NZZ Folio 07/97 - Thema: Aus Eis und Schnee   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Wer fährt denn noch zur Sommerfrische

Von Joni Müller
REISEN BILDET. Deshalb steigen jedes Jahr Abertausende von bildungshungrigen Menschen ins Flugzeug, ins Auto oder notfalls in die Bahn, um zu lernen. Die einschlägigen Lerninhalte sind oft semantischer Art und können etwa das italienische Wort für «Bauchweh» (Wurstel), das spanische für «Kopfweh» (Sangria) oder das griechische für «Mundgeruch» (Zaziki) umfassen.

Längst vorbei sind die Zeiten, als nur semisenile Altphilologen und andere Lehrer, das Land der Griechen mit der Seele suchend, auf der Akropolis herumstolperten und vom heiligen Schauer gepackt wurden, wenn sie der verblichenen Morgenröte der abendländischen Zivilisation nachspürten. Heute suchen nicht nur Hinz und Kunz, sondern auch Krethi und Plethi sowie natürlich Yin und Yang all diese antiken Stätten heim, und nicht nur diese.

Wer vor einiger Zeit das Abenteuer noch auf dem Markt von Luino gesucht hätte, macht heute Trekking in Patagonien, wer früher Rimini unsicher gemacht hätte, den macht heute Rio unsicher. Spätestens seit man Ferien so spät bucht, dass man sich gar nicht mehr überlegen kann, wo man hin möchte, sind die Reiseziele austauschbar geworden. Ob Kreta oder Kuba, ob Malta oder Bali, ist egal, Hauptsache fort und unter Fr. 895.? inkl. reichh. Frühstücksbuffet. Weil die ominöse Globalisierung den Tourismus als erste Branche ruiniert hat, gibt es keine Traumziele mehr, höchstens noch Traumpreise. Badestrände waren ja schon immer alle identisch: Sand und Meer, der Rest ist Werbung.

Aber selbst die Städte sind heute weltweit gleichgeschaltet, ihre schmucken Fussgängerzonen unterscheiden sich allenfalls noch durch die Reihenfolge von Benetton, Esprit und Bata. Einzige Unterschiede bleiben die Sehenswürdigkeiten, welche wir dem Bildungsbürgertum verdanken; zusammen mit dem unseligen Diktum, Reisen bilde. Weshalb jedes Jahr Millionen von emsigen Menschen auf irgendwelche Ruinen klettern, sich in etruskische Grabkammern quälen und sich in berühmten Museen langweilen. Statt endlich ihre wohlverdiente Sommerfrische zu geniessen und sich in Ruhe zu erholen.


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