NZZ Folio 06/09 - Thema: Am Schwarzen Meer   Inhaltsverzeichnis

Grenzfall Trabzon

© Arid Ocean (Reliefkarten)
Trabzon ist die Hauptstadt der gleichnamigen türkischen ­Provinz. Die im 7. Jahrhundert v. Chr. von den ionischen ­Griechen gegründete Stadt hat 300 000 Einwohner. Die ­Griechen erklärten Trapezunt zur Grenze zwischen Europa und Asien, zwischen Zivilisation und Barbarei. Der Hafen ist wichtiger Umschlagplatz für Haselnüsse, Tabak und Tee. ­Berühmt ist der Fussballverein Trabzonspor, der zu den ­besten Mannschaften der Türkei zählt Linktext
Die Handelsstadt ist Inbegriff dessen, was von der Türkei nicht in die EU soll. Sie gilt als Brutstätte von Radikalislamisten. Ein klassischer Fall von Rufmord.

Von Amalia van Gent

Liebe auf den ersten Blick ist es nicht. Von der Dachterrasse des Hotels Usta schaut man auf hässliche, planlos in die Höhe ragende Betonblöcke, auf abblätternde Farbe und zerborstenen Verputz, auf enge, dunkle Gassen ohne Gehsteige, auf verrostete Fernsehantennen – auf eine Provinzstadt, die in Verfall begriffen ist: Trabzon. Und am Rand der Stadt öffnet sich, stets von milchigen Nebelschwaden verhangen, ein riesiges graues Loch: das Schwarze Meer.

Es ist kein freundliches Meer. So empfanden es schon die ionischen Griechen, die im 8. Jahrhundert v. Chr. erstmals mit ihren Schiffen hierherruderten. Sie nannten es «das unfreundliche Meer», aber auch «grenzen­loses, aufbrausendes Meer» und erklärten es zur Grenze zwischen Europa und Asien, zwischen griechischer und fremder Welt, zwischen Zivilisation und Barbarei.

Erst nachdem sie rings um das Meer Siedlungen, darunter auch Trabzon – «Trapezunt» –, gegründet hatten, versuchten sie das feindliche Element zu besänftigen. Sie änderten seinen Namen in «Fremden gegenüber freundliches Meer» und nannten sich Pontier. Doch das Meer bleibt – zumindest in seiner südöstlichen Ecke – bis heute unberechenbar.

Die Menschen folgten den Launen des Meers. «Wir sind aufbrausend, und unsere Reaktionen sind unberechenbar», sagt Adem Solak. Der Kriminologe und Professor an der Technischen Universität des Schwarzen Meers sitzt in der Kantine der Hochschule. «Wir handeln, als hätten wir nie Zeit. Das heisst: Zuerst handeln wir, dann denken wir darüber nach. Das ist Teil unserer Kultur. Hinzu kommt, dass wir eine grosse Leidenschaft für Waffen hegen. Jedes Kind wächst hier mit einer Waffe auf. Auch das ist Teil unserer Eigenart», sagt Solak. Es ist eine verhängnisvolle Mischung, offensichtlich.

Seit 25 Jahren betreut Solak Häftlinge und führt in den Gefängnissen Studien durch. Müsste er eine Geographie des Verbrechens zeichnen, würde er das Gebiet am Schwarzen Meer rot anmalen – rot wegen des Bluts, wegen der Morde. Hier werde der Besitz eines Gegners geachtet, sagt Solak, nicht aber sein Leben. Nirgends sei es so einfach, einen Auftragskiller zu finden.

Anfang des 21. Jahrhunderts geriet Trabzon in Verruf, eine Stadt der Gewalt, die Heimat von Mördern zu sein, ein Wespennest von «Derin Devlet». «Den tiefen Staat» nennt man in der Türkei eine geheime Allianz zwischen Militär und Polizei, ultranationalistischen Politikern, Journalisten und Richtern, Geheimdienst und Mafia, die seit Jahrzehnten Killer durch das Land schickt, um unliebsame Oppositionelle zu töten.

Verbrechen, die Schlagzeilen machten, hatten hier ihren Ursprung: Im Februar 2006 schlich sich ein 15-Jähriger in die Kirche Santa Maria und erschoss den arglosen katholischen Pater Andrea Santoro, der in stilles Gebet versunken war. «Allah ist gross!» rief der Täter kurz nachdem er geschossen hatte; er hatte einen «Ungläubigen» niedergestreckt. Der Mord belastete das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen. «Allah ist gross!» rief im Januar 2007 auch der 17-jährige Ogün Samast, als er in Istanbul den türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink auf offener Strasse ermordete. Auch Ogün kam aus Trabzon.

Dink hatte Armenier und Türken aufgefordert, die dunklen Kapitel ihrer Geschichte nicht zu verdrängen und zu verschweigen, sondern gemeinsam aufzuarbeiten. Diesen Aufruf verstanden Ogün Samast und seine Hintermänner als Beleidigung der türkischen Nation, die mit Blut gerächt werden müsse. In der Folge wurde Trabzon als Hochburg des extremen und skrupellosen türkischen Nationalismus verschrien. «Wo beginnt und wo endet Europa?» fragten sich manche. Spätestens nach dem Mord an Hrant Dink wurde auch mir die ferne Stadt mitsamt ihren Menschen unheimlich.

Aufbrausend seien die Menschen hier, temperamentvoll und tief religiös. «Wie Tayyip», sagt Ali Öztürk, Chefredaktor der einflussreichen Lokalzeitung «Günebakis» («Blick auf den Tag»), zärtlich. Schliesslich stammten die Eltern des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan aus Rize, einer Stadt keine hundert Kilometer von Trabzon. Dass Erdogan beim World Economic Forum in Davos 2009 die westliche Welt schockiert hat, als er aus Protest gegen den Gazakrieg ein Gespräch mit dem israelischen Präsidenten Schimon Peres abbrach, kümmert Ali Öztürk nicht. Tayyip habe der Türkei «Selbstachtung und Selbstvertrauen» verliehen, sagt er.

Nie zuvor wurde in der Türkei ein Regierungschef von seinen Anhängern beim Vornamen genannt. Die Menschen am Schwarzen Meer empfinden den Mann, der in den letzten Jahren die Türkei fundamental verändert hat, als ihresgleichen. Seine Regierung werde der Welt beweisen, dass Islam und Demokratie vereinbar seien, versprach Erdogan nach seinem Wahlsieg 2002, und dass er die Prinzipien der Menschenrechte umsetzen und die Türkei zu einem würdigen Mitglied der EU machen werde.

«Da prallten zwei Welten aufeinander», sagt Ali Öztürk. Die Welt um Tayyip einerseits: religiös und nicht mehr gewillt, die Religiosität der türkischen Provinz zu negieren – eine Mehrheit, die sich am Erbe des vor knapp hundert Jahren untergegangenen Osmanischen Reichs orientiert. Und auf der anderen Seite eine Welt, die seit der Gründung der Türkischen Republik vor gut 80 Jahren im Namen westlicher Orientierung die eigene Kultur und Geschichte geleugnet hat; eine Minderheit, «die es gewohnt war, alleine im Staat zu bestimmen».

Aus Sicht des Journalisten Öztürk haben Pater Santoro und der armenische Journalist Hrant Dink den erbitterten Machtkampf zwischen diesen beiden Welten mit ihrem Leben bezahlt. Dunkle Elemente des «tiefen Staats» hätten den minderjährigen Tätern eingebleut, dass die Trabzoner als auserwähltes Volk dazu bestimmt seien, «das Vaterland vor den Krallen der christlichen EU und der Islamisten um Tayyip zu retten». Der «tiefe Staat» habe aber auch Jugendliche in der zentralanatolischen Stadt Malatya, im südwestlichen Adana, in jedem Ort der Türkei instrumentalisieren können. Tatsächlich sind in Trabzon die regierende religiöse, aber vergleichsweise liberale Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung AKP und die Nationalisten fast gleich stark. Bei Kommunalwahlen Ende März 2009 hat die AKP in Trabzon trotz einer Arbeitslosigkeit von 25 Prozent auch das Amt des Oberbürgermeisters gewonnen.

Ali Öztürk will nicht an die Morde denken, die seiner Stadt den Stempel aufgedrückt haben. Er lehnt sich hinter dem mit Stapeln von Büchern belegten Schreibtisch zurück und rollt seinen Zukunftstraum aus: Trabzon könne zu seiner historischen Rolle als Handelszentrum zurückfinden, sagt er. Die Hauptstadt des byzantinischen Reichs Pontus, Trapezunt, kam im 15. Jahrhundert zu Wohlstand, als die mongolischen Herrscher nach Afghanistan, Kaschmir und Iran auch den Irak eroberten und im riesigen Gebiet Eurasiens den Lauf der Geschichte und die Handelswege veränderten, die Seidenstrassen. Die Route über Bagdad wurde verschoben und verband nun das persische Täbris mit Trapezunt. Der Spanier Gonzales de Clavijo berichtete von goldenen Kirchtürmen und glitzernden Mosaiken, von «christlichen Relikten vor den Toren Asiens». Ein weiterer Höhepunkt folgte im 19. Jahrhundert, als Trabzons Hafen als westliche Endstation der Überlandroute nach Indien diente und die reichen Kupfer- und Silberminen von Gümüshane im Landesinnern für Reichtum sorgten.

Eine wohlhabende Mittelschicht aus Türken, Armeniern und griechischen Pontiern baute Villen, Schulen, Brücken, Verwaltungsgebäude, Kirchen und Moscheen. In der Stadt gab es europäische Konsulate, es gab eine Oper und mehrere Theater. Trabzon könne einmal mehr wirtschaftliche und geistige Metropole des Südkaukasus werden, zu einer Brücke zwischen Asien und Europa, sagt Öztürk. Der Mann hinter den grossen Stapeln von Büchern ist ein Träumer, aber gewiss kein sturer Nationalist. Wie Tayyip, möchte man fast sagen. Auch Erdogan will die Türkei zu einer Regionalmacht im Nahen Osten und im Kaukasus machen, zu einer Brücke zwischen Europa und Asien, zwischen islamischer und westlicher Welt.

«Zu grossspurig, zu realitätsfremd», findet Özlem Seber solche Visionen. In Trabzon gebe es zu viele Menschen, zu wenig Boden und keine Arbeit, sagt die junge Managerin im Parkrestaurant. Zudem sei die Schere zwischen Arm und Reich seit der Machtübernahme der Regierung Erdogan noch grösser geworden. Seber und ihre vier Freundinnen teilen die Meinung Öztürks, wonach in der Türkei zwei Welten aufeinanderprallen, wollen aber von einem «tiefen Staat» als Urheber der Morde nichts wissen. Die Täter seien unausgebildete Migrantenkinder, die Helden spielten, sagt Fatma Konak.

Die fünf Frauen sind Mitglieder der Republikanischen Volkspartei CHP, der Partei des Republikgründers Kemal Atatürk, dessen ideologische Richtlinien im vergangenen Jahrhundert unantastbare Staatsdoktrin geworden waren. Sie sind «die andere Türkei». Sie sehnen sich nicht nach einer Regionalmacht nach Vorbild des osmanischen Weltreichs, sondern nach der Republik Atatürks, die klein und überschaubar war.

Sie träumen lieber bescheiden «vom Reichwerden», wie Özlem Seber halb ironisch, halb ernsthaft sagt. «Wie wird eine Frau reich in dieser Stadt? Indem sie einen reichen Mann heiratet!» Und wie gelangt ein Mann zu Reichtum? «Indem er Geld erbt, in die Politik einsteigt oder in die Mafia.» Das Ende der Sowjetunion und die Öffnung der türkisch-georgischen Grenze 1989 hat vielen zu einer schier unerschöpflichen Einkommensquelle verholfen: dem Frauenhandel. Im Hafenviertel Çömlekçi wurde ein Billighotel nach dem anderen eröffnet, wurden Alkohol und blonde Frauen, «Nataschas» genannt, in rauhen Mengen angeboten.

Die von den Politikern gepriesene Globalisierung stellte alle moralischen Werte dieser konservativen und religiösen Gesellschaft in Frage und wurde einheimischen Frauen zum Albtraum. Tausende Ehen gingen in die Brüche. Nach der Zersetzung der moralischen Werte erlebt Fatma Konak den Ruf der EU nach mehr kulturellen Rechten für ethnische und religiöse Minderheiten in der Türkei als Gefahr, als Aufruf zur Spaltung ihres Landes. Die EU heize den Konflikt zwischen Kurden und Türken an, sagt sie zornig. «Sie kommen nach Trabzon und wollen hier angeblich Identitäten unterschiedlichster Minderheiten wie die der Lasen, der Pontier und der Armenier ausmachen.» Alles nur Lügen, was die Europäer sagen?

Die Strasse zum Kloster Soumela führt landeinwärts entlang einem tosenden Fluss, hinauf in das Gebirge der Zigana, dessen schneebedeckte Gipfel immer höher und wo der Pinienwald und der Nebel immer dichter werden.

Unvermittelt taucht in einer Felswand das mehrstöckige Gebäude aus Stein auf, das «kaiserliche patriarchalische Kloster der Allerheiligsten Gottesmutter am Berge Melas». Am Tor des vor kurzem zum Museum umgebauten Klosters zieht ein Musiker traurige Klänge aus seiner Kemençe, der Violine des Schwarzen Meeres. Soumela, im 6. Jahrhundert gegründet, galt den griechischsprachigen Pontiern, die Anfang des 20. Jahrhunderts noch rund eine halbe Million Personen zählten, als geistiges Zentrum und wichtiger Bezugspunkt ihrer Identität. Oder das Kaymakli-Kloster mit seinen schönen, aber teilweise zerkratzten Fresken. Es steht auf einem grünen Hügel am Rande Trabzons und wird heute von einer Bauernfamilie als Stall ­benützt. Einst war es ein wichtiges geistiges Zentrum der Armenier.

In dieser Ecke der Welt lebte einst ein buntes Völkergemisch in enger Gemeinschaft. Bis der Erste Weltkrieg dieser jahrtausendealten Koexistenz ein abruptes Ende setzte. Um eine Allianz der christlichen Völker Anatoliens mit dem russischen Feind zu verhindern, schickten die jungtürkischen Herrscher die armenische Bevölkerung, aber auch Zehntausende griechischer Pontier auf die berüchtigten Todesmärsche. Von der Deportation kehrte kaum jemand zurück. Als «grosse Katastrophe» bezeichnete der neue Präsident der USA, Barack Obama, diese Ereignisse, die die armenische Kultur Anatoliens zerstörten. Der zwischen Griechenland und der Türkei vereinbarte «Völkeraustausch» 1923 setzte der griechischen Präsenz in Kleinasien ein Ende und machte auch die pontische Kultur zunichte. In die verlassenen Dörfer, Weiler und Städte zogen muslimische Flüchtlinge ein, auch sie Vertriebene, vom Balkan, aus dem Kaukasus.

«1923 verlassen» steht im offiziellen Touristenführer unter dem Bild des Klosters Soumela, «1923 verlassen» oder «1923 geräumt» bei den Kirchen St. Eugenius, St. Anna und dem Kloster Kaymakli, «1923 nationalisiert» unter dem Bild neoklassischer Gebäude. Die Schulkinder oder Touristen erfahren nirgends, warum all diese Orte verlassen, geräumt, nationalisiert worden sind. Verdrängung als Grund für den gereizten Charakter des Schwarzmeermenschen? Fatma Konak, Sprecherin der Frauenorganisation der CHP, weist diese Deutung zurück. «Die Armut ist der Grund allen Übels in dieser Stadt», sagt sie.

Pelitli ist ein Aussenviertel Trabzons, genauer: eine unselige Kopie des Stadtzentrums. Hier sind die Betonblöcke noch höher und noch billiger, die Gassen noch ärmer, Grünflächen noch rarer. «In den 1970er Jahren lebten hier nur drei Familien», sagt Nedin Mollaveisoglu, ein Assistent des Bürgermeisters. Dann habe der Staat Sozialwohnungen für Bergbauern gebaut, deren Dörfer bei Überschwemmungen und Erdrutschen zerstört worden waren. In den Jahren darauf zogen immer mehr Bergbauern hierher, meist aus wirtschaftlicher Not.

Später kamen Studenten auf der Suche nach billigen Wohnungen, dann Migranten aus dem Kaukasus und der ehemaligen Sowjetunion. «In Pelitli stranden jene, die das Geld für die Reise weiter in den Westen nicht aufbringen können», sagt Mollaveisoglu. Auf rund 1000 Franken wird das Pro-Kopf-Einkommen in Trabzon beziffert, in Pelitli müssen sich die meisten mit einem Bruchteil davon zufriedengeben. Wenn sie überhaupt eine Arbeit finden. Eine Umfrage der Tageszeitung «Habertürk» Ende März 2009 ergab, dass drei von vier Studenten der Technischen Universität nach dem Studium arbeitslos bleiben. Am selben Tag setzte das Boulevardblatt «Taka» das Schicksal der 29-jährigen Neslihan T. auf die Titelseite: Sie beging Selbstmord aus Verzweiflung darüber, dass ihr Ehemann schon seit Monaten arbeitslos und ihre Familie mittellos war. Geschichten, die in Pelitli zum Alltag gehören. «Die Jugendlichen sitzen stundenlang in den Internetcafés und spielen am Computer Heldenspiele», sagt Mollaveisoglu, «Spiele, in denen das Töten simuliert wird.» Auch die Mörder von Pater Santoro und von Hrant Dink haben ihre Tage in Internetcafés verbracht. Beide stammen aus Pelitli.

«Das ist Paranoia. Nichts als Paranoia», entrüstet sich Gültekin Yücesan, lokaler Ex-Vorsitzender des Menschenrechtsvereins IHD. Warum sonst müssten türkische Schüler jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn schwören, «der türkischen Nation ihre Existenz zum Geschenk anzubieten», wie es im Eid der Nationaltreue steht? Warum müssten sie schwören, ihr «Land mehr zu lieben als sich selbst»? Nicht Trabzon sei rechtsnationalistisch, sondern die Republik, sagt Yücesan. Atatürk habe die Türkei ihrer Geschichte beraubt und an ihrer Stelle ein fremdes Modell aus dem Westen hingestellt. «Wie stabil kann das sein?» fragt er. Spätestens im Gespräch mit Yücesan wird klar, dass Trabzon mit seiner Armut, seinen Träumen und Ängsten kein Hort rechtsextremer Patrioten ist, sondern vielmehr das Spiegelbild einer Türkei, der noch immer nicht klar ist, ob ihre Zukunft in Europa oder in Asien liegt.

«Wir sind ein Volk der Extreme», sagt Fethi Yilmaz, Herausgeber der Kulturzeitschrift «Kiyi» («Ufer») in Trabzon, «wir haben die besten Künstler und Fussballspieler, die populärsten Politiker, die ruchlosesten Killer. Unsere Musik und unsere Tänze sind schnell wie der Wellenschlag unseres Meeres.» Für Yilmaz geht darum auch die Zerstörung des Stadtbildes ­rascher voran als anderswo. In den Anfangsjahren der Republik seien architektonische Kunstwerke aus ideologischen Gründen abgerissen worden, später dann im Namen der Moderne. Die Kirche St. Gregor, das Wappenzeichen der Stadt, wurde in den 1940er Jahren abgerissen, die Oper musste zehn Jahre später dem Verkehr weichen, und dann fiel der osmanische Han, wo einst die Kamelkarawanen der Seidenstrasse landeten, den Bulldozern zum Opfer. Die Terrassengärten mit den Feigen- und Granatapfel­bäumen, Trauben und Bitterorangen sind schliesslich in den 1980er Jahren geopfert worden. «Trabzon ist eine Stadt ohne Wurzeln», sagt Yilmaz.

Das Leben Trabzons spielt sich auf zwei Strassen ab: auf der Uzun-Strasse, der Langen Strasse, wo sich Zeitungs­redaktionen, Kinos, Buchhandlungen, Restaurants und namhafte Konditoreien wie Beton Helva befinden, und auf der Kunduracilar-Strasse, die mit ihren dunklen Sandsteingebäuden dem Konsum geweiht ist. Sie endet im gedeckten Basar. Von hier aus gesehen wirkt die Stadt gelassen, fröhlich gar. Hier sind Frauen bis spät in die Nacht ohne männliche Begleitung unterwegs, mehr als in jeder anderen Provinzstadt der Türkei.

«Trabzon war eine Stadt mit urbaner Kultur», sagt Necati Zengin, ein Regisseur. Die Mehrheit der Haushalte habe früher über ein Musik­instrument verfügt, Diners mit Piano- und Violinmusik seien keine Ausnahme gewesen. Mit dem Militärputsch von 1980 habe die «Degenerierung des Kulturlebens und der religiös-chauvinistische Schub eingesetzt». Dutzende Intellektuelle kamen hinter Gitter, vielleicht mehr als anderswo. Denn Trabzon stand im Ruf, eine linke Stadt zu sein. Viele zogen für immer in den Westen des Landes.

Zengin hat keine Hemmungen, über die Geschichte seiner Stadt zu sprechen: Es seien armenische Theatergruppen aus Istanbul gewesen, die im 19. Jahrhundert auf Tournee in Städten des Kaukasus und der osmanischen Nordostprovinzen das moderne, westliche Theater eingeführt hätten. «Und es waren Pontier, die mit ihrem kritischen Volkstheater die Völker der Region beeinflusst haben.» Nach der Öffnung der türkisch-georgischen Grenze hat er sich mit dem georgischen Regisseur Varlam Nikoladze zusammengetan. Sie führen im Stadttheater Stücke des grossen türkischen Literaten Nazim Hikmet auf, der lebenslang vom Staat verfolgt worden ist, und des Kirgisen Tschingis Aitmatow. Sie stellen dem Publikum das georgische Theater vor und ­spielten 2006 «Bagdasar Kardes» des Armeniers Hagop ­Baronyan. Revolutionär für eine Stadt, die sich jahrzehntelang ihrer Vergangenheit verschloss.

Nach dem Mord an Hrant Dink habe er in Trabzon einen Protestmarsch organisiert, erzählt Yücesan. «Wir sind alle Armenier, wir sind alle Hrant Dink», stand auf den Plakaten. Dann hätten «sie» einen Auftragskiller auf ihn angesetzt, so Yücesan. «Sie», das sind die Vertreter des «tiefen Staats». Im Gegensatz zu Dink hat er Glück gehabt. Als der Killer die Waffe auf ihn gerichtet habe, habe er die Mutter Yücesans bemerkt und sei unverrichteter Dinge gegangen. Am Schwarzen Meer hätten auch Auftragskiller Qualitäten, sagt Yücesan. Im Beisein von alten Leuten und Kindern werden keine Morde verübt.

Gültekin Yücesan, der ehemalige Vorsitzende eines Menschenrechtsvereins, ist einsam in seiner Stadt. Wie Asya, die tschetschenische Prostituierte in der Hürriyet-Bar. Sie kam vor acht Jahren nach Trabzon, um mit Teppichen zu handeln, stattdessen wurde sie von ihrem Begleiter als Prostituierte verkauft. Seither betrinkt sie sich oft, und wenn sie viel trinkt, wird sie aggressiv. «Die Türkei hat mich zur Alkoholikerin gemacht», sagt sie. «Mich auch. Wenn auch aus anderen Gründen», sagt Yücesan.

Um sie zu beruhigen, stimmt der Aussenseiter eine Strophe aus einem Gedicht Nazim Hikmets an, die die tschetschenische Prostituierte fast stimmlos nachsagt: «Nicht gefangen zu werden, ist das Problem, sondern sich aufzugeben.» Er komme manchmal in diese Bar, sagt er. Dann trinke er mit Asya, schaue auf das vernebelte Schwarze Meer hinaus und träume davon, dass die «Strasse» auch sie wegbringen würde.

Die «Strasse» steht für den Anschluss Trabzons an die ­schöne, weite, moderne Welt. Diese Moderne ist eine sechsspurige Schnellstrasse entlang der türkischen Schwarzmeerküste, die die Hafenstadt Samsun im Westen mit dem georgischen Batumi im Osten verbindet. Sie ist Teil eines Grossprojekts der Schwarzmeerunion, das alle Anrainerstaaten des Meers verbinden soll.

Die Schwarzmeerunion wurde gegründet, um nach dem Vorbild der Europäischen Union die Staaten am Schwarzen Meer zu einer Freihandelszone zu vereinigen. Premierminister Erdogan hat die geostrategische Bedeutung der Strasse rasch erkannt und dafür gesorgt, dass sie vor zwei Jahren fertiggestellt wurde. Weil hier die Felsen steil ins Meer abfallen, musste das Ufer aufgeschüttet und zubetoniert werden.

Die «Strasse» führt im Osten kilometerweit an Hügeln vorbei, auf denen Haselnuss- und Teesträucher wachsen. 700 000 Tonnen Haselnüsse wurden im Jahr 2008 an der Schwarzmeerküste der Türkei produziert, 80 Prozent der weltweiten Haselnussproduktion. Doch die Finanzkrise hat auch in der Schokoladenindustrie ihre Spuren hinterlassen. Die Haselnussexporte sackten nach Angaben von Händlern um 40 Prozent ab. 150 Kilometer von Trabzon entfernt endet die Strasse beim türkisch-georgischen Grenzübergang Sarp. Die Ortschaft verkörperte während Jahrzehnten das Ende der Welt. Hier verlief die Grenze zwischen Sowjetunion und Türkei, die den real existierenden Sozialismus vom Kapitalismus trennte. Heute herrscht hektisches Treiben: Lastwagenkolonnen, bunt gekleidete Frauen mit Einkaufstaschen, Busfahrer, die das Ziel ihrer Fahrt ausrufen. In Sarp entsteht eine riesige Grenzanlage, die zum wichtigsten Tor zwischen der Türkei und den jungen zentralasiatischen Republiken und dem Kaukasus werden soll – zur Handelsdrehscheibe Eurasiens.

Die Legende von der «Argo» wird wach. Junge Pioniere folgten dem Ruf Jasons und brachen mit dem Schiff «Argo» im Jahr 1000 v. Chr. von Griechenland auf, um im legendären Land der Kolchier das Goldene Vlies zu suchen. Das Land der Kolchier lag laut Archäologen im türkisch-georgischen Grenzgebiet, sein Schatz bestand aus einem Überfluss an Lebensmitteln, insbesondere an Fisch. Es gab Steinbutt und Rochen, Meeräschen und Merlane, Störe und Delphine. Noch heute setzen im Juli die Wanderungen von Millionen von Makrelen und Schwarzmeersardellen ein. Von ihren Laichgründen in den sumpfigen Deltas von Don und Donau schwärmen sie entlang der rumänischen und bulgarischen Küste und erreichen Ende Jahr die Bucht von Sarp. Während der ersten Globalisierung der damals bekannten Welt war in Salz getrockneter Fisch die wichtigste Quelle von Wohlstand.

Endlich öffnen sich die Nebelschwaden und lassen den Blick frei auf das weite Meer, das am Horizont silbern glänzt. Während sich Trabzon um seinen Ruf sorgt, kümmern Kapitän Ahmet Baslanti die abnehmenden Fischbestände. Seit Generationen lebt seine Familie vom Fischfang. «Mein Grossvater warf vor 50 Jahren nur ein Fangnetz in den Hafen und wartete beim Teetrinken, bis es voll war», erzählt er. Die Überfischung und die Verschmutzung haben die Fischbestände des Schwarzen Meeres auf weniger als einen Fünftel schrumpfen lassen. Bis der Wohlstand das Land der ehemaligen Kolchier bei Sarp erreicht hat, muss Ahmet Baslanti mit immer modernerer Ausrüstung immer tiefer im offenen Meer fischen – in einem Meer, das, wie er sagt, oft «schäumt und tobt und verrückt spielt». In einem Meer, das für die Menschen wieder ein unfreundliches Meer wird.

Amalia van Gent ist Journalistin; sie lebt in Athen.

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