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Das Experiment -- Mordversuch im Hörsaal
1901 zog ein Zuhörer an der Universität Berlin einen Revolver: Ein Gedächtnistest der besonderen Art.
Von Reto U. Schneider
WIE GEPLANT fällt der Schuss um Viertel vor acht. Es ist Mittwoch, der 4. Dezember 1901, und am kriminalistischen Seminar der Universität Berlin hat Professor Franz von Liszt eben seine Ausführungen über die Theorien des französischen Rechtsgelehrten Gabriel Tarde beendet, als einer der Zuhörer aufsteht und zu sprechen beginnt. «Ich möchte Tardes Lehre noch kurz vom Standpunkt der christlichen Moralphilosophie aus betrachten.»
«Das fehlte gerade noch», sagt sein Nachbar laut und leitet damit einen unfreundlichen Wortwechsel ein.
«Seien Sie gefälligst ruhig, wenn Sie nicht gefragt sind.»
«Das ist eine Unverschämtheit.»
«Wenn Sie noch ein Wort sagen, dann . . .»
Der Sprecher droht mit der Faust.
Der andere zieht einen Revolver und hält die Mündung an die Stirn seines Kontrahenten.
Professor von Liszt eilt herbei und schlägt auf den Arm mit dem Revolver. Als er sich auf der Höhe der Herzgegend befindet, knallt es.
Die Zuschauer konnten nicht wissen, dass die Waffe nur ein Kinderspielzeug war und das makabre Schauspiel Teil eines Experiments, das der deutsche Psychologe William Stern vorgeschlagen hatte. Stern war ein Hansdampf in allen Gassen der Psychologie. Auf ihn geht die Idee des Intelligenzquotienten zurück, er befasste sich mit Entwicklungspsychologie und war Herausgeber der «Beiträge zur Psychologie der Aussage». In dieser Fachzeitschrift setzten sich Forscher mit der Frage auseinander, wie präzis sich Menschen erinnern.
Dass es mit dem Gedächtnis der meisten Leute nicht zum Besten stand, merkte Stern, als er Versuchspersonen ein Bild beschreiben liess, das sie zuvor 45 Sekunden lang betrachtet hatten. Viele schworen, Dinge darauf gesehen zu haben, die nicht dort waren. Die Frage der Zuverlässigkeit des Gedächtnisses war besonders vor Gericht wichtig. Deshalb schlug Stern das Experiment mit dem inszenierten Streit vor, dessen Zeugen sich in einer Situation befanden, die der Wirklichkeit recht nahe kam.
Nachdem der Revolver abgefeuert worden war, erfuhren die Anwesenden, dass der Streit bloss gespielt war. Fünfzehn unter ihnen - «ältere "studiosi iuris" oder Referendare» - machten darauf schriftliche oder mündliche Zeugenaussagen. Drei noch am selben Abend oder am Tag darauf, neun eine Woche später und drei erst fünf Wochen nach dem Vorfall. Kein Einziger konnte sich an alle Details der in fünfzehn Einzelschritte unterteilten Handlung erinnern. Die Fehlerrate lag zwischen 27 und 80 Prozent.
Wie zu erwarten war, konnten sich viele Zeugen nicht an den genauen Wortlaut des Gesagten erinnern. Doch überraschenderweise erfanden einige Zeugen auch Vorgänge, die nie stattgefunden hatten. Sie legten stummen Zuschauern Worte in den Mund, liessen den einen Streitenden vor dem anderen flüchten, obwohl beide stehen geblieben waren.
Die geringe Zuverlässigkeit der Aussage führte zu einer regen Diskussion unter Juristen. «Was soll aus unserer ganzen Strafrechtspflege werden, wenn ihre sicherste Grundlage, die Aussage unverdächtiger Thatzeugen, durch exakte wissenschaftliche Forschung erschüttert, wenn der Glaube an die Zuverlässigkeit unseres wertvollsten Beweismaterials untergraben wird?», fragte Franz von Liszt in der «Deutschen Juristen-Zeitung». William Stern, der das Experiment angeregt hatte, plädierte dafür, Experten in den Zeugenstand zu rufen, die das Gericht bei der Beurteilung einer Aussage beraten sollten. Ein Vorgehen, das heute üblich ist.
Die Methode dieses Revolverexperiments, der sogenannte Überraschungsversuch, bei dem die Versuchspersonen nicht wissen, dass sie an einem Experiment teilnehmen, wurde Anfang letzten Jahrhunderts oft nachgeahmt. Einmal wurden Studenten zu einem fingierten lauten Streit vor der Tür des Hörsaals befragt, ein andermal zu einem Besucher, der zwanzig Minuten mit einer Maske in der Vorlesung gesessen hatte. Nur 4 von 22 Anwesenden konnten die Maske einige Tage später unter neun anderen wiedererkennen.
Manchmal nahm bei solchen Experimenten die Lust am Theater überhand. In der Göttinger psychiatrisch-forensischen Vereinigung stürzte 1903 mitten in einer Rede ein «Clown herein, der in der einen Hand eine Schweineblase, in der anderen Hand einen roten Fez schwang», hinter ihm «in auffälligem Kostüm, einen Revolver in der Hand, ein Neger». Die Zuschauer mussten danach einen Fragebogen ausfüllen, wo sie die Ereignisse durcheinanderbrachten.
Später fanden Forscher heraus, wie einfach sich das Gedächtnis manipulieren lässt. In Experimenten zeigten sie, dass sich Erinnerungen bei ihrer Aufnahme, während der Speicherung und beim Abruf gezielt verändern lassen. Eine Gruppe von Versuchspersonen, die zum Beispiel gefragt wurde, wie schnell zwei Autos «ineinandergekracht» seien, erinnerte sich später eher an zerbrochenes Glas auf der Strasse als eine andere Gruppe, in deren Frage bloss «zusammengestossene» Autos vorkamen (zerbrochenes Glas gab es übrigens keines).
Andere Experimente zeigten, wie wir uns die Wahrheit aus Fakten und Phantasie zusammenbauen, wie wir die Erinnerung an ein Gesicht mit jener an ein anderes vermischen, wie wir aus einem Weissen einen Schwarzen machen und Dinge gesehen haben wollen, von denen wir nur gehört haben.
Die Erkenntnis über die Unzuverlässigkeit der Erinnerung erfuhr ihre schönste Bestätigung in der Überlieferung des Revolverexperiments selbst: In einem 1955 erschienenen Lehrbuch über forensische Psychologie war aus der Revolverattacke in Berlin ein simulierter «Totschlag durch Dolchstiche» geworden.
Reto U. Schneider ist Redaktor bei NZZ Folio.
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