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NZZ Folio 06/02 - Thema: Kindermacher Inhaltsverzeichnis
Das erste Mal -- Dr. Jane, warum so bossy?
© Hans Schürmann, Zürich
Von Ursula von Arx
JANE ROYSTON, 1958 in Südengland geboren, ist seit 1999 Professorin für Unternehmertum und Innovation an der ETH Lausanne. Bereits mit 27 war sie IT-Chefin des Chemiemultis DuPont in Paris, 1986 gründete die britisch-schweizerische Doppelbürgerin in Genf eine eigene Firma: NatSoft, ein IT-Dienstleistungsunternehmen, das sie zehn Jahre später wieder verkaufte. Royston sitzt als erste Frau in der Eidgenössischen Kommission für Technologie und Innovation (KTI). In ihrem Büro an der ETH Lausanne fallen sofort die vielen Fotos ihrer beiden Töchter auf sowie die riesige Bildmontage mit Mitarbeitern aus NatSoft-Zeiten.
Jane Royston, wann wussten Sie das erste Mal, dass Sie Boss sein wollen?
Ich habe mein Leben nicht geplant. Ich studierte Mathematik, weil ich das Spiel mit Zahlen liebe. Gedanken daran, welches Studium wohl die besten Berufsaussichten eröffnet, verschwendete damals kaum jemand. Das hat sich grundlegend geändert. Heute plant man seine Karriere, nichts wird dem Zufall überlassen.
Eine bedauernswerte Entwicklung?
Planung hat den Vorteil, dass man nicht in den Tag hinein lebt. Aber tendenziell finde ich das traurig, ja. Man verliert Spontanität und Neugier, wenn man so früh schon ein fixes Ziel vor Augen hat. Ich würde mein Leben so beschreiben, dass ich die Chancen, die sich boten, beim Schopf gepackt habe. Ich habe nie gesucht, aber gefunden. Wer plant, ist weniger offen für Möglichkeiten.
Aber was hat Sie dazu getrieben, Ihre Stellung als Chefin der Computerabteilung bei DuPont Frankreich aufzugeben und in Genf eine eigene Firma zu gründen?
Ich sass in meinem Büro in Paris und hatte drei Millionen Dollar, die ich ausgeben wollte. Es gab ein paar Probleme zu lösen, und wir hatten das Geld dazu. Ich hörte mir zahllose Präsentationen an, aber diese Verkäufer waren alle so armselig und inkompetent, dass ich fast verzweifelte. Da hatte ich diese wunderbare Idee: eine Firma, die beide, die Geschäftsleute und die Computerleute, vereint und massgeschneiderte Lösungen anbietet. Als Kunden stellte ich mir multinationale Unternehmen vor, deren spezifische Bedürfnisse ich bei DuPont kennengelernt hatte. Oder auch Regierungsorganisationen, davon gibt es in Genf ja genug. So entstand NatSoft.
So einfach?
Ich schlief noch zwei, drei Nächte darüber, dann stand mein Entschluss fest. Ich hatte kein Geld, meine Eltern liehen mir 50 000 Franken als Startkapital. Ich telefonierte ein halbes Jahr lang herum, ohne einen einzigen Auftrag hereinzuholen. Das war hart. Man lud mich zwar zu Präsentationen ein, denn die Schweizer sind ja freundliche Leute, aber es schaute nichts dabei heraus. Beim ersten Kurs, den ich geben durfte - endlich -, versagte meine Stimme.
Was brachte den Durchbruch?
Die AHV. Ich hatte ein Riesenglück, dass ich den Auftrag bekam, der ganzen Genfer AHV-Equipe die Programmsprache Natural beizubringen. Ich war zwar überhaupt nicht dafür eingerichtet, denn am Anfang habe ich potentiellen Arbeitgebern natürlich nie gesagt, dass meine Firma aus mir allein besteht, und als wir etwa zehn Mitarbeiter waren, tat ich, als seien wir zwanzig. Erst als wir fünfzig waren, sagte ich jeweils die Wahrheit.
Nach einem Jahr schrieb NatSoft schwarze Zahlen. Warum waren gerade Sie erfolgreich?
Erstens und zweitens: die richtigen Leute. Wenn man die richtigen Leute beisammen hat, kann man sich Kontrolle und all das sparen. Wir wollten Kompetenz, aber auch Spass. Jemand, der die Arbeit und sich selber zu ernst nahm, passte nicht zu uns. Denn eine lockere Arbeitsatmosphäre ist Voraussetzung für Kreativität.
Drittens?
Distanz. Ich war nie verliebt in Computertechnologie. Für mich war der Computer immer ein Hilfsmittel, nicht mehr, nicht weniger. Das half, die richtigen Akzente zu setzen und den Dienst am Kunden in den Vordergrund zu stellen. Es gibt auch noch einen vierten Punkt: sehr, sehr hart arbeiten. Eine eigene Firma bedeutet unglaublich harte Arbeit, das sagen die Leute meist nicht, aber es ist so. Und was man auch sagen muss: Wer viel Geld verdienen will, sollte nicht Unternehmer werden. Denn nur wenige werden finanziell erfolgreich. Der Grossteil schlägt sich mit einem Monatseinkommen von vielleicht 4000 oder 5000 Franken durch.
Nach zehn Jahren haben Sie NatSoft verkauft. Für wie viel?
Für so viel, dass ich mich bequem für den Rest meines Lebens zurückziehen könnte. Mit der genauen Verkaufssumme möchte ich nicht hausieren gehen.
Haben Sie auch Fehler gemacht?
Ich war zu vertrauensvoll. Das heisst, nein, nicht zu vertrauensvoll, denn ohne Vertrauen kann man es sowieso vergessen. Aber wenn die Firma eine bestimmte Grösse erreicht hat, sollte man gewisse Dinge einfach schriftlich regeln, und das habe ich nicht gemacht. Und so gründete einer meiner ersten und engsten Mitarbeiter eine eigene Firma, die genau das Gleiche anbot wie NatSoft. Und ich konnte nichts dagegen tun.
Was Entlassungen angeht . . .
Da bin ich ein richtiger Softie. In meinem ganzen Leben habe ich Leuten immer eine zweite und dritte Chance gegeben, und ich habe es nur einmal erlebt, dass sich das auszahlte. Wir haben eine Menge Energie verloren wegen meiner Unfähigkeit zur Härte.
Was Sie erzählen, das lernt man doch mit der Erfahrung. Wozu braucht es eine Ausbildung, wie Sie sie an der ETH Lausanne anbieten?
Wenn ich mir die grossen Unternehmer anschaue, dann glaube ich nicht, dass einer von ihnen sich in Unternehmensführung unterrichten liess, das stimmt schon. Wir lehren die Basics. Wie übersetzt man die zündende Idee in einen Businessplan, wie findet man die richtigen Mitarbeiter, wie führt man sie, wie analysiert man die finanzielle Situation, wie verkauft man ein Produkt? Es gibt ja immer noch Leute, die glauben, ein gutes Produkt verkaufe sich von selbst. Ich kenne kein einziges.
Welche Flausen müssen Sie Ihren Studenten sonst noch austreiben?
Wissenschaft habe etwas mit Ethik zu tun, Business nicht; im Geschäftsleben sei erlaubt, was Gewinn bringe. So denken viele - keine Ahnung, woher die das haben. Dabei gilt auch im Geschäftsleben: Ehrlich währt am längsten. Was ich auch feststelle: Viele meiner Studenten haben in ihrem Leben noch nie rechnen müssen. Sie haben keine Beziehung zum Geld. Letzteres ist wohl ein Schweizer Wohlstandsphänomen. Ich glaube, es schadet keinem Kind, wenn es sein erstes Fahrrad selber verdienen muss.
Seit Sie 27 sind, waren Sie immer der Boss. Was macht das mit einem?
Man wird bossy. Deshalb bin ich heute wohl auch eine alleinerziehende Mutter. Positiv ist: Mich erschreckt so schnell nichts mehr. Ich löse die Probleme, wenn sie da sind, und mache mir nicht schon im Voraus Sorgen. Ja, ich glaube, ich bin stark geworden. Kürzlich war ich in Shanghai, und die Stadt begeisterte mich sehr. Ich könnte mir gut vorstellen, da ein neues Leben anzufangen. Meine Mädchen sind jetzt noch in einem guten Alter, um Chinesisch zu lernen, eine Sprache, die äusserst wichtig werden wird.
Die Frauenfrage muss immer noch gestellt werden: Warum gibt es so wenig Frauen an der Spitze?
In der angelsächsischen Welt sind Frauen in Spitzenpositionen viel häufiger als hier. Also spielt die Erziehung eine grosse Rolle. Kürzlich stieg ich mit meinen Töchtern in ein Flugzeug, da weinte die ältere plötzlich los: «Mami, schau, es hat eine Pilotin. Wir stürzen sicher ab!» Da wurde ich wütend wie schon lange nicht mehr.
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