NZZ Folio 09/96 - Thema: Krank im Kopf   Inhaltsverzeichnis

E-Mail -- Die Poesie der Programmierer

Von Franz Zauner

LABORAFFEN sind dankbare Geschöpfe. Wenn man ihnen eine Schreibmaschine borgt, tippen sie sofort ein paar Seiten. Für Literaturpreise langte es bisher nicht. Aber die Sprachspiele der Informationsrevolution imitieren sie glänzend. «for(;P("\n"),R-;P("/")) for(e=C;e-;P("-"+(*u++/8)%2))P("/"+(*u/4)%2);» zum Beispiel sagt dem Computer etwas. Es ist ein theoretisch funktionierendes, originell formuliertes Stück Quellcode, gesprochen in der Programmiersprache C.

Wenn mehrere Kilometer solch kryptischer Wendungen zusammenkommen, sagt man dem Programm. Man sollte aber von Literatur sprechen, denn ein Programm ist nie nur ein Programm. Es ist immer auch ein Manifest, geschrieben in einer Sprache, die kaum jemand versteht. Dennoch tritt es sofort in Kraft. «Word» hiess etwa das Dekret, mit dem die Abschaffung der Schreibmaschine verfügt wurde. «Auto-CAD» war der Beschluss, die Zeichentische ins Museum zu schicken. «Pegasus» und «Eudora» sind vorgeblich E-mail-Software, in Wahrheit aber Proklamationen, die sich gegen herkömmliche Briefträger richten.

Programmierer sind Poeten, die mit ihren Texten die Welt verändern. Ja, auch «for (;P("\n"),R-;P("/")) for (e=C;e-;P("-"(*u++/8)%2))P("/"+(*u/4)%2);» ist ein Stück Poesie. Es gehört zur Gattung der Dramen. Funktionen werden hier wild iteriert, Zeiger brutal dereferenziert, gleichzeitig Variable stereotyp inkrementiert: Es ist, als ob Arnold Schwarzenegger in einem Arbeitsspeicher Hamlet spielt. Wer es ruhiger liebt, wird vielleicht einer anderen Sprache den Vorzug geben: Assembler, c/C++, Java stehen für Punk, Action und Thrill; in Oberon und Modula aber blüht die blaue Blume der Romantik, und für programmierende Existentialisten gibt es Haskell.

Obwohl das Angebot gross ist, unterscheiden Kenner nur zwei Schulen: die eigene, sie ist die der Rechtgläubigen (sie sprechen die richtige Programmiersprache), und die andere, die der ketzerischen Obskuranten (sie schwören auf die falsche Programmiersprache). Alle zusammen gehören, ob sie wollen oder nicht, zur Gruppe der Magier, da sie fast ausschliesslich von Beschwörungsformeln leben: Ihr Werkzeug ist der Konjunktiv. Ein Programmierer tritt ja nie vor den Computer und sagt: «Tu was!» Er versetzt sich vielmehr durch exzessiven Gebrauch von Wunschsätzen in eine Arte Trance:

«Gegeben sei ein Bier, es sei eine Flüssigkeit, die unten gelb schimmere und oben Schaum habe, gegeben sei weiter eine Datenstruktur namens Glas, sie sei fest, dünn und durchsichtig und deshalb berechtigt, Bier zu enthalten. Beides sei erhältlich bei einem Objekt, dass man Kellner nennt . . .»

Mit solch feucht-fröhlichem Dichten fängt es meistens an. Am Ende steht dann der Computer hinter dem Tresen.


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