ALS RICHARD WRANGHAM, ein Forschungsassistent bei Jane Goodall im Gombe-Nationalpark von Tansania, an einem Julimorgen des Jahres 1972 der ihm vertrauten Schimpansengruppe in den Wald folgte, sah er ein höchst ungewöhnliches Verhalten. Hugo, eines der erwachsenen Männchen, wich plötzlich von der Marschrichtung ab und verschwand im dichten Gebüsch. Dort fand ihn der Forscher vor einem Strauch hockend. Hugo zupfte junge Blätter einzeln ab, schob sie langsam in den Mund und schluckte schliesslich, ohne zu kauen. Und das Erstaunliche: Der Strauch gehört zur Gattung Aspilia, einem Sonnenblumengewächs mit widerlich behaarter Blattoberfläche. Dass solcher Konsum kein Festessen war, bemerkte der Forscher an Hugos gerümpfter Nase.
Südlich von Gombe, im gebirgigen Mahale-Nationalpark, machte der japanische Zoologe Toshisada Nishida bei seinen Schimpansen die gleiche Entdeckung. Vor allem in der Regenzeit holten sich die Tiere Blätter von Aspilia-Büschen, wobei zuweilen das Blatt vor dem Verschlucken mit der Zunge mehrfach gefaltet wurde. Warum fressen die Tiere solche Kost, die keineswegs zum üblichen Schimpansenmenu gehört? Vom lokalen Stamm der Tongwe wussten die Forscher, dass Tee aus Aspilia-Pflanzen zur Behandlung von Wunden, aber auch gegen Magenschmerzen nützlich ist. Chemische Analysen der Blätter zeigten einen hohen Gehalt an Thiarubrin-A, einem potenten Wirkstoff gegen Bakterien, Pilze und Würmer. Da aber die geschluckten Blätter im Kot praktisch unverändert wieder ausgeschieden werden, blieb rätselhaft, ob und wie die Tiere vom pharmakologischen Nutzen profitieren.
Im Laufe der Jahre fanden Primatologen heraus, dass Schimpansen die Blätter von 19 Pflanzenarten ohne zu kauen schlucken. Allen Gewächsen ist gemeinsam, dass die Blätter sehr rauh und haarig sind. Um 1993 kam der Verhaltensforscher Michael Huffman in den Mahale-Bergen dem Rätsel endlich auf die Spur. Er entdeckte im frischen Schimpansenkot, dass in den Haaren und Falten der unverdauten Blätter viele kleine Würmer zappelten. Die Blätter müssen beim Durchwandern des Darms die Parasiten wie auf einem Klettband fixiert und aus dem Körper transportiert haben.
Solche mechanische Entwurmung hat man mittlerweile auch bei Bonobos und Gorillas entdeckt. Den von den Zoologen als «Velcro-Effekt» bezeichneten Trick nutzen sogar Vögel und Bären. Kanadische Schneegänse scheiden kurz vor dem Flug ins Winterquartier mit dem Kot grosse Ballen unverdauter Gräser aus – und darin eingepackt Bandwürmer. So können die Vögel den kräfteraubenden Fernflug ohne die lästigen Gäste im Darm unter die Flügel nehmen.
Auf ähnliche Art machen sich Alaskas Braunbären für die Wintersaison fit. In den Wochen bevor sie sich für den Winterschlaf verkriechen, fressen sie stark faseriges Riedgras. In den Kothaufen wimmelt es von Bandwürmern. Denn der Bär kann es sich nicht leisten, seine im Winterschlaf ohnehin kritischen Reserven noch mit Darmparasiten zu teilen. Auch das Grasfressen unserer Katzen und Hunde könnte zuweilen eine Wurmkur sein.
Schimpansen wissen aber auch die pharmakologische Wirkung pflanzlicher Stoffe zu nutzen. Chausiki, eine Schimpansenfrau in Mahale, war im November 1987 krank. Michael Huffman und sein einheimischer Assistent Mohamedi Kalunde sahen, wie sich das Weibchen abseits der Gruppe nur mühsam durch den Wald schleppte, mit dunklem Urin und dünnem Kot als Zeichen gestörter Körperfunktion.
Chausiki machte Halt bei einem kleinen Busch. Sie fasste die Schösslinge, schälte behutsam die Rinde weg und nahm das freigelegte Mark zwischen die Lippen. Dann kaute und sog sie mindestens zwanzig Minuten lang am Pflanzenmaterial. Kalunde traute seinen Augen nicht, denn als erfahrener Kräutersammler kannte er die von der Schimpansin konsumierte Pflanze: Vernonia amygdalina , ein giftiger und sehr bitter schmeckender Strauch, der vom Tongwe-Volk als starke Medizin gegen Malariafieber, Bauchschmerzen, Amöbenruhr und andere Darmparasiten verwendet wird.
Für den Rest des Tages zog sich das kranke Tier zum Schlafen zurück. Schon am nächsten Morgen zeigte Chausiki ein deutlich lebhafteres Verhalten. Und gegen Abend rannte sie wieder wie ehedem mit der Gruppe durch den Wald. Spätere Analysen enthüllten die Pflanze als veritable Apotheke: Sie enthält sieben vorher unbekannte Glykoside und vier Sesquiterpene, von denen Pharmakologen bereits wussten, dass sie gut gegen Parasiten und Mikroben wirken. In den folgenden Jahren beobachteten Schimpansenforscher noch weitere kranke Tiere, die nach dem Konsum der bitteren Medizin über Nacht gesund wurden. In einem der Fälle zählten sie die Wurmeier im Kot und fanden innert 24 Stunden eine Reduktion um den Faktor zehn.
Es stellt sich die Frage, wie die Tiere zu solcher Medizin kommen. Machen die kranken Viecher eine Selbstdiagnose und suchen dann jenes Kraut, von dem sie die heilende Wirkung kennen? Cindy Engel, eine englische Verhaltensforscherin, gibt in ihrem Buch «Wild Health» eine unspektakuläre und trotzdem faszinierende Antwort. Die Tiere wissen wohl nicht, dass Darmparasiten sie plagen. Durch Zufall haben sie aber gelernt, dass das Unbehagen und der Schmerz im Bauch verschwinden, wenn sie bittere oder rauhblättrige Pflanzen konsumieren. Da vermutlich nicht jedes Tier die Therapie selber entdeckt, dürfte mindestens bei Schimpansen ein Lernen der Kinder von der Mutter, also eine pharmakologische Tradition, existieren.
Vermutet man in den zahllosen Naturstoffen ein breites nützliches Potential, wird manch scheinbar bizarres Verhalten plausibel. So betreiben viele Tiere Geophagie – das Fressen von Erde. In Zentralafrika gibt es im Regenwald grosse Lichtungen, wo täglich bis zu hundert Elefanten, aber auch Antilopen, Büffel und Gorillas buddeln und Erde fressen. Der Boden ist hier stark tonhaltig und reich an Mineralien wie Magnesium, Calcium und Kalium. Die Hauptnahrung dieser Tiere besteht aus Pflanzenblättern mit oft hohem Gehalt an unbekömmlichen Tanninen und Alkaloiden. Tonmineralien können nun solche Inhaltstoffe binden und neutralisieren.
Mit der Geophagie kann das Tier zudem ein Defizit an Mineralstoffen ausgleichen. Ton absorbiert aber auch Mikroben und hilft gegen Durchfall. So hat man Schimpansen, Giraffen und Elefanten beobachtet, die bei Darmproblemen Stücke von tonreichen Termitenhügeln frassen.
Geophagie ist vermutlich eine der ältesten Formen von Selbstmedikation. Am Mount Elgon, einem erloschenen Vulkan in Kenya, haben sich Elefanten in Jahrtausenden bis zu 160 Meter weit in den Berg hineingefressen. Nacht für Nacht tasten sich die Riesentiere mit dem Rüssel in das unterirdische Labyrinth und holen sich unter anderem Natriumsalze. Es gibt Hinweise, dass auch der Mensch seit mindestens 40 000 Jahren zu den Erdfressern gehört; Indianer und Aborigines kennen solche Kost noch heute.
Die in Afrika gemachten Entdeckungen haben internationales Aufsehen erregt. Als die NZZ unlängst einen Artikel über die kräutersammelnden Schimpansen veröffentlichte, meldete sich ein irritierter Leser. Man müsse doch nicht nach Afrika fahren, um solches natürliche Verhalten zu finden. Der Gang zu Grossmutters Bücherkästchen und der Griff nach «Chrut und Uchrut» von Pfarrer Künzle genügten.
Wir haben das 1911 im Eigenverlag in Zizers erschienene Heft im Antiquariat gefunden und im Vorwort nachgelesen: «Die Kräuterkunde geht bis hinunter zur Wiege der Menschheit. Selbst den Tieren hat der Schöpfer einen Instinkt gegeben, der sie bei Krankheiten zu gewissen Pflanzen hintreibt. Hund und Katze nehmen Zuflucht zum Schliessgras oder Knäuelgras, die Mäuse legen sich einen Vorrat an von Pfefferminzwurzeln, die roten Ameisen pflanzen überall auf ihren Wohnungen den Thymian, verwundete Gemsen wälzen sich auf Alpenwegerich.» Animalische Naturmedizin – made in Switzerland.