NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Lebenslänglich

© Keystone/EPA/Georgios Kefalas
Die Lacigas sprechen zum ersten Mal über ihr Schweigen. Linktext
Von Anja Jardine
Meine kleine Schwester war wenige Monate alt, als ich eines Tages im Park die Abwesenheit meiner Mutter nutzte und den Wurm kurzerhand an zwei freundliche ältere Damen, die verzückt vor dem Kinderwagen standen, verschenkte. Ich dachte glatt, damit mache ich nicht nur mir, sondern auch meinen Eltern eine Freude. Wie enttäuscht war ich, als dem nicht so war. Und diese kleine Nervensäge prompt zurückkehrte wie ein Bumerang.

Geschwister wird man nicht los. Egal, ob man jahrzehntelang nicht mitein­ander spricht, nach Timbuktu auswandert oder ob eines gar stirbt – der denkbar schlimmste Regelbruch im gemeinsamen Spiel. Sie sind die erste Mini-Gesellschaft, in der man sich behaupten muss; sie sind es, mit denen man leben und überleben übt. Augenscheinlich ringt man um Schokolade, in Wahrheit aber um einen Platz in der Welt. Angefangen bei der Aufmerksamkeit der Eltern.

Am Anfang steht der Vergleich. Er ist unvermeidlich. Selbst Mütter und Väter, die sich vornehmen, ihre Kinder niemals zu vergleichen, kommen nicht drum herum, dient das erste doch zwangsläufig als Orientierungsgrösse. Eine Schwangerschaft verläuft mühsam, die nächste nicht. Und so geht es weiter.

Meine kleine Schwester bekam schnell Verstärkung durch eine weitere kleine Schwester, was meine Führungsqualitäten als Fünfjährige auf die Probe stellte. In der Pubertät haben sie sich gerächt, Darwin hätte seine Freude an uns gehabt – so unerbittlich kämpfte jede um ihre gesellschaftsbiologische Nische.

Heute leben meine Schwestern über tausend Kilometer entfernt. Doch ich weiss immer, was sie tun und wie es ihnen geht. Ich muss es wissen, sonst bin ich unvollständig. Und geht es einer von ihnen nicht gut, spüre ich es physisch, fast als sei es mein Schmerz. Höre ich allerdings eine von ihnen Episoden von früher erzählen, frage ich mich manchmal, wovon sie spricht. Denn – und das ist vielleicht das Erstaunlichste unter Geschwistern: Das gemeinsame Aufwachsen im selben Elternhaus bedeutet nicht die gleiche Kindheit. Ganz im Gegenteil.

PS: Rätselhafter noch als Geschwisterbeziehungen: «Das schwierigste Rätsel der Schweiz» von CUS in diesem Heft. Diesmal noch viel schwieriger als 2007! Als Partner mit dabei: Clariden Leu, Verkehrsbetriebe Zürich VBZ, Bern Mobil, Basler Verkehrsbetriebe BVB, Radio 24, Radio Capital FM, Radio Basilisk.





Leserbriefe:

Zu Editorial -- Lebenslänglich - NZZ-Folio Geschwister (12/08)

Als Folio-Fan der ersten Stunde (ich habe alle gelesen und die meisten zum Nachschlagen aufbewahrt) erlaube ich mir die Bemerkung, dass das Geschwister-Folio eines der schwächsten aller Zeiten war. Aus dem Thema hätte man deutlich mehr machen können, als einen Promi nach dem andern über seine/n Schwester/Bruder und umgekehrt erzählen zu lassen. Das wissen wir doch alles schon aus der letzten oder vorletzten SI-Homestory.
W.Grob, per E-Mail



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Ein Heft mit viel Herz, wohltuend in diesen Tagen, in denen von Besinnlichkeit noch wenig zu spüren ist und die Medien täglich schlechte Nachrichten verbreiten (Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Gewalt). Mir hat es sehr gefallen, wie die Geschwister, die Sie porträtiert haben, übereinander gesprochen haben: liebevoll und respektvoll, selbst wo sie Differenzen haben.
A. Gerber, Bern



Zu Editorial -- Lebenslänglich - NZZ-Folio Geschwister (12/08)

Mit Vergnügen habe ich an einem Abend die ganze Nummer durchgelesen. Ich hatte einen harten Arbeitstag und daher liess ich mich gerne auf die oberflächlich geschriebenen Artikel ein. Am Tag danach jedoch, ausgeruht, fand ich im klaren Morgenlicht dann doch einige Kritikpunkte. Ich bin der Älteste von sechs ­Geschwistern, damit betrachte ich mich als Experten auf diesem Gebiet. Ein Satz im Heft trifft den Punkt: In der gleichen Familie aufgewachsen, haben die Geschwister eine völlig verschiedene Geschichte erlebt. Eine meiner Schwestern wollte einmal von allen Geschwistern eine Beschreibung unserer Eltern. Es gab sechs verschiedene Bilder. Wichtige Ereignisse hatten alle von uns an einem ganz anderen biographischen Punkt getroffen. Hier hätte ich von Ihrem Heft etwas mehr erwartet, die Grossfamilie war mir zu oberflächlich dargestellt. Folio-Leser sind gescheit und wollen vertieftes Wissen!
Bruno Maggi, Zürich



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