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Die Strickmuster der erfolgreichen Serien...
...entflochten von Steven Bochco.
«Lost», 2004 bis heute, Abenteuerserie. Überlebende eines Flugzeugabsturzes auf einer einsamen Insel. Es gibt nichts im Fernsehen, was auch nur annähernd so ist wie «Lost». Ich halte den Erfinder von «Lost», J. J. Abrams, für den brillantesten Schreiber unserer Zeit, sein Stil ist exotisch und angsteinjagend, dabei leicht verständlich und unterhaltend. Es gibt zwei Lesarten für «Lost»: Vordergründig ist es eine Abenteuergeschichte mit Fantasy-Elementen. Man kann es aber auch als Parabel verstehen: Die Überlebenden auf der einsamen Insel fragen sich: Warum bin ich hier? Warum bist du hier? Nach und nach erfahren wir die Wahrheit über die anderen und uns selbst. Ich sah in J. J. Abrams jemanden, der Serien wie ich machte, mit «Lost» hat er mich überholt.
«24», 2001 bis heute, Actionserie. Die 24 einstündigen Folgen spielen sich während genau 24 Stunden im Leben eines Anti-Terror-Agenten ab. Vielleicht die zurzeit professionellste Serie im Fernsehen. Jede Folge für sich ist ein abgeschlossener Thriller. Nur Einstieg und Cliffhanger sind Bindeglieder zur Hauptgeschichte. Diese aber sind so stark, dass man unweigerlich alle Folgen schaut. Die Kameraführung – inspiriert vom Kinoklassiker «French Connection» – ist mitreissend: Es gibt Szenen, in denen der Kameramann beim Dreh die Handlung nicht kannte, man merkt, wie er chaotisch nach den Hauptfiguren sucht, so haben wir das Gefühl, mittendrin zu sein. Jeder Schnitt ist wie ein Faustschlag ins Gesicht, jeder Dialog hat einen Spannungsbogen. «24» ist auch ein Marketingkonzept: In der Primetime gibt es im US-Fernsehen alle acht Minuten Werbung, in den Werbepausen verliert man Zuschauer, deshalb läuft die «24»-Uhr während der Werbung weiter. Viele Zuschauer zappen dann nicht weg, in dem unbewussten Glauben, sonst etwas zu verpassen. Meine einzige Kritik: «24» ist eine sehr ungeduldige und damit sehr amerikanische Serie. Man steht immer unter Hochspannung, man denkt nie nach und kommt so nie in die Versuchung, den Fall selbst zu lösen; am Ende einer Folge erinnert man sich an nichts.
«Sex and the City», 1998 – 2004, Komödienserie. Vier New Yorker Freundinnen tauschen sich über ihre erotischen Abenteuer aus. In meiner Wahrnehmung war das einfach eine gewöhnliche Sitcom. Sie konnte nie den selbstauferlegten Anspruch erfüllen, sexy und provozierend zu sein. Es ist einfach kein Tabubruch, wenn Heterofrauen über Sex reden. Aber die Serie ist erfolgreich. Offensichtlich wünschen sich Frauen eine Clique, die Geheimnisse miteinander teilt und loyal ist. Wenn ich eine Serie schaue, die sich selbst Comedy nennt, habe ich eine sehr simple Erwartung: Sie soll mich zum Lachen bringen. Alles andere, die Handlung oder ein potentieller Subtext, ist zweitrangig. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Mann bin, aber meine Kritik zielt auf etwas anderes: Humor entsteht über die Dialoge und über die Charaktere. Und ich finde die Personen in «Sex and the City» überzeichnet und gleichzeitig beliebig. Diese haben keine Geschichte und keine Erinnerung, und die Handlung ist zu sehr von der Hauptfigur Carrie abhängig.
«Simpsons», 1989 bis heute, Zeichentrickserie. Parodie auf den amerikanischen Mittelstand. Ich habe mal versucht, die Serie zu kopieren, das ist lange her und ist grandios gescheitert – ich erwähne das nur, um zu sagen, wie toll ich die «Simpsons» finde. Wenn man als Kreativer versucht, jemanden zu kopieren, dann ist das das grösstmögliche Kompliment. Das Geheimnis der «Simpsons» ist ihr Witz. Ausserdem sind die Figuren gut gezeichnet, und es gibt einen klaren Vorteil gegenüber Schauspielern: die Charaktere altern nicht.
«Desperate Housewives», 2004 bis heute, Dramaserie. Vier Hausfrauen erleben Intrigen, Tragödien und die Verzweiflung des Alltags. Ich habe die Serie nie verstanden. Damit meine ich nicht, sie sei schlecht. Der Autor, Marc Cherry, hat dem Drehbuch der ersten Staffel eine feine Ironie verliehen, und er hatte eine tolle Idee: eine Leiche, die aus dem Off das Leben ihrer Freundinnen kommentiert. Aber das Schwierige an Serien ist nicht, Ideen zu haben. Die Herausforderung liegt darin, die Qualität der Drehbücher über zwei, drei, fünf Jahre zu halten. Wenn eine Serie keine wiedererkennbare Formel hat, muss der Dialog zwischen den Charakteren die Geschichte tragen. Bei «Desperate Housewives» ist man sich in der Branche einig, dass die zweite Staffel Schwächen im Skript hat.
«CSI», 2000 bis heute, Krimiserie. US-Ermittler lösen mit Hilfe moderner Spurensicherung Mordfälle. Das Gegenbeispiel zu «Desperate Housewives»: eine Serie, die nur wenig vom Drehbuch abhängt. «CSI» ist eine Formelserie. Es gibt eine klare Struktur, die bedient werden will. Es geht um einen psychopathischen Täter und attraktive, stereotypisierte Ermittler. Mord, Puzzle, Überführung. Ein ewiger Dreiklang. Die Charaktere haben kein Privatleben, keine Geschichte und sind teilweise nicht voneinander zu unterscheiden. Aber es ist die erfolgreichste Serie der Welt. «CSI» hat in den letzten sechs Jahren die Regeln des Geschäfts verändert. Bis anhin galten Produktionen mit viel Subtext und starken Charakteren als Messlatte. «CSI» bewies, dass das Gegenteil besser funktioniert: Form statt Inhalt.
«Columbo», 1971–2003, Krimiserie. Scheinbar vertrottelter Detektiv überführt scharfsinnig Täter. Auch «Columbo» hat eine Formel, von der wir nie abgewichen sind. Das Einzigartige ist der Hauptdarsteller Peter Falk. Die Serie hatte im Laufe der Zeit unterschiedliche Autoren, nicht immer von gleicher Qualität, aber zwei Dinge waren immer gleich: die Formel und der Hauptdarsteller. Peter Falk könnte das Telefonbuch vorlesen, die Leute würden zuschauen. Ich würde zuschauen. Die Formel von «Columbo» ist auf Peter Falk zugeschnitten: Er befragt Verdächtige und stellt sich dabei dumm und begriffsstutzig, bis sich das Gegenüber in Sicherheit wiegt und einen Fehler begeht. Peter Falk ist heute 80 Jahre alt, und immer, wenn ich ihn sehe, mimt er den begriffsstutzigen alten Mann, um mich dann vorzuführen. Ich habe noch nie einen Schauspieler gesehen, der eine Rolle so sehr verkörpert.
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