WENN DIE USER KOMMEN, sollen sie bleiben. Aber wie kann man sie halten? Während der Core Production Editor, der User Interface Tester und der Desktop Support Engineer noch grübeln, macht sich der Web-Designer schon an die Arbeit. Ja, das weltweite Gewebe hat die erstaunlichsten Berufe hervorgebracht. Aber so richtig sehen kann man nur das Wirken seiner Schneider: Ihr Mannequin heisst Content, und der wäre unverhüllt ein trauriger Anblick.
Also, was trägt der Text von Welt in dieser Saison? Kommt er in wallenden Purpurstoffen mit schweren 3-D-Knöpfen daher, oder dominieren zartfarbene Muster mit fein eingearbeiteten Java-Accessoires sein Erscheinungsbild? Die grossen Herbstkollektionen signalisieren einen Hang zum Understatement: Je kostbarer die Datenbank, desto unauffälliger die Bildschirmmaske.
Optische Knautschzonen, meist in Form von Weissraum appliziert, sind im Wachsen begriffen. Den verbleibenden Platz zieren pflegeleichte Bildminiaturen: visuelle Schaumpölsterchen in browsersicheren Farben, welche die Kollision des Auges mit dem Inhalt sanft abfedern. Wow-Effekte, der Modeschmuck des Internet, werden bewusst kurzgehalten. Wir haben Links, die hold erröten, sobald ein Cursor sie streichelt. Klappmenus gehen nur ein paar Zentimeter weit auf, was bei Rock und Hose der züchtigen Knielänge entspricht. Farben werden bewusster eingesetzt als ehedem: Sites mit Kunst! halten sich dunkel, die mit Inhalt, Inhalt und noch einmal Inhalt geben sich hell.
Tendenziell nimmt die visuelle Risikobereitschaft ab, wir gehen einer Periode grafischen Sicherheitsdenkens entgegen. Kaum jemand wagt sich noch mit fiebrig zuckenden Animationen, kaskadierenden Fenstern in dicken Nähten oder schillernden Programmbrocken auf den Laufsteg, auf dem das bescheidene Lächeln einer perfekten Schlichtheit alles überstrahlt. Was heute von den grossen Häusern für den Browser gestrickt wird, steht im Zeichen der Tradition: Links die Links, oben das Logo, in der Mitte der Text, aus. In diesem Arbeitsgewand erscheinen Hotwired, CNN und Yahoo täglich zum Aufmerksamkeitswettbewerb. Weiss der Teufel, warum der Internet-Papst Negroponte es «Schweizer Design» nennt.