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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet   Inhaltsverzeichnis

Wir basteln uns eine Website

© Anna-Lina Balke, Zürich
Wie man in sieben Schritten gratis zu seiner eigenen Website kommt – und dabei mit Nilpferdfutter sogar Geld verdienen kann.

Von Peter Haffner

Wem sein Privatleben etwas wert ist, der braucht eine Website. Nur sie garantiert, dass man inkognito bleibt in einer Welt, in der auffällt, wer keine hat. Um eine Website zu erstellen, benötigt man weder einen Webdesigner noch spezielle Software, weder HTML-Kenntnisse noch einen Domain Host, den man bezahlen muss für das Privileg, zur Masse zu gehören. Alles, was es braucht, ist ein Computer und eine Internetverbindung. Nur sieben Schritte, und die persönliche Website ist fertig, die von Kölliken bis Kuala Lumpur jeder sehen und lesen kann. So geht es:

1. Man eröffnet einen Google Account mit einer Gmail-Adresse bei http://pages.google.com. Neben Vor- und Nachnamen tippt man ein Passwort sowie den Namen ein, unter dem man einloggen will. Das ist der einzige Schritt, der leichter klingt, als er ist: Den gewünschten Login-Namen findet man garantiert besetzt und sieht sich auf eine von Google vorgeschlagene Auswahl verwiesen, in der ein Buchstabensalat wie «ptr.hffnr» noch das Appetitlichste ist. Das Problem lässt sich lösen mit einem frei erfundenen wie «Hannibal.Anteportas».

Wer sich das Leben schwermachen möchte, liest die «Terms and Conditions» und die «Google Terms of Service», sechzehn engbedruckte Seiten, in denen steht, was man darf und was nicht und dass Google in jedem Fall vor Gericht recht behalten wird.

2. Mit einem Klick auf den «Page Creator» erscheint ein Notizblock. Man tippt den Titel seiner Website ein, «Rumpelstilzchens Rundbrief», die Unterzeile «Ach, wie gut ist, dass niemand weiss, dass ich es bin, der so heisst!», schreibt in der Textbox von seiner Phobie, sich mitten entzweireissen zu müssen, und setzt das Amen in die Fusszeile.

3. Nun kommt, was man in der Theologie die Epiphanie nennt: Mit einem Klick auf «Publish» in der Menuleiste schickt man sein Werk in den virtuellen Äther zu den Websites der Abermillionen, die das Gleiche getan haben.

4. Et voilà: http://rumpelstilzchensrundbrief.googlepages.com. Das ist gleichsam das Buch, dem man nun beliebig viele Seiten beifügt, indem man im «Site Manager» auf «Create a new page» klickt. Auf jeder Seite kann man einklinken, was einem wahr und wichtig ist: Fotos der Eltern, Links zum Weissen Haus, zum Vatikan und zu Britney Spears sowie zu E-Mail-Adressen von Kollegen, die sich einem gegenüber brüsten, nicht so viel Spam zu kriegen. Wer Englisch und den Mausklick beherrscht, wird keine Schwierigkeiten haben – alles funktioniert nach dem Wysiwyg-Prinzip wie einst die Kartonkleberei im Kindergarten: What you see is what you get. (Richtig: Das ist eine Drohung!)

Und das bekommen auch alle anderen zu sehen. Wer sich keine Schwierigkeiten mit dem Vermieter einhandeln will, sollte kein Foto des Nilpferdes zeigen, das er in der Badewanne hält.

5. Gefällt einem nicht, wie die Website aussieht, ist das leicht zu ändern. Ein ganzer Werkzeugkasten steht zur Verfügung; er erklärt sich selbst und quillt nicht über wie das Word-Programm, bei dem man am Schluss nicht mehr weiss, wie man heisst, wo man doch nur seinen Namen im Briefkopf haben wollte. Mit «Change Look» kann man das Erscheinungsbild ändern – eine Mustergalerie von Smart über Seriös bis zu Senil steht zur Auswahl mit Bezeichnungen wie «Micro Ghost», «Solitude Cherry» oder «Bob Retro».

6. Das alles kostet null Komma nichts. Klickt man auf «AdSense», wird es noch besser: Hier kann man für seine Website bezahlte Werbung etwa für Nilpferdfutter akquirieren und so wie Rumpelstilzchen Stroh zu Gold spinnen.

7. Das alles geht flugs wie im Flieger, doch keine Sorge: Es gibt einen Schleudersitz. Wird einem schwindlig im Cyberspace, kommt man mit einem Klick auf «Unpublish» auf festen Boden zurück. Im Unterschied zu all dem, was man in altmodischen Medien wie Briefen, Zeitungen oder Büchern publiziert hat, löst sich nun alles in nichts auf. Es sei denn, jemand hat gespeichert oder gedruckt, was man ins Netz gestellt hat. Zum Beispiel das Foto, auf dem man sich zu dritt in der Badewanne vergnügt, mit dem Nilpferd und der lebensgrossen Gummipuppe von Britney Spears.

Peter Haffner ist Korrespondent des «Tages-Anzeiger-Magazins» in Kalifornien.

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