NZZ Folio 10/01 - Thema: Alles Design?   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- «Bitte fahren Sie fort».

Von Reto U. Schneider

ALS MORRIS BRAVERMAN im Sommer 1961 die Linsly-Chittenden Hall an der Yale University in New Haven, Connecticut, betrat, konnte er nicht wissen, dass er eine Stunde später ohne Grund einen Menschen gefoltert haben würde. Braverman, ein 39-jähriger Sozialfürsorger, meldete sich auf ein Inserat in der Lokalzeitung: «Wir bezahlen fünfhundert Männer aus New Haven, die uns bei der Erstellung einer wissenschaftlichen Untersuchung über Gedächtnisleistung und Lernvermögen helfen.» Die Entschädigung für «etwa eine Stunde» betrage 4 Dollar plus 50 Cents für die Fahrkosten. Braverman schickte den Anmeldetalon an die angegebene Adresse. Ein paar Tage später wurde er per Telefon aufgeboten.

Was dann folgte, wurde zum umstrittensten Experiment der Sozialpsychologie. Für manche ist es das wichtigste Experiment, das je über menschliches Verhalten gemacht worden war, für andere hätte es nie stattfinden dürfen. Bald hiess es nur noch das «Milgram-Experiment», nach dem 27-jährigen Assistenzprofessor Stanley Milgram, der es sich ausgedacht hatte. Heute ist es so bekannt, dass es in Zeitungsberichten über den Genozid in Rwanda vorkommt und in der Zeichentrickserie «The Simpsons». In Frankreich heisst eine Punk-Rockband Milgram und in New York ein Komikerduo The Stanley Milgram Experiment. Stanley Milgram machte sein Experiment weltberühmt, und es kostete ihn die Karriere.

Als Braverman das Labor betrat, begrüsste ihn der Versuchsleiter, ein junger Mann in einer grauen Laborschürze, und stellte ihn der zweiten Versuchsperson vor, die schon vor ihm eingetroffen war: James McDonough, ein 47-jähriger Buchhalter aus West Haven. Der Versuchsleiter erklärte den beiden zuerst, worin das Ziel des Experiments bestehe: Man wolle die Auswirkungen von Strafen auf den Lernerfolg messen. Dafür müsse einer von ihnen den Lehrer, der andere den Schüler spielen. Der Versuchsleiter liess Braverman und McDonough ein Los ziehen, das ihnen ihre Rolle zuwies. Was Braverman nicht wusste: Bei der Ziehung wurde gemogelt, auf beiden Zetteln stand «Lehrer». McDonough war ein Schauspieler, der den zweiten Versuchsteilnehmer bloss mimte. Für das Experiment, das Milgram machen wollte, musste die uneingeweihte Versuchsperson, also Braverman, den Lehrer spielen.

Nach der Ziehung der Zettel führte der Versuchsleiter McDonough in einen Nebenraum, wo er ihn an einen Stuhl fesselte, der entfernte Ähnlichkeit mit einem elektrischen Stuhl hatte. An seinem linken Handgelenk befestigte er eine Elektrode, die, so erklärte er Braverman, mit dem Stromgenerator im Hauptraum verbunden sei. Die rechte Hand hatte gerade so viel Bewegungsfreiheit, dass ihre Finger einen Apparat mit vier Tasten erreichen konnten, der auf dem Tisch stand. Auf die Frage von McDonough nach der Stärke der Elektroschocks sagte der Versuchsleiter, sie seien zwar «sehr schmerzhaft», aber es seien «keine bleibenden Gewebeschäden» zu befürchten. Zurück im Hauptraum, erklärte er Braverman seine Aufgabe. Über eine Gegensprechanlage solle er McDonough im Nebenraum Wortpaare vorlesen: «Blau-Schachtel», «Schön-Tag», «Wild-Vogel» und so weiter. Bei einem zweiten Durchgang solle Braverman nur noch das erste Wort des Paares vorgeben. Es sei nun die Aufgabe von McDonough, sich an das zweite zu erinnern. Wenn Braverman also «Blau» sage und McDonough dann vier Möglichkeiten gebe - «Tag», «Schachtel», «Himmel», «Vogel» -, müsse dieser mittels Tastendruck die richtige davon auswählen.

Drücke McDonough die korrekte Taste, solle Braverman mit dem nächsten Wort in der Liste fortfahren, wenn McDonough jedoch die falsche Antwort gebe, müsse Braverman ihn mit einem Stromstoss bestrafen. Beim ersten Fehler mit 15 Volt, beim zweiten mit 30 Volt, beim dritten mit 45 Volt und so weiter, bis die Spannung 450 Volt erreiche. Dazu hatte Braverman ein Gerät mit einer langen Reihe von Schaltern vor sich, auf dessen Typenschild er lesen konnte: «Shock Generator, Type ZLB, Dyson Instrument Company, Waltham, Mass., Output 15 Volts?450 Volts.» Hätte sich Braverman in Waltham ausgekannt, hätte er gewusst, dass es dort keine Firma mit diesem Namen gab.

Milgram hatte die Idee für dieses Experiment 1960 als Student an der Princeton University, New Jersey. Sein Mentor dort, der Psychologe Solomon Asch, wies mit einem später berühmt gewordenen anderen Experiment den enormen Druck nach, den eine Gruppe auf einen Einzelnen ausüben kann. Die Versuchspersonen gaben dabei in einer Schätzaufgabe bewusst ein falsches Urteil ab, um sich gruppenkonform zu verhalten.

Milgram wollte darauf den Einfluss des Gruppendrucks in einer weniger harmlosen Situation testen. Würde sich eine Versuchsperson dazu bringen lassen, einem andern Menschen grundlos Schmerzen zuzufügen? Bei Vorversuchen wollte Milgram feststellen, wie weit die Versuchspersonen ohne Gruppendruck gehen würden. Dabei stellte sich heraus, dass die Gruppe gar nicht nötig war: Eine einzige Person reichte aus.

Von alledem wusste Braverman nichts, als er nach dem ersten Fehler von McDonough den 15-Volt-Elektroschock austeilte. McDonough machte weitere Fehler, und Braverman erhöhte die Spannung, wie es ihm vor dem Versuch aufgetragen worden war, jedes Mal um 15 Volt.

Nach dem 120-Volt-Schock sagte McDonough dem Versuchsleiter über die Gegensprechanlage, dass die Schocks jetzt schmerzhaft würden. Bei 150 Volt schrie McDonough: «Versuchsleiter, holen Sie mich raus! Ich will bei diesem Experiment nicht mehr länger mitmachen. Ich weigere mich weiterzumachen.» Bei 180 Volt: «Ich kann den Schmerz nicht aushalten.» Bei 270 Volt brüllte McDonough und sagte, er werde ab jetzt keine Antworten mehr geben.

Braverman wandte sich an den Versuchsleiter, der sagte, «bitte fahren Sie fort», und ihn anwies, keine Antwort wie eine falsche zu behandeln und den Schüler mit dem Schock zu bestrafen. Braverman rutschte nervös auf dem Stuhl hin und her und begann keuchend zu lachen, machte aber weiter. McDonough gab jetzt keine Antworten mehr, sondern schrie nur noch bei jedem Stromstoss. Braverman wandte sich noch einmal an den Versuchsleiter: «Muss ich diesen Anweisungen wörtlich folgen?» Der Versuchsleiter sagte: «Das Experiment verlangt, dass Sie weitermachen.» Braverman machte weiter. Nach 330 Volt verstummte McDonough. Braverman bot sich halbherzig an, mit ihm zu tauschen. Doch dann machte er weiter. Unter dem Kippschalter für 375 Volt stand: «Gefahr: schwerer Elektroschock.» Braverman machte weiter bis zum letzten Kippschalter bei 450 Volt.

Morris Braverman, Sozialfürsorger aus New Haven, war nicht der Einzige, der im Sommer 1961 lebensgefährliche Elektroschocks austeilte, bloss weil ein Versuchsleiter ohne besondere Machtbefugnisse es ihm befahl. Auch der Arbeiter Jack Washington, der Schweisser Bruno Batta, die Krankenschwester Karen Dontz, die Hausfrau Elinor Rosenblum gingen bis ans Ende der Skala. Über tausend Versuchspersonen nahmen an Milgrams Experiment in verschiedenen Variationen teil. Zwei Drittel gingen bis zum 450-Volt-Schock.

Auf dieses Resultat war Milgram nicht vorbereitet. Niemand war es. An Vorträgen beschrieb er das Experiment im Detail und befragte die Zuhörer nach ihrer Einschätzung. Weder Psychologen noch Laien sagten die Bereitschaft zum Gehorsam auch nur annähernd richtig voraus. Die meisten vermuteten, dass niemand höher als 150 Volt gehen würde.

Milgram wusste, dass sein Experiment eine Sensation war, doch aus wissenschaftlicher Sicht gab es eine Schwierigkeit damit: Es löste weder ein Problem, noch bestätigte es eine Theorie. Zweimal lehnten Fachzeitschriften die Publikation ab. Erst als Milgram in einem dritten Anlauf mehrere Versionen des Experiments beschrieb und miteinander verglich, wurde seine «Verhaltensstudie über Gehorsamkeit» 1963 im «Journal of Abnormal and Social Psychology» veröffentlicht.

Milgram führte das Experiment in fast zwanzig Variationen durch. Mal klagte der Schüler über eine Herzschwäche, mal fand das Experiment in einem armseligen Bürogebäude weg von der Universität statt, mal teilten Frauen die Elektroschocks aus. Mit unverändertem Resultat: Über die Hälfte der Versuchsteilnehmer gingen bis zum Maximalschock.

In andern Versionen des Experiments befand sich der Schüler im gleichen Raum wie die Versuchsperson. Der Gehorsam sank zwar deutlich, doch selbst wenn der Versuchsleiter der Versuchsperson befahl, die Hand des Schülers eigenhändig auf die Schockplatte zu pressen, von der der Stromstoss kam, gingen noch ein Drittel bis zu den 450 Volt. Die körperliche Nähe zum Opfer schien zwar wichtig zu sein, noch entscheidender war jedoch die Nähe des Versuchsleiters. Als er seine Anweisungen über das Telefon gab, gehorchte nur noch eine von fünf Versuchspersonen.

Kaum hatte Milgram seine Resultate veröffentlicht, wusste die ganze Welt davon. Die Zeitungen berichteten darüber und versuchten den Ausgang des Versuchs zu deuten. Die grosse Frage war: Handeln Menschen im richtigen Leben ebenso wie die verschreckten Versuchsteilnehmer? Darüber wird bis heute gestritten. Milgram selbst sah das Experiment immer in Zusammenhang mit den Naziverbrechen im Zweiten Weltkrieg. Seit der Krieg vorbei war, suchte die Welt nach einer Erklärung für den Holocaust. Milgram war überzeugt, dass die Bereitschaft zum Gehorsam, die in allen Menschen steckt, eine mögliche war.

Als seine Studie publiziert wurde, hatte die Philosophin Hannah Arendt gerade vom Prozess gegen den Naziverbrecher Adolf Eichmann in Jerusalem berichtet. In ihren berühmt gewordenen Artikeln für die Zeitschrift «The New Yorker» stellte sie das Konzept der «Banalität des Bösen» auf. Arendt behauptete, Eichmann sei nicht das sadistische Ungeheuer, als das ihn die Staatsanwalt darzustellen versuche, sondern ein phantasieloser Bürokrat, der einfach seine Pflicht getan habe.

Das passte genau zu Milgrams Experiment. Seine Versuchsteilnehmer waren weder besonders aggressiv, noch empfanden sie Vergnügen, als sie dem Schüler die Elektroschocks verabreichten. Ganz im Gegenteil: Viele wurden nervös, begannen zu schwitzen oder stritten sich mit dem Versuchsleiter, doch die Kraft, das Experiment abzubrechen, hatten nur wenige. Offenbar erleben Menschen Gehorsamsverweigerung als so radikalen Akt, dass sie es stattdessen vorziehen, ihre grundlegenden moralischen Überzeugungen über Bord zu werfen. «Der Schlüssel zum Verhalten von Personen liegt nicht in einem aufgestauten Ärger oder in Aggression, sondern in ihrer Beziehung zur Autorität», war Milgrams Folgerung.

Im September 1961, kurz nachdem sich das erschreckende Resultat abzuzeichnen begann, schrieb Milgram an seinen Geldgeber, die National Science Foundation: «Früher habe ich mich gefragt, ob eine grausame Regierung in den ganzen USA genug moralische Dummköpfe finden könnte, um den Personalbedarf für ein nationales System von Konzentrationslagern, wie es sie in Deutschland gegeben hat, zu decken. Jetzt glaube ich langsam, dass die ganze Belegschaft in New Haven alleine rekrutiert werden könnte.»

Die Verbindung des Experiments mit dem Holocaust machte Milgram zur umstrittenen Figur, doch viel schwerer wog die Kritik, sein Experiment sei unethisch gewesen. Die Frage war, wie viel Stress einer Versuchsperson zugemutet werden darf. Einige seiner Kollegen waren der Meinung, Milgram sei zu weit gegangen. Milgram hatte damit gerechnet, dass diese Vorwürfe kommen würden, aber er war enttäuscht darüber, dass die Sorgfalt, mit der er das Experiment vorbereitete, nicht gewürdigt wurde.

Nach Abschluss des einstündigen Versuchs wurde der Schüler aus dem Nebenraum geholt, und man erklärte der Versuchsperson, dass er in Wahrheit gar keine Elektroschocks bekommen habe. In einer Nachuntersuchung befragte Milgram schliesslich alle Versuchsteilnehmer über ihre Einstellung zur Teilnahme am Experiment. Weniger als zwei Prozent von ihnen wünschten sich, nicht mitgemacht zu haben. Trotzdem könnte heute das Experiment nicht mehr durchgeführt werden. Die Aufregung um Milgrams Versuch hatte zur Folge, dass an allen Universitäten ethische Richtlinien über die Zulassung von Experimenten erlassen wurden.

Es gibt nur noch wenige direkt beteiligte Leute, die vom Hergang des Experiments erzählen wollen oder können. Wer von den über 1000 Versuchspersonen noch lebt, spricht nicht gerne darüber. Milgrams Daten liegen anonymisiert in Karteikästen in der Bibliothek der Yale University. Alle Namen von Versuchsteilnehmern, die in Zusammenhang mit dem Experiment auftauchen, sind geändert worden - auch jene in diesem Artikel.

Einer der wenigen Zeitzeugen ist Milgrams Forschungsassistent Alan Elms. Er ist heute Professor für Psychologie an der University of California und erzählt, dass viele Leute noch immer mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu reagieren, wenn sie hören, dass er beim Experiment dabei war.

Milgram bezahlte einen hohen Preis dafür, dass er dem Menschen eine unangenehme Botschaft über sein Wesen überbrachte. An der Harvard University, wo er später Assistenzprofessor war, wurde er nie fest angestellt. 1967 wechselte er an die unbedeutende City University of New York, wo er 1984 im Alter von 51 Jahren an einem Herzversagen starb. Seine Frau wurde eben zum ersten Mal Grossmutter. Einem Reporter erzählte sie, dass ihr Enkel als zweiten Vornamen Stanley trage. Warum nicht als ersten? «Ich glaube, es wäre eine Belastung, mit dem Namen Stanley Milgram durchs Leben zu gehen.»




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