WO COMPUTER SIND, gedeihen Papierstapel. Papier ist geduldig, es wirkt fast stoisch neben den empfindlichen Maschinen und ihren überreizten Schaltkreisen. Magnetfelder können ihm nichts anhaben, Stromausfälle schon gar nicht, und seine Regenerationsfähigkeit ist ganz erstaunlich: Tränkt man es mit Wasser, beginnt es ohne Kurzschluss und Rauchentwicklung still vor sich hin zu trocknen. Deshalb ist Papier jenes Accessoire der Datenverarbeitung, dessen Anblick am meisten beruhigt.
Gewiss haben auch CD-Laufwerke, Festplatten und Disketten ihre Vorzüge, aber früher oder später spielen sie Schicksal und bescheren dem User den dunkelsten Moment seines Bildschirmdaseins: den Sturz ins binäre Nichts, die digitale Amnesie, den Datenverlust.
Dagegen ist nur gefeit, wer sich einmal täglich einem peinlichen BackupRitual unterwirft und seine geistigen Pretiosen an mehreren Orten gleichzeitig aufbewahrt. Leider sind Menschen selten so penibel, wie es die Handbücher fordern. Und was die Qualität eines Gedächtnisses fraglich macht, sind seine Stützen.
Selbst Daten, die vorschriftsmässig gehortet werden, lagern keinesfalls krisensicher. Der nächste Innovationszyklus kommt bestimmt, und dann sind die aktuellen Magnetspeicher Makulatur wie vor ihnen die handlichen Lochkarten, die siebenspurigen Magnetbänder und die flauschigen 51/2-Zoll-Disketten, die kaum ein Computer noch zu lesen versteht, obwohl sie vor ein paar Jahren noch der letzte Schrei waren.
Das deutsche Wort «Speicher» lässt zu Recht die Möglichkeit offen, das elektronische Gedächtnis mit einer finsteren, unheimlichen Datenscheune zu assoziieren. Das Geisterhafte der digitalen Erinnerung zeigt sich besonders deutlich im Internet. Dort werden Informationen nicht nur enthusiastisch gespeichert, sondern auch gerne wieder gelöscht. Wenn da, wo einmal etwas war, plötzlich nichts mehr ist, erscheint die Meldung: «HTTP/1.0 404 Object Not Found». Es ist die einzige Spur, welche die Vergangenheit in diesem Medium hinterlässt.
Dagegen hilft nur eines: ausdrucken, sofort, ohne Zögern. Was Computer ohne Papier wert sind, zeigt das Beispiel des Stanford-Professors John McCarthy. Er erfand zwar das «papierlose Büro», aber seine elektronischen Aufzeichnungen darüber gingen verloren.