LEBEN HEISST KÄMPFEN. Ein Kampf macht aber nur Sinn, wenn der mögliche Gewinn das Risiko lohnt. So sind Tiere umso mutiger, je grösser die Bedrohung durch einen Feind, je verlockender die Aussicht auf sexuellen Erfolg ist. Scheinen die Chancen jedoch wenig verlockend, wird ein Kräftemessen gern vermieden.
Manche Männchen signalisieren einander deshalb während der Brunftzeit ihre Stärke. Die Rothirsche oder die Erdkröten etwa machen das mit der Stimme: Je tiefer das Röhren, je lauter das Quaken, desto kräftiger ist in der Regel der Kerl. Schätzt ein Hirschbulle seinen Konkurrenten auf Grund der akustischen Visitenkarte als körperlich überlegen ein, verduftet er. Hat er jedoch den Eindruck, dass er mit dem Rivalen mithalten kann, sucht er die Konfrontation. In steifem Gang marschieren die beiden dann in einigen Metern Abstand nebeneinander her und prüfen aus den Augenwinkeln, wie gross der Gegner wirklich ist. Und nur falls auch der Imponiermarsch keine Klärung der Machtfrage bringt, krachen schliesslich die Geweihe.
Die Evaluation der Kampfchancen kann im Tierreich sehr präzise sein. Die Männchen der Stielaugenfliege etwa halten die Köpfe frontal zusammen, um so auf den Bruchteil eines Millimeters messen zu können, wessen Augen weiter auseinander stehen, wer also grösser ist. Ein solches Abschätzen der Kampfchancen ist unter Geschlechtsrivalen oft anzutreffen.
Zwischen Jäger und Beute aber weht ein anderer Wind. Für die Maus macht es wenig Unterschied, wie gross eine Katze letztlich ist - sie verschwindet im Loch, so rasch sie kann. Und auch der Seehund guckt nicht zweimal hin, um sich zu vergewissern, dass es sich beim aus der Tiefe hochschiessenden Hai um ein besonders kräftiges Exemplar handelt.
Bedingungslosen Respekt vor dem Feind würde man auch im Falle der kleinen Erdhörnchen erwarten, denen die grossen Klapperschlangen nachstellen. Die seit über zwanzig Jahren gesammelten Beobachtungen von Zieseln haben die Verhaltensforscher jedoch Erstaunliches gelehrt.
Im kalifornischen Camp Ohlone, einem ehemaligen Nussbaumgarten, lebt eine grosse Kolonie Kalifornischer Ziesel (Spermophilus beecheyi), eine den Murmeltieren verwandte Art von Erdhörnchen. Das Gelände ist mit zahlreichen Erdhöhlen durchsetzt, Schutzbauten für die Nacht und den Winterschlaf sowie Kinderstuben für den jeweils im Frühjahr zur Welt gebrachten Nachwuchs.
Junge Ziesel sind die Leibspeise von Crotalus viridis oreganus, einer Unterart der Prärieklapperschlange. Im Mai und Juni, wenn die Zieselkinder sich aus dem Bau an die Frühlingssonne wagen, lauern die Schlangen scharenweise im Buschwerk. Ziesel und Klapperschlange leben seit zehn Millionen Jahren in Disharmonie. Zeit genug, einander gründlich kennenzulernen und sich auch genetisch anzupassen. Mittlerweile gibt es im Blut des Kalifornischen Ziesels spezielle Eiweissmoleküle, die sich an die Moleküle des Schlangengiftes anlagern und den Kampfstoff weitgehend neutralisieren.
Das Ziesel überlebt deshalb den Biss der Klapperschlange. Weil die Giftspritze das Tier aber für Tage schwächt und damit für andere Feinde verletzlich macht, hütet es sich trotzdem vor der Schlange. Für die Zieseljungen bedeutet ein Schlangenbiss jedoch den raschen Tod, denn die noch geringe Blutmenge hat gegen die geballte Giftladung keine Chance. Klapperschlangen stellen die Mütter der Zieseljungen also vor ein existenzielles Optimierungsproblem: Wie kann ich meine Jungen (und damit meine eigenen Gene) schützen, ohne mich selber übermässig zu gefährden?
Ronald Swaisgood vom San Diego Zoo sowie die beiden Biologen Matthew Rowe und Donald Owings haben das Kräftespiel mit jahrelangen Beobachtungen und mit Hilfe von Experimenten analysiert. Entdeckt eine Zieselmutter eine Klapperschlange, stellt sie sich in sicherer Entfernung auf die Hinterbeine, um die Lage zu überblicken. Dann erfolgt «Schlangenalarm», ein heftiges Winken mit dem Schwanz, gelegentlich begleitet von lauten Pfiffen. Die Warnung informiert die Artgenossen der Kolonie über die entdeckte Gefahr und signalisiert zugleich der Schlange: «Ätsch, wir haben dich gesehen, der Überraschungseffekt ist verspielt.» Nicht selten schleicht sich der ertappte Räuber davon.
Bleibt die Klapperschlange jedoch liegen, kann es für sie ungemütlich werden. Sie stellt eine latente Gefahr dar und muss weg. Ist die Schlange noch jung und eher klein, attackiert das Erdhörnchen. Zieselflink sprintet es in Richtung Reptil und spritzt mit einer scharfen Wende dem Feind Sand und Dreck an die Schnauze. Genügt diese Ohrfeige nicht, geht das Hörnchen aufs Ganze. Es stürzt sich auf die Schlange und schlägt ihr die Zähne in den Leib, was zu erheblichen Verletzungen führen kann, sogar tödlichen.
Bei einer ausgewachsenen Klapperschlange allerdings lässt sich das Ziesel nicht auf den Nahkampf ein. Denn eine grosse Klapperschlange stösst schneller zu, hat beim Vorschnellen eine grössere Reichweite und injiziert mehr Gift. Nützt der Schlangenalarm und das Hetzen gegen den Feind nichts, evakuiert die Mutter in diesem Fall die Jungen in einen entfernteren Bau.
Das Ziesel passt seine Verteidigung also der Grösse der Schlange an. Keine leichte Taktik, denn Klapperschlangen lauern gerne verdeckt unter Gebüsch. Die Evaluation des Feindes wird für das Ziesel noch zusätzlich durch den Faktor Temperatur erschwert: Eine Schlange wird umso gefährlicher, je wärmer sie ist. Messungen haben ergeben, dass eine Klapperschlange um die Mittagszeit mit einer Körpertemperatur von 35 Grad Celsius doppelt so schnell zustösst wie in der morgendlichen Kühle mit 10 Grad Körperwärme. Am gefährlichsten sind deshalb grosse, warme Schlangen, die bis zu zehnmal schneller zustossen als kleine, kühle. Zudem treffen warme Schlangen ihr Ziel wesentlich präziser.
Wie soll das arme Ziesel, wenn es unter dem Busch einen Zipfel Schlange erspäht, nun herausfinden, wie gross und warm die Bestie ist? Man hatte beobachtet, dass das Ziesel eine lauernde Klapperschlange durch Vor- und Zurückhüpfen reizt, bis das Reptil seine Rassel zischen lässt. Die kalifornischen Biologen hatten nun einen Verdacht, der sich im Experiment schliesslich bestätigte: Die Rassel verrät dem Ziesel, wie gross und warm die Schlange ist.
Klapperschlangen häuten sich etwa dreimal im Jahr. Bei jeder Häutung bleibt an der Schwanzspitze eine Schuppe zurück, die sich zu einem Hornring verfestigt. So reiht sich Hornring an Hornring, und es bildet sich schliesslich eine Kette aus lose miteinander verbundenen Gliedern - die Rassel. Wird die Klapperschlange gestört, lässt sie das Schwanzende extrem rasch vibrieren, was ein zischelndes Schwirren erzeugt, das über 30 Meter weit zu hören ist. Man vermutet, die Schlange habe diesen Warnmechanismus im Laufe der Evolution entwickelt, um sich in der Prärie vor den Hufen der herumwandernden Vorfahren des Bisons zu schützen.
Das Klappern verrät sowohl Grösse wie Körpertemperatur einer Klapperschlange. Mit zunehmendem Alter werden die neuen Rasselglieder immer grösser, was einen lauteren und tieferen Ton erzeugt. Und je höher die Körpertemperatur, desto lebhafter das Tier und desto höher die Frequenz des Geklappers. Die kalifornischen Biologen haben Klapperschlangen in den Kühlschrank und unter Infrarotlampen gelegt: Waren es bei 10 Grad Celsius noch 62 Klicks pro Sekunde, stieg die Rate mit der Temperatur bis auf 208 Klicks bei 35 Grad.
Der entscheidende Test erfolgte im Nussbaumgarten von Camp Ohlone. Die Forscher hatten das Rasselgeräusch verschiedener Schlangen zwischen 20 Gramm und 600 Gramm und bei Temperaturen von 10 bis 35 Grad auf Tonband aufgenommen. Einen Meter vom Eingang von Zieselbauten versteckten sie Lautsprecher hinter einer Blende. Wenn ein Ziesel sich von einer Haferflockenspur vor die Blende locken liess, setzte ein Klapperschlangengerassel ein. Die Reaktion der Tiere bestätigte die Hypothese: Bei einem tiefen, schnellen Ton ging das Ziesel auf grössere Distanz, beobachtete das vermeintliche Schlangenversteck länger in aufrechter Stellung und schlug heftiger Schlangenalarm als bei einem hellen, langsamen Rasseln.
Es zeigte sich auch, dass ein Schlangenalarm die Zieselmütter sehr viel länger und stärker beschäftigt als kinderlose Weibchen oder Zieselmännchen. Dass Letztere sich weniger um die Bedrohung des Nachwuchses kümmern, hängt vermutlich damit zusammen, dass die Weibchen sich mit mehreren Partnern paaren. Ein Männchen kann deshalb nie sicher sein, dass die Jungen im Bau auch wirklich seine Gene tragen.