Ein Besuch auf der Redaktion ist keinem «Gala»-Fan zu empfehlen. Statt über Flavio Briatore und Paris Hilton stolpert er über achtlos weggekickte Kartonschachteln. Statt in einem feudalen Empfang landet er in einer Koje mit zwei Stühlen, wie man sie auf Verkaufsmessen findet. Wer hier wartet, tut gut daran, die Füsse einzuziehen. Unentwegt hetzen die Redaktorinnen, Mädchen mit ewig rutschenden Spaghettiträgern, hin und her.
Jedes Quartierblatt logiert feudaler, jede Speditionsfirma gibt mehr auf ihr Äusseres. Und wenn der Chefredaktor, im Freizeithemd und die Kaffeetasse in der Hand, durch seine Redaktion schlendert, wirkt er eher wie der entspannte Hausvater eines Mädcheninternats denn wie ein Mann, der mit Tom Cruise und Madonna diniert. Daran ändert auch sein himmelblaues Gummiarmband mit dem Aufdruck «Power und Passion» nichts. Vor allem, wenn man weiss, dass er es von seinem kleinen Sohn hat.
Peter Lewandowski hat schon immer bei Zeitungen gearbeitet, in denen es menschelt. Als Chefredaktor des deutschen «Playboys» überredete er die deutsche Eiskunstläuferin Katharina Witt, sich vor der Kamera nackt auszuziehen. Bei «Gala» sind ihm die Garderoben wichtiger. Das wichtigste Ereignis 2005? Nur kurz presst Peter Lewandowski beide Hände auf die Augen. Dann weiss er es: das Drama um Jennifer Aniston, Brad Pitt und Angelina Jolie. «Eine tolle Geschichte!» In der Kurzfassung: Jennifer Aniston ist eine Hollywoodschauspielerin, die das Geheimnis ihrer glücklichen Ehe mit Hollywoodschauspieler Brad Pitt in die Worte fasste: «Ich trage meine Kleider eng, eng, eng.» Offenbar nicht eng genug. Denn Ehemann Brad hatte derart lauten Sex mit der Hollywoodschauspielerin Angelina Jolie, dass das Hotelpersonal glaubte, eine Elefantenherde trample durchs Haus. So wenigstens stand es in der englischsprachigen Boulevardpresse.
Peter Lewandowski würde Liebe und Leid niemals so plump formulieren. «Gala» steht für knitterfreien Optimismus. «Mit Sonne im Herzen», rät der Chefredaktor seinen Lesern im Editorial, ist alles zu ertragen, auch das schlechte Wetter. Überhaupt, was soll der ganze Schmuddelkram? Das sei längst over. Menschen, denen es, wie jetzt, politisch und sozial schlechtgeht, wollen gute Nachrichten hören und schöne Bilder sehen und – wenigstens für eine halbe Stunde – Büro, Kinder und Schulden vergessen. Mit plaudernden, schwulen Dienern, betrunkenen Schauspielern und einem Samenraub in der Wäschekammer lässt sich keine Auflage mehr machen. Passé auch das Spekulieren auf Schadenfreude: «Ha! Den Royals geht’s auch nicht besser als uns! » «Gala» präsentiert sie lieber als Vorbilder. Wie gut ist Letizia in Madrid stets gekleidet! Wie tapfer hält sich Mette-Marit in Oslo! Und dies, schreibt Peter Lewandowski in seinem milden Lebenshilfe-Plauderton, obwohl es das ehemalige Partygirl Mette-Marit in ein fremdes Milieu verschlagen hat – wie viele Frauen heutzutage. Noch vor wenigen Jahren hatte «Gala» die europäischen Höfe links liegenlassen – da flogen ja schon die Motten raus. Seit so viele neue Prinzessinnen für Betrieb und Babies sorgen, hat das Interesse am königlichen Treiben wieder zugenommen. Zudem sind Royals praktisch. Sie bleiben Prominente auf Lebenszeit und müssen, dank ihrem hohen Wiedererkennungswert, nicht stets von null auf erklärt werden.
Abgesehen von den Prinzen und Prinzessinnen und einer Handvoll Briten schaffen es nur wenige Europäer ins Blatt. Von den Deutschen genügen höchstens die Models Heidi Klum und Claudia Schiffer und die Ex-Tennisspieler Boris Becker und Steffi Graf dem geforderten «Gala»-Glamourfaktor. Sowie Joschka Fischer, sofern er sich wieder mal mit einer attraktiven neuen Freundin zeigt. Null Chance dagegen haben die Schweizer und Schweizerinnen. Besonders, seit die Borer-Fieldings – leider, leider – fast völlig abgetaucht sind.
Flache Bäuche und makellose Zahnreihen, hoch toupierte Lockenpracht und tiefe Décolletés – was «Gala» ausmacht, findet das Blatt fast ausschliesslich in Amerika. Statt Nouveau-pauvre-Chic pfundweise umgehängte Diamanten. Statt europäisches Weltweh das Leben als nie endende Party! Dass Peter Lewandowski damit richtig liegt, beweisen die Zahlen. Seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren stieg die «Gala»-Auflage um 100 000 Exemplare auf 400 000. Zwar behauptet er, keine Konkurrenz zu haben. Doch die neuste Ausgabe der «Bunten» liegt griffbereit auf seinem Schreibtisch, und durchgeblättert hat er sie auch schon. «Da!» sagt er und schlägt mit der flachen Hand aufs Titelblatt: «Die Siegels!» Gemeint ist die Titelgeschichte der «Bunten» über die Familie des deutschen Schlagerkönigs Ralph Siegel. So bieder. Schwiegermutterlektüre. Käme bei ihm nie ins Blatt. Bei ihm lächelt, wie fast jede Woche, eine Frau vom Cover – diesmal ist es Angelina Jolie. Sie drückt ein fotogen schwarzes Kind an ihre weisse Haut und wirkt irgendwie, sinniert Peter Lewandowski, weicher: Ist sie schwanger?
Erst nach und nach zeigt sich, welche Welten zwischen den beiden grössten deutschen Peoplemagazinen liegen. Bisher schien dem Laien «Gala» was «Bunte». Unmöglich, am Kiosk die heftig bedruckten Cover voneinander zu unterscheiden, geschweige denn die aktuelle Ausgabe von ihrer Vorgängerin. Und nicht nur aussen, auch innen glichen sich die Magazine wie ein Kreuzworträtselheft dem andern. Alles falsch. Bei «Gala» schreiten die Promis auf 12-Zentimeter-Absätzen über rote Teppiche, in der «Bunten» lehnen die Herrschaften am Kamin. Bei «Gala» strahlen sie aus Lebensdurst, in der «Bunten» dank Frischzellenkur. «Gala»-Leserinnen wissen, dass Minogue keine Augenkrankheit und Pitt kein Klebestift ist. «Bunte»-Leserinnen können die Namen der europäischen Adelsfamilien bis ins siebte Glied auswendig aufsagen.
Gut möglich, dass die Unterschiede mit den Verlagshäusern zu tun haben. «Gala» wird in Hamburg gemacht, die «Bunte» im Epizentrum der deutschen Bussi-Gesellschaft, München. Auch besitzt letztere mit Gräfin Marie Waldburg und Paul Sahner ein Reporterteam, das seit Jahren gezielt Beziehungen zur lokalen Society aufbaut und unterhält. Gelitten haben diese Beziehungen nur, als vor ein paar Jahren ein ehrgeiziger Chefredaktor versuchte, mit hämischen Pointen und Sätzen wie «Geld macht gaga» ein intellektuelleres Publikum zu gewinnen.
Hinzu kamen kostspielige Pannen. Um die rutschende Auflage zu stoppen, erfand das Blatt ein Interview mit Prinzessin Caroline (Schmerzensgeld: 180 000 Mark), druckte Paparazzibilder von Prinz August von Hannover (Schmerzensgeld: 100 000 Mark). Heute sind solche Flops selten geworden. Die «Bunte» verzichtet auf kompromittierende Privatfotos neidischer Verwandter und eifersüchtiger Expartner. Stattdessen verfolgt Chefredaktorin Patricia Riekel teilnahmsvoll, ohne Härte und Häme, das bunte Auf und Ab und die wechselnden Lebensbegleiter der Berühmten.
Die neue Milde ist nicht ganz freiwillig. Alles deutet darauf hin, dass die Celebrities, lange Freiwild, allmählich die Oberhand gewinnen. Gekonnt nutzen sie den herrschenden Promi-Hype und diktieren ihre Bedingungen. Sie wollen vor dem Druck nicht nur den Text einsehen, sondern auch die Fotos auswählen und das Layout und den Titel bestimmen. Und sie fordern Geld. Eine Einladung an die Hochzeitsfeier? Kein Problem. Kostet 5000 Euro pro veröffentlichtes Foto. Ein Interview? Nicht unter 10 000 Euro plus Spesen. Stimmt das Honorar, steigen die Schönheitschirurgenwitwe Tatjana Gsell und Prinz Ferfried von Hohenzollern auch gern gemeinsam in die Badewanne.
Promis, die kein Geld wollen, wollen Werbung. Für ihren neuen Film, ihre Memoiren, ihre Modelinie, ihr neues Image oder – ganz neu – ihre Wiederwahl. Locker plaudern die Politiker und Politikerinnen in der Boulevardpresse über Fasten, Fitness und Frisuren. Oder zeigen sich, wie etwa Gerhard Schröder mit seinem frisch adoptierten russischen Mädchen. Ein solches Bild bringt ihm mehr Stimmen als eine weitere Erklärung zu Hartz IV. Denn seit die Politik so kompliziert geworden ist, lassen sich die Wähler und Wählerinnen lieber von leichter durchschaubaren privaten Fakten leiten als von politischen Parolen.
Um das einvernehmliche Geben und Nehmen zwischen Promis und Boulevard nicht mutwillig zu zerstören, zeigt sich auch «Gala» vorsichtig. «Das kann man natürlich so nicht schreiben», heisst es öfter an der Redaktionskonferenz. Zum Beispiel, dass Michelle Hunziker nach ihrem Liebesurlaub zu viert in den Augen der Öffentlichkeit drauf und dran scheint, ins Luderfach abzurutschen. Und dass der Sex bei den Beckhams wohl nie so richtig doll war, weil man ja weiss, wie das bei Fussballern ist, wenn sie wochenlang miteinander unterwegs sind.
So viel Rücksichtnahme macht die Redaktionsarbeit immer mehr zum PR-Service für die Promis. Kaum eine der «Gala»-Redaktorinnen hat die Stars, über die sie von früh bis spät nachdenkt, schon jemals getroffen. Das ist auch nicht nötig. Denn diese Branche züchtet ihre Stories in einer Art Hors-Sol-Kultur. Die Nährlösung besteht aus Berichten von «Vanity Fair», «Paris Match», «Daily Mail» und anderen Zeitungen, deren Kontakte gut genug sind, um Zugang zu den Prominenten zu bekommen. Da sich sämtliche Klatschblätter der Welt vom gleichen Stoff ernähren, ähneln sich die Berichte wie eine Börsenseite der andern.
An der «Gala»-Redaktionskonferenz wühlt die Redaktorin vom Ressort Stars & Stories in einem Stapel herausgerissener Magazinseiten und müht sich um eine Zusammenfassung dessen, was dort geschrieben steht. Sienna Miller hatte einen Badeunfall und ist Kettenraucherin geworden. «Man fragt sich», erklärt sie der Redaktionsrunde, «ob ihr jetzt nicht alles ein bisschen zu viel wird.» Brittany Murphy gesteht, nach einem halben Glas Champagner betrunken zu sein. Kathie Holmes bekam nach einem von Scientologen verschriebenen Vitamindrink einen Ausschlag. Nach einer halben Stunde kurbelt jemand die Lamellenstoren herunter; der Sitzungsraum wird dunkel, und auf der Leinwand erscheint George Clooney im Bademantel am Comersee. Das Titelblatt der kommenden Woche? Chefredaktor Lewandowski zögert. Sein bisher einziger Titel-Flop waren die fröhlichen Strandszenen, als Europa im Regen versank. Schliesslich winkt er ab: «Lieber Victoria Beckham.» Das letzte Wort gehört ihm so sicher, dass er seine Stimme nicht erheben muss, um seine Meinung durchzusetzen. Und wenn er beifügt: «Aber vertiefen, nicht das übliche Blabla», klingt dies eher mild empfehlend denn befehlend. Schwierig, dieses «Vertiefen». Zwar besitzt «Gala» in Los Angeles, New York und London Korrespondenten, doch auch die müssen sich bei ihren Recherchen häufig mit der Pressesprecherin, einem Nachbarn oder Kellner begnügen. Der Ober bestätigt, dass das Paar den ganzen Abend geturtelt hat. Die Nachbarin verneint, dass der Star weggezogen ist. Damit schmilzt die geforderte Vertiefung zu einem halben Satz.
Nach der Sitzung eilen die Redaktorinnen in ihre Kojen. Dort drehen sie die in anderen Zeitungen aufgepickten Informationshäppchen durch den Fleischwolf, machen neue, möglichst kurze, einfache Sätze ohne Ironie und Doppelsinn daraus, würzen je nach Wunsch und servieren das Gericht den Endverbrauchern auf der Boulevard-Verwertungskette. Ungeniessbar? Im Gegenteil. Auf dem Rückflug nach Zürich verschwindet die «Gala» als erste aus dem Zeitschriftenbehälter der Business-Class.
Margrit Sprecher ist Journalistin in Zürich.