosigkeit, Krankheit und Sucht.

«In den 1930er Jahren haben so viele Männer ihre Arbeit verloren. Da mussten die Frauen putzen gehen und waschen, damit die Kinder etwas zu beissen hatten.» Da hat Lotti König ein paar reiche Damen aus dem besseren Basel angebettelt und kam so zu Lebensmittelpaketen für die Armen. Mehl, Fett und Kaffee waren meist drin. Vielleicht ein Kilo Reis oder Teigwaren.

Es gab auch wandernde Taglöhner in der Stadt. Für sie hat Lotti in Basels Vogesenkapelle eine kleine Arbeitsstätte eingerichtet. Da wurden aus alten Autoreifen schmale Streifen geschnitten, zu Türvorlegern verarbeitet und an den Kirchenbasars verkauft. «So waren die armen jungen Männer wenigstens in der Wärme, hatten etwas zu tun und bekamen Kaffee, Brot und Konfitüre.» Aber Lotti König sorgte noch für mehr. Da sie den Sohn eines Herrenladenbesitzers kannte, kam sie gratis zu Ladenhütern: Taschentücher mit seltenen Initialen, Gamaschen, Kleidungsstücke in extremen Grössen. «Die Männer sahen immer ganz chic aus, und die Anwohner argwöhnten, ob diese Gamaschengecken die Unterstützung wirklich verdienten.» Lotti König lacht, wenn sie daran zurückdenkt. «Das sieht jetzt aus wie Sozialarbeit», sagt sie, «aber es war immer nur Seelsorge.»

Lotti König kramt in alten Dokumenten und lässt mich vorlesen. Sie weiss genau, wo was zu finden ist in ihrem kleinen Reich. Sie erzählt, dass die Leute früher das Schicksal besser ertragen haben. Deshalb hat es auch genügt, zuzuhören, teilzunehmen an Schwerem, Gottvertrauen zu verbreiten, ein Kirchenlied zu singen, da zu sein und wiederzukommen. Ihr Quartier war das Basler Neubadquartier. Bis heute hat sie noch jede Strasse im Kopf und fast jedes Haus. «Ich würde so gerne noch einmal von Haus zu Haus gehen und einfach klingeln und schauen, was aus den Menschen geworden ist.»

Lotti König weiss, dass das nicht mehr geht. Es sei zu gefährlich geworden. Es sei schon mancher Frau auf dem Hausbesuch etwas Ungeschicktes mit Männern passiert. Oder man werde fortgeschickt. Und heute sei ja fast niemand mehr zu Hause. «Die Häuser sind leer geworden in der Stadt.» 35 Jahre sind es her, dass Lotti König, die wandernde Seelsorgerin, ihren letzten Glockenzug machte.

An der Wand in ihrem dichtmöblierten Zimmer hängt eine schwere Pendeluhr. Sie zeigt fünf nach zwölf. Sie geht nicht mehr. «Es lohnt sich nicht, die zu flicken», sagt die greise Frau. Wir sprechen auch vom Tod. Sie antwortet mit einem Gedicht. Und spricht plötzlich wie auf der Bühne: «Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir. Wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür. Wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiss mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.» Lotti König ist parat für das letzte Stündlein, wie sie sagt. Man lernt es, das Sterben. Dann geht die Angst.

Wie denn? frage ich. «Es gibt so viele Abschiede», sagt sie, «den Abschied vom Theater, den Abschied von der Stadtmission, den Abschied von lieben Menschen, die sterben, den Abschied vom Augenlicht und vom Lesen, den Abschied von schnellen Schritten. Lauter kleine Tode. Die Welt wird klein und kleiner. Und einmal ist genug.»


Lotti König wurde 1909 in Basel geboren. Sie machte dort ihren Handelsschulabschluss und nahm 1925 Schauspielunterricht am Konservatorium. Sie arbeitete als Kindermädchen in Basel und Zürich, 1929 bei einer Herrschaftsfamilie in Brüssel. 1932 kehrte sie nach Basel ins Elternhaus zurück und trat in die Stadtmission ein, für die sie bis zur Pensionierung 1971 arbeitete. 1981 zog sie aus dem Elternhaus in eine Alterswohnung, 1996 trat sie ins Alters- und Pflegeheim Ländli ein.

Cornelia Kazis ist Redaktorin bei Radio DRS; sie lebt in Basel.


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