HÄTTEN SICH ALLE WAHRSAGER Italiens zu gebärden wie die Wahrsager in Dantes Inferno - das Treiben in unseren Strassen wäre noch um einiges chaotischer, und in Städten wie Turin käme der Verkehr wohl endgültig zum Erliegen. Denn Dante Alighieri schickte die Wahrsager kurzerhand in die Hölle, wo sie sich forthin mit nach rückwärts gewandtem Gesicht fortzubewegen hatten.
Nicht nur bei Dante hatte die «Wissenschaft der Zukunft», Astrologie und anverwandte Lehren, stets eine ziemlich schlechte Presse. Im alten Rom, als die Priester noch vor jedem wichtigen Unterfangen die Flugbahnen der Vögel konsultierten, schrieb Marcus Tullius Cicero ein Traktat, besser noch ein Pamphlet - «De divinatione» -, in dem er sich mit einer für ihn ungewöhnlichen Ironie fragte, von welcher Relevanz denn der Flug der Vögel oder die Anordnung von tierischen Eingeweiden für den Lauf der Ereignisse sein könnte. Er wunderte sich darüber, wie es den Wahrsagern gelingen sollte, besser als ein erfahrener Seefahrer das Wetter, verlässlicher als ein Arzt den Verlauf einer Krankheit und genauer als ein General den Ausgang einer Schlacht vorauszusehen. Horaz schliesslich riet dem Leser knapp: «Versuche erst gar nicht zu wissen, was morgen geschehen wird.»
Doch alle Appelle vermochten der verführerischen Kraft der Magie nichts anzuhaben. Die Wahrsagerei überdauerte die Antike, lebte fort im Mittelalter, und jetzt scheint sie eine eigentliche Renaissance zu erleben. Natürlich wird sie heute von den aufgeklärten Geistern erst recht verdammt, und erst recht ist sie heute eine blühende Industrie, die jeder Wirtschaftskrise trotzt. Die Branche boomt. Laut wird für Prophezeiungen und mit dem Schicksal versöhnende Riten geworben. Diskret verschwiegen werden dafür die üppigen Gewinne: Jüngste Ermittlungen der Finanzpolizei haben zu Tage gebracht, dass einige Magier, die am Fernsehen zu später Stunde für ihre Dienste werben, schwindelerregende Beträge - die offiziellen Stellen sprechen von mehreren Milliarden Lire - vor dem Fiskus verschwinden liessen. (Ein Trick, den allerdings auch ganz gewöhnliche Leute beherrschen.)
Blickt man sich nur ein bisschen in den Kleinanzeigen der Zeitungen, in einschlägigen Magazinen und Fernsehsendungen um, erscheinen die Wirkungskreise der zahllosen Magier Italiens schier unendlich. Astrologen, Handleser, Wünschelrutengänger, Hellseher, Parapsychologen, Menschen mit übernatürlichen Kräften, Experten weisser, schwarzer, positiver, negativer, beschwörender, ansteckender Magie bieten für Entgelt ihre Dienste an. Alle wollen sie uns helfen - in der Liebe, im Beruf, bei gesundheitlichen Problemen und erst recht, wenn wir von einem malocchio, einem bösen Blick, getroffen worden sind. Die Magier brüsten sich mit Diplomen und Medaillen angeblicher Akademien oder fiktiver esoterischer Vereinigungen. Da tauchen die Akademie der Medici auf, die Sekte des Pharaos, die Jünger des Tempels Salomons, die Vereinigung von Shiva, dem indischen Gott des Todes und der Wiedergeburt. Neben diesen «Tätigen in der Magie», wie sie sich selbst definieren, gibt es eine Vielzahl von Firmen, die via Postversand magische Accessoires wie Talismane anbieten, aber auch Salben, Pülverchen, Weihrauch, Alraunwurzeln. Es wird geworben für «negative Zaubereien», «Riten des Hasses und der Rache», für «Zaubertrunke der Unterordnung» (auch in Sprayform erhältlich), und allein aus diesen Anzeigen wird deutlich, dass die Aktivitäten dieser Magier die Legalität ritzen oder zumindest in einem gewissen Widerspruch zur gemeinhin üblichen Ethik stehen.
Aber auch seriöse Unternehmen profitieren vom boomenden Geschäft mit der Zukunft: Anfang jeden Jahres veröffentlicht beispielsweise der Verlag Mondadori den Kalender der Astrologin Lucia Alberti: ein an sich harmloses Buch, in dem für die verschiedenen Tierkreiszeichen Voraussagen für das ganze Jahr zu finden sind, Monat für Monat, Tag für Tag. Keiner hat sich bis jetzt die Mühe genommen, am Ende des jeweiligen Jahres die Horoskope der sympathischen Lucia auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Was soll's: Das Publikum ist mit der Prognose schon ganz zufrieden, sie allein löscht bereits seinen Wissensdurst.
Eine Sitzung bei einem Magier kostet in Italien derzeit zwischen 100 000 und 130 000 Lire; das ist etwa gleich viel wie eine Sprechstunde bei einem Arzt. Hat der Kunde den gewünschten Betrag bezahlt, wird er selbstverständlich alles unternehmen, sich gemäss den Ratschlägen seines Magiers zu verhalten. In Wirklichkeit scheint ihn die Droge des Horoskops eher zu betäuben, als dass sie ihn seine Zukunft aktiv gestalten lässt. Wie die Spielfilme im Fernsehen nach einem Happy-End verlangen, so erwartet nämlich auch der Kunde von seinem Magier, dass seine Behandlung einen glücklichen Ausgang nimmt - ansonsten er ganz einfach einen anderen Meister aufsuchen wird, um dort sein Glück zu versuchen.
Dennoch bin ich mir nicht so sicher, ob die Mode der Horoskope ein derart übles Phänomen mit derart unheilvollen politischen Implikationen ist, wie dies beispielsweise Theodor W. Adorno in seiner Untersuchung der Horoskope in der «Los Angeles Times» behauptet. Einigermassen gelassen nehme ich die Horoskope in unseren Zeitungen sowie die Magier mit ihren Kristallkugeln hin, die über unsere Bildschirme flimmern - als flüchtige Erscheinungen des Alltags.
Wem gehört die Zukunft? Die kirchliche Autorität teilt sie ausschliesslich Gott zu. Magier und Magierinnen, die es wagten, dieses Monopol anzutasten, pflegte sie früher hart zu bestrafen, auch mit dem Feuertod. Selbst die Zigeunerinnen, die für ein paar Münzen die Zukunft aus den Händen zu lesen versuchten, wurden von der Kirche verfolgt. Heute ist auch die Zukunft eine Ware geworden, die jedem frei zugänglich ist, und erstaunlich ist dabei allein, dass in einer Zeit, in der alle Zeitungen über neuste Erkenntnisse in der Astrophysik berichten, die Leser dieser Berichte so mir nichts, dir nichts weiterblättern, um sich auf der nächsten Seite die Horoskope zu Gemüte zu führen, in denen auf Grund der Stellung der Sterne die Zukunft des nächsten Tages vorausgesagt wird.
Ein urtümliches, irrationales Gefühl schlummert offensichtlich in jedem von uns. Mit Ironie verteidigen wir die Seele gegen die Wirklichkeit. Und ist es nicht naheliegend, dass die prekäre Situation in Wirtschaft und Politik auf der italienischen Halbinsel Teile der Bevölkerung zur Flucht in den Traum von einer besseren (wenn auch wenig glaubwürdigen) Zukunft verleitet? Ist der Erfolg der extremen Rechten bei den letzten Wahlen nicht auch damit zu erklären, dass die Populisten eine bessere Zukunft versprachen, eine Zukunft, an die das Publikum der Wähler glauben wollte, so wie es den Horoskopen und den Magiern glauben will?
Nun ist das Leben auf der Erdkruste ja in der Tat immer komplizierter geworden, und auch die Nachrichten aus dem All sind alles andere als tröstlich: Ozonloch, Treibhauseffekt, auf die Erde zu rasende Meteoriten, die Verschmutzung der Atmosphäre erschüttern selbst die sonst eher optimistisch gestimmten Italiener. Bleibt die Hoffnung: der Honig der Horoskope, die als eine Art Kurzzeitprognose eine optimistische Anpassung propagieren; der Hexentrunk der in Italien vor allem in Turin und Genua aus dem Boden schiessenden Messias-Sekten, die als eigentliche Langzeit-Katastrophen-Szenarien im Hinblick auf das zu Ende gehende Jahrtausend Angst und Schrecken, metaphysischen Schwindel, Endzeitstimmung verbreiten.
Erst kürzlich endete solcher Taumel auch in Italien tragisch. Weil es angeblich vom Teufel besessen gewesen sei, töteten im Dorf Palmi in Kalabrien Eltern ihr wenige Monate altes Kind. In einem düsteren Ritus der Teufelsaustreibung, bei dem nicht nur die Eltern zugegen waren, sondern auch Tanten, die Grossmutter und andere Verwandte, wurde das Kind misshandelt und schliesslich «als Inkarnation des Satans» getötet. Wie sich später herausstellte, hatte auch hier eine Magierin ihre Finger im Spiel. Für ihre «Beratung», so heisst es, habe eine gewisse Yvette der Familie mehrere Millionen Lire abgeknöpft.
Der Fall von Palmi mag aussergewöhnlich sein, von ungefähr kommt er allerdings nicht. Papst Pius VI. war es, der zur Zeit der Aufklärung den Satan gewissermassen in Umlauf gebracht hatte, und seither wandelt der Gehörnte durch unseren Alltag, nimmt er von Zeit zu Zeit die Gelegenheit wahr, sich in Szene zu setzen. Magier wie Yvette kommen zwar hinter Gitter, aber der Teufel befindet sich weiter auf freiem Fuss. Er hinterlässt seine Spur. Und Exkremente. «Kot des Teufels» wird das Geld in Italien auch genannt, und wir stellen uns vor, was für ein Gestank zum Beispiel über den Banken und Finanzplätzen aufsteigen muss, wo doch eine riesige Menge «Kot des Teufels» lagert.
Keine Frage: Die Dunkelheit der Zukunft mit Prognosen ein wenig zu erhellen ist eine Ursehnsucht der Menschheit, zumal der Bewohner des Mittelmeerraums, wo die grossen Zivilisationen von der ägyptischen bis zur jüdisch-christlichen der Imagination der Zukunft immer grossen Raum gegeben haben. Durch alle Jahrhunderte, von den Propheten der Bibel bis zu den Fernsehmagiern, hat sich daran erstaunlich wenig geändert, und so dürfte in Italien auch im nächsten Jahrtausend, wie gross die Fortschritte in der Wissenschaft auch sein mögen, weiterhin die Zukunft mit der Kristallkugel, dem Kaffeesatz und der Stellung der Sterne im Verhältnis zu den Tierzeichen ergründet werden.
Eine Prognose? In diesem Fall wohl eher Bestimmung.
Luigi Malerba ist Schriftsteller in Rom.