NZZ Folio 01/00 - Thema: Jobs!   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Erhard Urs Widmer, Blinddegustator durch Schicksal

Von Peter Rüedi

WAS IST SCHULD am Vergehen von Hören und Sehen? Nicht das physische Schwinden der Sinne, sondern die Ohnmacht, in die uns der optisch-akustische Overkill treibt: Muzak und televisives Zappen, und hinter tausend Reizen keine Welt.

Erhard Urs Widmer ist ein glücklicher Mensch, aber das zu behaupten steht keinem an ausser ihm selbst. Geboren 1954, ist er seit seinen frühen Zwanzigerjahren, nach einem langen Verdämmern der Sehkraft, blind. Er liess sich umschulen zum Masseur («mein Wiedereinstieg ins Leben»), arbeitet daneben seit einigen Jahren in einem Marketingunternehmen in der Personalberatung und -Schulung («da braucht's einen, der zuhören kann»), und er hat seit der Zeit, da er «noch auf Opfer machte», überhaupt die unterschiedlichsten Renaissancen erlebt. Er stürzte sich als Bungee-Jumper am Gummiseil in die Tiefe, begann ein Lauftraining, erst auf dem Band, dann mit einem Begleiter im Freien, eroberte so, Kilometer um Kilometer, «eine absolut neue Dimension».

Zuletzt lief er, zusammen mit einem Freund, am letzten New York Marathon zehn Ränge hinter Joschka Fischer auf Platz 11 800. «Wenn ich mich frage, was waren meine Highlights, muss ich sagen: neue Entdeckungen.»

Damit meint Widmer auch seine dritte Renaissance: die Erfahrung des erfüllten, wenn auch nie festzuhaltenden Augenblicks durch den Genuss guter Weine. Seit gut zehn Jahren erriecht und erschmeckt sich der ehemalige Bauernbub «die ganze Welt» im Glas, ein Blinddegustator durch Schicksal, immer auf der Annäherung an die «vorübergehende Vollkommenheit», die Wein für ihn bedeutet.

Eben hat er an der Zürcher Expovina wieder über 300 Weine degustiert. Sein Favorit unter allen ist ein argentinischer Roter, ein 95er unfiltrierter Malbec/Verdot von Luigi Boscas Finca Los Nobles in Mendoza: «noch jung, gross im Potential, wunderbare Gewürznoten, Vanille, dunkle Beeren, vor allem die für den Malbec typische Heidelbeernote; noch etwas eckig, aber elegant strukturiert, insgesamt kein Wein, der im Rampenlicht seine Aufdringlichkeit ins Bewusstsein brennt, wohl aber einer mit einer ungemeinen Stabilität. Er ist in einem alten Weinberg auf gut 1000 Metern gewachsen, Malbec und Petit Verdot durcheinander, die Stöcke sind nicht mehr zu trennen, aber die Trauben sind alle handgelesen.»

Seiner Behinderung (der vererbten retinitis pigmentosa) verdankt Erhard Urs Widmer eine grosse Diszipliniertheit im Zuhören und eine Schärfung des Gedächtnisses. Das, die Möglichkeit des Vergleichs in der Erinnerung, ist die Grundlage aller Weinkennerschaft. «Ich habe mir jetzt nochmals aglueget, was wir zwei Stunden geredet haben», sagt er am Ende, als er die Erinnerung nochmals ablaufen lässt wie ein Tonband. Und will noch eines anmerken: «Nie würde ich das Gehör und das Schmecken und Riechen gegen die Augen tauschen.» Er ist zwar überzeugt, dass er eines Tages wieder sehen werde, «bei den Fortschritten der Augenheilkunde». Sich das nicht zu wünschen wäre nur für ihn selbst, diesen philosophischen Spartaner des Genusses, etwas anderes als Zynismus.


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