NZZ Folio 05/99 - Thema: Singles   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Freie Radikale

Von Ursula von Arx

Unglückliche Paare können langweilen, glückliche erst recht. «Single» jedoch ist per se ein dramatischer Begriff. Ohne Singles, die am Schluss keine mehr sind, gäbe es kein Kino, kein Theater, keine Literatur, die Welt wäre ärmer.

Chemisch gesprochen sind Singles so etwas wie freie Radikale, also «ungesättigte Moleküle, die meist ein freies, ungepaartes Elektron besitzen, was starke Reaktionen bewirkt». Diese Reaktionsfähigkeit macht Singles interessant. Sie bringen Schwung, Bewegung und Chaos. Sie werden umworben. Vielleicht nicht von anderen Singles, aber von der Wirtschaft, die der nervösen, finanziell potenten, sozial initiativen Zielgruppe Parfum, Rasierschaum, Designermöbel und sonst allerlei verkauft; halb als Trost, halb als Ersatz für den bis heute nicht erfundenen Stoff, der den Traum wahr machte, ewig verliebt und geliebt zu sein.

In einsamen Nächten beschäftigen sich freie Radikale mit Gleichungen: Ist 1>2:2? fragen sie sich selber, ist 1+1=2? fragen sie andere Singles. 1+1=3 ist ihr Familien(alb)traum. 1+1=0, höhnen sie. Und manchmal träumen sie, benebelt von Hormonen, Herzweh und Hollywood: 1+1= <unendlich>.

Wie dem auch sei: Für immer mehr Menschen ist der Fahrplan Ehe-Kinder-Enkel-Rente nicht mehr gängig. Sie wollen anderes vom Leben, und sie nehmen die Liebe ernst als etwas, was nicht im Alltagstrott untergehen darf. Oder sie wissen, dass ihr Egoismus gross ist und ihre Macken für einen anderen eine Zumutung wären. Unsere Gesellschaft toleriert ihre Einzelgänger, geliebt werden sie nicht, zahlen dürfen sie. Paare haben mehr Prestige. Ist das nötig? Nein! sagen wir und widmen dieses Heft den Ungepaarten, ihrer Last und ihrer Lust.


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