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Von Tieren -- Warum junge Tiere spielen müssen
© J. & A. Visage, Dia-Contact, F...
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| Nur ein amüsanter Zeitvertreib? Beim Spielen trainieren junte Tiere Hirnfunktionen, die für eine effiziente Motorik wichtig sind. |
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Von Herbert Cerutti
VIER JUNGE KOLKRABEN, kaum flügge geworden, interessieren sich für ein Rindenstück. Einer packt die Rinde mit dem Fuss, hängt sich kopfüber an einen Ast und lässt nach etlichem Geschaukel das Objekt fallen. Blitzschnell sind zwei der andern bei der Rinde, packen sie mit dem Schnabel und veranstalten ein «Seilziehen». Als sich der Sieger mit der Beute davonmachen will, wird er vom vierten Vogel verfolgt, der das Streitobjekt erobert, sich auf den Rücken legt und die Trophäe hingebungsvoll mit dem Schnabel bearbeitet. Wenige Minuten später aber liegt die Rinde verlassen auf dem Boden - die Vogelbande balgt sich jetzt um ein Stecklein.
Junge Wildziegen toben sich an einem Berghang aus. Erst rennen die Tiere quer durchs Gelände, machen Bocksprünge, drehen sich im Kreis. Bald schon stellt sich eins auf eine Hügelkuppe, was die andern animiert, durch Stossen mit der Stirn den «König» von seiner Burg herunterzubugsieren. Und jeder neue Herrscher wird umgehend wieder entthront.
Zwei Schimpansen hocken auf dem Waldboden friedlich nebeneinander. Bis es dem einen einfällt, den Kollegen mit dem Fuss in die Seite zu stossen. Der andere rempelt mit der Faust zurück, und Sekunden später wälzen sich die zwei am Boden. Es wird gekreischt und gebissen. Aber bei aller Heftigkeit verläuft die Balgerei ohne Verletzungen. Bei den Zwergschimpansen im Zoo von San Diego wurde beobachtet, wie ein Tier sich ein grosses Bananenblatt über den Kopf stülpte und so als «blinde Kuh» auf dem Klettergerüst herumstolperte.
Was hier aus Verhaltensstudien zitiert ist, nennen die Zoologen «Spiel», denn das Geschehen erinnert bis in die Details an Verhalten, wie wir es bei jungen (und zuweilen auch bei erwachsenen) Menschen beobachten: Es werden ohne erkennbaren Nutzen Gegenstände manipuliert oder Körperbewegungen ausgeführt; es finden körperliche Kontakte ähnlich Kämpfen oder sexuellen Handlungen statt, die jedoch harmlos bleiben. Und es ist offensichtlich, dass die Spielenden ihren Spass haben. Auch gibt es Spiel bei Mensch und Tier nur dort, wo es den Individuen körperlich und seelisch gutzugehen scheint und wo nicht Feinde oder andere Gefahren drohen.
So offensichtlich spielerisches Verhalten in der Tierwelt für den Beobachter schon immer war - bis in die neuere Zeit galt «Spiel» in der Verhaltensforschung lediglich als amüsante Episode. Man war sich einig, Spielen sei für das junge Tier lediglich momentaner Zeitvertreib oder das Loswerden überschüssiger Energie, bis mit dem Grösserwerden der zum Überleben nötige Ernst dominiert.
Heranwachsende Tiere «vergeuden» bis zu zwanzig Prozent ihrer Energie mit Spielen. Und vielen Tierkindern wird das Spiel zum Verhängnis. Etwa wenn das Zicklein beim Hüpfen im Gebirge zu Tode stürzt oder ein spielendes Seehundkind im Rachen eines Hais endet. Solcher Preis lässt Zweifel am Glauben aufkommen, Spiel sei lediglich «sinnloses Tun». Denn mag sich allenfalls der Mensch im Umgang mit seinen Kräften Luxus leisten - in der Tierwelt hat Verschwendung keinen Platz.
Es waren Zoologen wie die Amerikaner Marc Bekoff und Robert Fagen, die vor gut zwanzig Jahren das Thema der spielenden Tiere endlich ernst nahmen. Schon eine erste Übersicht ergab ein erstaunliches Inventar. Spielerisches Verhalten findet sich bei einem Grossteil der Säugetiere sowie bei vielen Vögeln. Auch Reptilien wie die Schildkröten, die mit den Säugern und Vögeln gemeinsame Wurzeln haben, spielen. Spiel ist also nicht lediglich eine zufällige Laune, sondern gehört zum fundamentalen Verhalten.
Die Beobachtung ähnlichen Spielverhaltens bei den unterschiedlichsten Tierarten bestätigt eine genetische Basis. So tauschen Ratten, Steinböcke, Rhesusaffen im Verlaufe eines Scheinkampfes häufig die Rollen des «Starken» und des «Schwachen», und ein körperlich überlegenes Tier hält dem Spiel zuliebe seine volle Kraft zurück.
Dass Spielen angeboren ist, zeigt sich auch im Verhalten junger Hunde: Wollen sie spielen, lassen sie sich auf die Vorderpfoten nieder und halten den Hintern schwanzwedelnd in die Höhe. Alle Hunde beherrschen diesen «Spielbückling» - selbst wenn sie ihn noch nie gesehen haben. Die Natur verlässt sich hier nicht auf individuelles Lernen, weil offenbar die Sache zu wichtig ist: Der Spielbückling hat dem Artgenossen unmissverständlich zu signalisieren, was jetzt an Körpereinsatz komme, sei nicht ernst gemeint.
Wenn Spiel also genetisch programmiert ist, müsste sich ein genereller biologischer Sinn finden. Für die Spielforschung eine harte Nuss, denn noch vor zwanzig Jahren galt die Definition: «Spiel ist Verhalten ohne erkennbaren Nutzen.» Auf der Suche nach dem biologischen Zweck animalischer Spielfreude gibt es selbst heute noch mehr Fragen als Antworten.
Eine der gängigsten Vermutungen sieht das Spiel als Fitnessprogramm und Schulung der für die Jagd oder den Kampf nötigen motorischen Fähigkeiten. Gegen diese Hypothese spricht, dass Tiere am häufigsten während einer bestimmten Phase ihrer Entwicklung spielen, die Hausmaus zwischen dem fünfzehnten und dem dreissigsten Lebenstag, die Katze ab etwa der dritten bis zur zwanzigsten Woche, der Anubispavian zwischen dem fünften und fünfzigsten Monat. Diente das Spiel der Fitness, müsste es kontinuierlich weitergeführt werden. Zudem fehlen beim spielerischen Kämpfen oft die schwierigsten Elemente der Kampftechnik, etwa die effiziente Kombination von Attacke und Abwehr. Spielen zeichnet sich gerade dadurch aus, dass die Rollen zwischen «Angreifer» und «Verteidiger» aufgeteilt werden.
Vollends widerlegt wird die Trainingshypothese durch die jungen Fleckenhyänen: Schon kurz nach der Geburt kämpfen die Kleinen im Bau um die Vorherrschaft, wobei Geschwister auch totgebissen werden. Erst Wochen später beginnen die Jungen mit rücksichtsvollem Spielkampf.
Mitte der neunziger Jahre hatte John Byers von der University of Idaho einen Geistesblitz. Wie er im Buch «Animal Play» beschreibt, ist ihm beim Betrachten von Messkurven der Hirnentwicklung junger Mäuse aufgefallen, dass sich die Synapsen der Nervenzellen im Kleinhirn just in den Tagen formieren, da die Jungen am meisten spielen. Die Synapsen verknüpfen die Nervenzellen miteinander und legen damit den Funktionsplan des Gehirns fest. Bei höherentwickelten Tieren ist das Gehirn bei der Geburt noch sehr dicht «verdrahtet». Erst der Gebrauch der Hirnzellen in den frühsten Lebensphasen lässt «unnötige» Synapsen verkümmern und aktivierte Verbindungen fester werden. Da das Kleinhirn unter anderem die Feinmotorik steuert, legt das frühe körperliche Spiel die nervliche Grundlage für das spätere Erlernen und Ausüben bestimmter Bewegungen.
Und wie das spielerische Rennen und Hüpfen die Basis für effiziente Körpermotorik schafft, dürfte das Spiel mit dem nutzlosen Stecklein das Hirn für den lebenslangen Umgang mit Neuem und Fremdem strukturieren. Vermutlich liegt dem Entdecken von Werkzeugen sowie dem kreativen Schaffen mit Materie, wie es ausser dem Menschen auch Rabenvögel, Finken und die Schimpansen zeigen, ebenfalls als Vorbereitung das Spiel zugrunde. Das «soziale Spiel» schliesslich, das Sich-Necken und Balgen, könnte im jungen Hirn die angeborene Angst vor dem fremden Körper reduzieren - eine Voraussetzung für erfolgreichen Nahkampf und Sex.
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