NZZ Folio 04/96 - Thema: Eherne Ehe   Inhaltsverzeichnis

Gebildete Tochter sucht seriösen Herrn

Das Persönlichkeitsideal im Heiratsinserat.

Von Marlis Buchmann und Manuel Eisner

«Heirat: Junger Mann, 30 Jahre alt, kerngesund mit solidem, festem Charakter in gesicherter Lebensstellung, sucht wegen Mangel an passender Gelegenheit auf diesem Wege mit einer achtbaren, fleissigen und lebensfrohen 22 bis 25 Jahre alten Tochter aus schweizerischer, reformierter und gutsituierter Familie behufs baldiger Heirat in nähere Beziehung zu treten.» (Neue Zürcher Zeitung, 1901)

«Selbstinserent, bald 30jährig, in sozialem Beruf tätig, warmherzig, unkonventionell, umweltbewusst, kinderliebend, tolerant, gut aussehend, möchte Dich, feinfühlige junge Frau, kennenlernen. Herzlichen Dank für Deinen Brief mit Photo.» (Tages-Anzeiger, 1987)

ZWISCHEN DIESEN BEIDEN Heirats- und Bekanntschaftsinseraten liegt fast ein Jahrhundert. Ob die Inserenten ihre Wunschpartnerin gefunden haben, ist uns unbekannt. Hingegen wissen wir, dass sie ihre eigene Persönlichkeit und ihre Beziehungsideale in zeittypischen Formulierungen geschildert haben. Im Bemühen, das Besondere und Wichtige ihrer eigenen Person und ihrer Beziehungswünsche öffentlich zum Ausdruck zu bringen, versuchen sie auf kleinem Raum, der lesenden Person ein Bild, eine Vorstellung von sich und ihren Absichten, zu vermitteln. Heirats- und Kontaktinserate sind daher hervorragende Texte, um über lange Zeiträume Veränderungen von Beziehungs-, Charakter- und Schönheitsidealen, von Techniken der Selbstdarstellung und von Wertvorstellungen zu beobachten. Mit dem Ziel, solche Grundmuster zu identifizieren, haben wir rund 7300 Heirats- und Kontaktinserate aus der «Neuen Zürcher Zeitung» und dem «Tages-Anzeiger» untersucht, die zwischen 1900 und 1992 erschienen sind.

Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts tritt uns in den Heiratsinseraten ein Ideal der Ehe entgegen, das sich in erster Linie als eine arbeitsteilige Zweckverbindung präsentiert. Ökonomisches Kapital, beruflicher Status, ähnliche familiäre Herkunft und charakterliche Qualitäten bilden zu gleichen Teilen die Grundlage dieser Gemeinschaft. Dabei überrascht aus heutiger Sicht, mit welcher Offenheit und Präzision Einkommen, Vermögen, erwartete Erbschaften und soziale Stellung dargelegt, aber auch das einzubringende Fremdkapital expliziert wurde. So war der «junge, reiche Herr von angenehmem Äussern und gutem Charakter mit einem jährlichen Einkommen von Franken 7000 nebst Franken 60 000 Vermögen», der im Jahre 1901 «Bekanntschaft mit gebildetem und vermöglichem Fräulein» suchte, durchaus typisch für den Duktus der Oberschicht jener Zeit.

Auch die Mitarbeit in einem Geschäft oder ein dringlicher Kapitalbedarf galten bis in die späten vierziger Jahre als ein durchaus legitimes Heiratsmotiv. Dass im Jahre 1922 eine «bessere, arbeitsame, gut präsentierende 50jährige Frau» einen «50- bis 60jährigen, biederen, charaktervollen Mann» zu heiraten suchte, «der ihr mit Franken 1000 bis Franken 1500 aushelfen könnte zwecks Vertreibung gut rentierenden, patentierten Haushaltartikels», war daher nur hinsichtlich der Geschlechterrollen etwas aussergewöhnlich.

Überaus greifbar wird in den Heiratsinseraten jener Zeit auch die patriarchale Struktur ehelichen Zusammenlebens. So war es in keiner Weise anstössig, wenn Herren in Heiratsinseraten «ein besseres Dienstmädchen mit gutem Charakter» suchten, dem nach Bewährung im Haushalt eine Ehe in Aussicht gestellt wurde, oder sich «eine für Haushaltung und Familienleben erzogene Tochter aus guter Familie» zur Frau wünschten. Liebe - oder vielleicht besser: Zuneigung - mag sich im Rahmen dieses Modell nachträglich eingestellt haben. Notwendige Voraussetzung für eine Ehe war sie aber kaum.

Diesem Eheleitbild entspricht eine Konfiguration von Charakterqualitäten, in der uns das Persönlichkeitsideal jener Epoche entgegentritt. So suchte etwa im «Tages-Anzeiger» des Jahres 1916 eine «brave und gut empfohlene Witwe von 36 Jahren» einen «soliden oder braven ehrlichen Arbeiter, der sich nach einer tüchtigen und angenehmen Hausfrau sehnt». Hierin finden sich all jene Eigenschaften, die bis ins letzte Drittel dieses Jahrhunderts den Kern des «guten Charakters» ausmachten. In Begriffen wie «solid», «fleissig» oder «tüchtig» zeigte sich die zentrale Bedeutung einer puritanischen Arbeitsgesinnung. Ihr entsprach eine begrenzte Bandbreite emotionaler Gestimmtheit, die sich im wesentlichen auf den Bereich von «ernst» und «ruhig» bis hin zu «nett» und «sympathisch» beschränkte. Mit der regelmässigen Nennung von Begriffen wie «ehrbar», «geachtet» und «seriös» wurde die Wichtigkeit von gesellschaftlicher Herkunft und Reputation hervorgehoben. Dieses Bild des guten Charakters wurde je nach Geschlecht und sozialer Stellung variiert. Männer beschrieben sich häufiger als «solid», «strebsam» und «friedlich», während sich Frauen gern als «nettes Fräulein» mit «häuslichem Sinn» bezeichneten. Angehörige der Oberschicht gaben ihrer Distinktion mit Begriffen wie «kultiviert» und «geachtet» Ausdruck, während Inserierende der Unter- und Mittelschicht sich eher als «einfach» und «ehrlich» darstellten.

Bis in die späten fünfziger Jahre blieben diese Leitvorstellungen des guten Charakters und der idealen Beziehung im Wesentlichen erhalten. Doch zeichnen sich im zweiten Drittel dieses Jahrhunderts einige graduelle Verschiebungen ab, die gegen Ende der zwanziger Jahre einsetzten und nach dem Zweiten Weltkrieg deutlicher werden. Auf der Ebene der Beziehungsideale ist auffällig, dass ab den späten zwanziger Jahren Begriffe wie «Neigungsehe» beziehungsweise «Liebesehe» deutlich öfter verwendet wurden. In eine ähnliche Richtung weist, dass nun Männer wie Frauen häufiger davon sprachen, auf der Suche nach einer «Kameradschaft», einem «Ehekameraden» oder einem «Lebensgefährten» zu sein. So suchte im Jahre 1958 eine junge Dame in der «Neuen Zürcher Zeitung» einen «treuen, liebevollen Lebensgefährten, der nicht nur bereit ist, das Glück einer idealen Gemeinschaft zu empfangen, sondern auch bereit wäre, eine sensible Frau zu verstehen und zu verwöhnen». In der hierin betonten Emotionalität, Intimität und gegenseitigen Verständigung scheint ein Beziehungsleitbild auf, das noch in den frühen zwanziger Jahren undenkbar gewesen wäre und ab den siebziger Jahren zum Regelfall werden sollte. Auch gewisse Veränderungen in den Charakterqualitäten sind in dieser Phase unübersehbar. Bereits Ende der zwanziger Jahre wurden die eher ständischen Hinweise auf Ansehen und gute Herkunft weniger wichtig. Hingegen blieben Seriosität, Fleiss und Tüchtigkeit vorerst als erstrangige Qualitäten erhalten, verloren im Verlauf der fünfziger Jahre dann aber rasch an Bedeutung. Gleichzeitig traten Beschreibungen des beruflichen und ökonomischen Status allmählich in den Hintergrund, während Freizeitaktivitäten ein immer grösserer Raum zugestanden wurde. Neue Charaktereigenschaften tauchten auf. Beispielsweise deutet der in den fünfziger Jahren beliebte Begriff des «feinfühlenden Menschen» bereits ein etwas grösseres Gewicht von Innerlichkeit an. Unsere Untersuchungen brachten allerdings zutage, dass diese Veränderungen der Persönlichkeits- und Beziehungsideale nicht alle sozialen Gruppen und Schichten gleichzeitig erfassten. So begannen Frauen deutlich früher als Männer, ihre Beziehungs- und Persönlichkeitsideale anders darzustellen. Zudem wurden Intimität und Emotionalität in den Heiratsanzeigen der «Neuen Zürcher Zeitung» früher betont als in jenen des «Tages-Anzeigers».

Ein fundamentaler Wandel der Art und Weise, wie Inserierende ihre Persönlichkeit und ihre Beziehungsvorstellungen schildern, beginnt in den frühen sechziger Jahren und setzt sich bis in die Gegenwart fort. Auf einer eher formalen Ebene äussert sich diese Veränderung etwa darin, dass mit den sechziger Jahren die rein äusserliche Zielnennung «zwecks Heirat» seltener zu werden beginnt und seit den späten Siebzigern nur noch in einer kleinen Minderheit von Anzeigen zu finden ist. An ihre Stelle tritt nun die romantische, harmonische, nichtalltägliche und echte «Partnerschaft», die von «Liebe», «Zweisamkeit» und «Geborgenheit» getragen wird. So wünschte sich beispielsweise im Jahre 1990 eine sportliche 50jährige Witwe, sie möge mit einem «aufgeschlossenen, sensiblen Partner Schönes gemeinsam erleben, einsame Stunden teilen, Freuden und Enttäuschungen im täglichen Leben austauschen können und jemanden zu ihrer Seite wissen».

Drei Elemente sind für dieses neuartige Beziehungsideal kennzeichnend. Erstens werden Beziehungen zunehmend als ein Verständigungsprozess aufgefasst, in dem es fortwährend gilt, den eigenen Emotionen Ausdruck zu verleihen und sich auf die Gefühlslagen des anderen einzustellen, um sich so der gemeinsamen Liebe, Harmonie und Zuneigung zu vergewissern. Grundlage des Verständigungsprozesses bildet - zweitens - das Ideal einer partnerschaftlichen Gemeinschaft, in der idealerweise Gleichberechtigte einander begegnen. Hinzu tritt - drittens - eine ausgeprägte Erlebnisorientierung. Freizeitaktivitäten, vielseitige Interessen und geteilte Erlebnisse werden in den sechziger Jahren ein zentrales Element des Beziehungsideals. Das kam beispielsweise in der Annonce jenes «41jährigen, schlanken und feinfühlenden, geistig und körperlich beweglichen, sympathischen Mannes» zum Ausdruck, der 1975 im «Tages-Anzeiger» «für eine gemeinsame Zukunft eine schlanke, attraktive, ausgeglichene Dame» suchte, «die ihn zum Tanzen, ins Kino, ins Theater, zum Sport begleitet, mit ihm durch Feld und Wald wandert und mit ihm bei Musik und Kerzenschein träumt».

Wie hier bereits erkennbar wird, verschieben sich mit dem neuen Verständnis von Beziehung jene Charakterqualitäten, die als besonders attraktiv in den Vordergrund gerückt werden. Die zuvor so wichtigen bürgerlichen Tugenden verschwinden fast gänzlich aus den Inseratetexten. An ihre Stelle tritt eine Liste vielfältiger und anspruchsvoller Qualitäten, in denen sich eine virtuos erhöhte Innerlichkeit mit dem Bedürfnis nach Individualität und Unabhängigkeit verbindet. So beschrieb sich eine Dame, die 1981 im «Tages-Anzeiger» einen «weltoffenen und grosszügigen Herrn mit Niveau und Herzensbildung» suchte, als «attraktiv, kaufmännisch gebildet, reiselustig, vielseitig interessiert, romantisch, zärtlich und zu einer echten Partnerschaft fähig».

Dieser Typus von Selbstbeschreibung dominiert die Heirats- und Bekanntschaftsinserate seit den siebziger Jahren. Männer wie Frauen suchen nun einfühlsame, zärtliche, spontane, unkonventionelle und tolerante Partner und Partnerinnen, die in der Regel schlank, attraktiv, aktiv, sportlich und vielseitig interessiert sein sollten. Auf dem emotionalen Spektrum mündet nun die Bewegung, die mit «ernst» und «seriös» begonnen und sich um die Jahrhundertmitte in Richtung «lebensfroh» und «frohmütig» entwickelt hat, in den Fieberbereich der «spontanen», «humorvollen» und vor allem «aufgestellten» Stimmungslagen.

Aus einem Eheideal, in dem das friedliche Heim gleichermassen auf dem eingebrachten Kapital, einer streng patriarchalischen Arbeitsteilung und bürgerlich-puritanischen Idealen wie Solidität, Fleiss und Tüchtigkeit beruhte, hat sich seit den frühen sechziger Jahren ein völlig neues Leitbild herausgebildet, in dem sich erstmals für breite gesellschaftliche Gruppen das romantische Ideal von Liebe, Geborgenheit und Harmonie mit demjenigen von Partnerschaft und geteilter Erlebniswelt verband. Das hat viele Gründe. Der Wunsch, eine spannende Beziehung auf der Grundlage gemeinsamer Interessen zu haben, ist genau in jener Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aufgetaucht, in der sich viele Menschen zum erstenmal Ferien und vielfältigere Freizeitaktivitäten leisten konnten. Deutlich wird auch, dass das Ideal von Liebe, Zärtlichkeit und Sensibilität an Bedeutung gewann, als die Ehe nicht mehr nur vom Kampf um das tägliche Brot, die Aufzucht der Kinder und die äussere Konvention zusammengehalten wurde. Und die Vorstellung einer partnerschaftlichen Beziehung hat in jener Epoche ihren Weg in die Inserate gefunden, als die Frauenbewegung die patriarchalische Familie kritisierte und eine gleichberechtigte Partnerschaft forderte.

Marlis Buchmann ist Professorin für Soziologie an der ETH Zürich und an der Universität Zürich. Manuel Eisner ist Oberassistent an der Professur für Soziologie der ETH Zürich.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.