NZZ Folio 10/00 - Thema: Museum   Inhaltsverzeichnis

Im Tal der Bäume

Der Baumforscher und sein Arboretum in Aubonne.

Von Urs Bruderer

«WIR WUSSTEN SOFORT: dieses Tal ist der richtige Platz. Wir haben das Wasser der Aubonne, oben den Jura, entlang den Kreten Wald und Landwirtschaft, unten Weinberge und den Genfersee. Und zwei ganz verschiedene Talseiten, eine kühle, die der Bise ausgesetzt ist, und eine Sonnenseite. Als wir die Association de l'Arboretum gründeten, waren wir zu fünft: drei Förster, der damalige Präfekt des Distriktes und ich. In der Waadt läuft ohne Präfekt nichts.

Und als Präsidenten fanden wir einen Architekten, der den Umbau der Gebäude besorgte. Es stand von Anfang an fest, dass unser Einsatz unbezahlt sein soll. Ohne viele freiwillige Helfer gäbe es das Arboretum nicht. Von den 150 Hektaren gehören uns nur 70. Die Aubonne und das umliegende Land sind Eigentum der Elektrizitätsgesellschaft, die beim kleinen See hinten im Tal ein Kraftwerk betreibt. Sie vermietet es uns, wie auch die weiteren Eigner, die Migros und das Militär, für einen symbolischen Franken pro Jahr.

Ich habe mein Leben den Bäumen gewidmet, Dendrologie ist die Wissenschaft der Bäume. Wie man Dendrologe wird? Man studiert es, voilà. Ich habe die Gartenbauschule in Châtelaine besucht und Praktika in mehreren Schweizer Baumschulen gemacht. Später war ich Lehrer an der Gartenbauschule Lullier. Mit 63 liess ich mich pensionieren, das ist jetzt auch schon 17 Jahre her. Meine Gesundheit? Ich turne jeden Morgen, wie die Chinesen.

Ich kann Ihnen unmöglich das ganze Arboretum an einem einzigen Morgen zeigen. Wir haben hier über 3000 Baumarten und -varietäten. Ein Liebhaber könnte einen ganzen Tag nur schon in der Birkensammlung verbringen! Das hier ist eine Trauerbuche, ein phantastischer Baum! Er muss die gotische Baukunst beeinflusst haben. Stellen Sie sich einmal darunter und schauen Sie hinauf, dann sehen Sie, was ich meine. Oder diese buschige Eiche: Von der gibt es nur drei Exemplare, in Oldenburg noch eines und eines in Reims. Von Reims bekamen wir einen jungen Trieb und zogen daraus eine Veredlung. Der Eichengarten ist keine acht Jahre alt und schon so eindrücklich. Manche Bäume waren zwanzig Jahre alt und wogen drei Tonnen, als wir sie setzten. Im Oktober leuchten die amerikanischen Eichen in allen Rottönen, die europäischen gelb, die asiatischen braun!

Eine Sammlung anlegen heisst Auswählen. Es gibt über 350 Eichenarten. Man eliminiert die, die hier nicht überleben würden, weil sie nicht winterhart sind oder einen anderen Boden verlangen. Von ähnlichen nimmt man nur eine. Dann kommen die besonders interessanten und die besonders schönen Varietäten dazu. Und dann muss man all diese Bäume erst noch finden. Man fragt botanische Gärten, andere Arboreta und Baumliebhaber auf der ganzen Welt um Stecklinge und Samen an.

Den Samen für die Kaisereiche stöberten wir in China auf. Fünfzehn Jahre in der Baumschule brauchte der Sämling, bis er gross genug war, um ausgepflanzt zu werden. So ein Zirkus für eine einzige Pflanze! Und die hier verliert ihre Blätter nie, es ist eine grüne Eiche aus dem Mittelmeerraum. Und diese Rote Eiche aus Amerika, c'est le plus beau de tous! Die Eicheln sind alle ganz verschieden, die der Burgunder Eiche etwa sind igelig wie Kastanien.

Wir lassen zwischen den Sammlungen Freiräume, sonst gibt es einen Wald. Unser Gelände ist bewegt, die meisten Gruppen sind auf Hängen angelegt, so präsentieren sie sich schön. Fast alle anderen Arboreta sind flach und im Laufe der Zeit zugepflanzt worden. Die Magnoliensammlung dort drüben, mehr als 100 Pflanzen, hat uns der Tessiner Baumzüchter Otto Eisenhut geschenkt. Die sollten Sie im Frühling sehen!

Die Essigbäume berührt man besser nicht, jeden Frühling kommen deswegen Leute mit zum Teil schweren Verbrennungen ins Spital. Oder wenn ein Pferd Eibenblätter frisst, ist es nach zwanzig Minuten tot. Zwar sah ich einmal ein Pferd, das Eibenblätter frass. Ich dachte: jetzt ist es vorbei. Da kam einer vorbei und sagte: Bringt dem Pferd einen Eimer Milch! Man brachte die Milch, das Pferd überlebte. Dieser Kerl wusste das!

Probleme machen uns die Rehe, weil sie die Geweihe an den jungen Bäumen reiben. Da dachten wir, denen zeigen wir es, und pflanzten Kalmia. Die Blätter der Kalmia sind tödlich für Rehe. Dann entdeckten die Förster zerkaute Blätter auf dem Weg. Die Viecher haben es gemerkt und die Blätter einfach wieder ausgespuckt!

Bevor wir anfingen, haben wir das ganze Tal vermessen und alle hundert Meter Bodenproben entnommen. Die Meteorologische Anstalt Zürich lieh uns Geräte zur Messung der Temperatur und der Niederschlagsmenge. Das alles ergab ein dickes Buch über die pädologischen und klimatischen Bedingungen jeden Winkels in diesem Tal. Wir haben viel Erde bewegt, bis das Gelände unseren Vorstellungen entsprach. Auch Teiche haben wir ausgehoben, um Erde zu gewinnen. In ihnen spiegeln sich jetzt Himmel und Bäume.

Wenn man ein Arboretum anlegt, muss man in Jahrhunderten denken. Tannen werden 300 bis 400 Jahre alt. Der vermutlich älteste Baum der Schweiz steht in Linn am Bözberg, eine Linde. Sie wurde vor über 1000 Jahren auf einem Massengrab von Pestkranken gepflanzt. Als Pfadfinder in ihrem hohlen Stamm einmal ein Lagerfeuer machten, handelten sie sich viel Schimpf ein. Dabei konnte der Linde nichts Besseres passieren, der Rauch tötete alle Fäulnispilze ab! Pinien werden noch älter, in den Rocky Mountains hat man eine gefunden, die 4600 Jahre alt ist. 4600 Jahre. Das Christentum ist 2000 Jahre alt und versinkt jetzt allmählich in der Dekadenz.

Wussten Sie, dass die Rosskastanie 1576 als Heilpflanze aus dem Mittleren Osten nach Europa geholt wurde, weil sie bei Ödemen, Verbrennungen und Verletzungen helfen soll? Oder dass die erste Buche mit roten Blättern auf dem Irchel in Zürich zur Welt kam? Oder dass die Baumannii, eine Kastanienvarietät, so heisst, weil sie 1819 in Genf an der Rue de la Violette von Herrn Baumann in seinem Garten entdeckt wurde? Sie blüht wunderschön und macht keine Früchte, auf denen man im Herbst ausrutschen könnte. Darum bevölkern ihre Nachfahren heute Parks und Alleen in der ganzen Welt.

Bäume haben mich schon als Bub begeistert. Ich sah im Larousse das Bild eines Bambus in Ceylon und dachte: den möchte ich einmal sehen. Und ich habe ihn gesehen! Ich bin viel gereist, fast überallhin wegen der Bäume, sogar nach China, in einen wunderbaren Palmengarten an der Grenze zu Vietnam, wo die Bauern mit dem Gewehr auf dem Rücken auf den Feldern arbeiteten.

Wir brauchen immer wieder grosse Maschinen, Bagger und anderes. Auf dem Waffenplatz oben bei Bière haben sie die alle. Doch mit dem ersten Kommandanten war nichts zu machen. Militär und Zivil dürfe man nicht mischen, sagte er. 1975 kam ein neuer, und seither helfen sie uns, die Brücke hier hat der Waffenplatz gemacht. Und der Zivilschutz hat uns eine Treppe gebaut. Zuerst wollten sie nicht, aber nachher sind die Männer mit ihren Frauen wiedergekommen und haben ihnen ihr Werk gezeigt.

Jetzt hoffen wir auf einen Mäzen, der uns die Renovation dieses alten Hauses finanziert. Dann könnten wir Unterkünfte für Besucher, Angestellte oder Studenten schaffen.

Hier sind wir nun in unseren Obstgärten, viele der Bäume sieht man heute fast nirgends mehr. Die fünfeckige Form dieses Bienenapfels hat schon Plinius beschrieben, auch die Schweizer Bratbirne aus Meilen ist sehr alt. Man brauchte sie zum Kochen. Und von diesem Baum gibt es in der Schweiz noch drei Exemplare. Er trägt winzige Birnen, etwa drei Gramm schwer, mit exzellentem Aroma, sie heissen sept-en-gueule, Sieben-im-Mund. Wir brachten sie einem Confiseur in Aubonne und fragten ihn, ob er damit nicht etwas machen könnte. Er hat sie in heisse Schokolade getaucht - ein Gedicht. Seither bringen wir ihm jede Ernte.

Heute diskutiert man, ob ein Tier eine Sache sei oder nicht. Von den Bäumen spricht keiner. Dabei ist ein Baum ein Wunder, zieht Wasser und Mineralien aus dem Boden und macht daraus Kirschen, ein anderer macht aus denselben Stoffen Pfirsiche, das ist mehr, als irgendeine Fabrik kann.

Oder die Mimose von Konstantinopel, die in meinem Garten zu Hause in Genf steht. Jeden Abend rollt sie ihre Blätter ein und lässt sie wie Röhrchen herunterhängen. Und ihre rosa Blüten Anfang Juli!

Kommen Sie wieder, es gibt immer etwas zu sehen, bringen Sie Ihre Freunde mit für ein Picknick. Unser Arboretum hat keinen Zaun.»


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