NZZ Folio 04/02 - Thema: Unterwegs   Inhaltsverzeichnis

Das Leben kommt von vorn

Nicht viel ist lustig am Beruf des Chauffeurs. Hiesse es nicht das letzte Abenteuer unserer Gesellschaft zu bestehen: die Strasse.

Von Philipp Probst

Nach 15 Jahren im Journalismus ist der Wechsel vom Wortverkehr in den Strassenverkehr ein anstrengender. Vom Beobachter und Frager zum Büezer und Chrampfer. Ein bisschen ist es auch ein Umstieg vom hohen Ross in eine mit Pferdestärken vollgestopfte Maschine, die es zu steuern gilt, durch dieses Chaos, so mitten im Leben. Es ist ein Weg zu sich selbst, denn Fahren und Unterwegssein ist nicht tumb und hirntötend, im Gegenteil, Gefühle und Gedanken werden befreit.

Zwar sind die Gesetze, die die Politiker für den Verkehr stets neu ausdenken, engmaschig, manchmal unlogisch, manchmal nervig, oft aber richtig wichtig. Doch die Gesetze können mich nie beherrschen, nie! Selbst ein Stau ist nicht einfach ein Nichtvorwärtskommen. Ich bin zum Nichtstun gezwungen, ich bin legitimiert, darüber zu fluchen oder mich zu langweilen oder eben mich mit mir und meinen Problemen auseinanderzusetzen, ich kann ja nichts anderes tun. Vor allem: Ich muss nichts anderes tun, ich bin ja unterwegs.

Im Strassenverkehr herrsche ich über mich, über mein Fahrzeug, ich hab’s im Griff, ich hab alles im Griff, denn ich bin frei. Ich könnte ja auch anders. Dann würde ich gegen Gesetze verstossen. Sofern ich mich dabei nicht erwischen lasse, könnte es zwar eine Genugtuung sein. Aber ich würde vielleicht mich oder andere gefährden. Nein, die Kunst dieser Freiheit im Strassenverkehr ist es, das alles nicht zu tun. Fahren und durch die Windschutzscheibe starren.

«Das Leben kommt von vorn», singt Herbert Grönemeyer.

So fahre ich mit meinem Lastwagen stundenlang auf irgendeiner Autobahn. Alles ist gut. Die Last des Jobs habe ich hinter mir. 40 Tonnen Gesamtgewicht mit Zugfahrzeug und Anhänger, Vollgas bei 89 km/h, wenig Verkehr. Der Körper wird ganz ruhig. Jetzt beginnt die Kopfarbeit.

Ich denke. Ich beginne damit, auszurechnen, wann ich mit meiner Ladung am Fahrziel ankomme. Dann überlege ich vielleicht, ob ich in dieser oder jener Raststätte eine Pause einlegen soll. Dies unter Berücksichtigung mehrerer Faktoren: Wann wäre der geeignete Zeitpunkt für eine Pause? Das heisst: Wann spätestens wird es mir durch die Arbeits- und Ruhezeitverordnung vorgeschrieben? Dann: Wo will ich rasten? Welche Raststätte ist gut? Da gibt es doch diese wunderbaren Nussgipfel, genau, das gönn ich mir.

Ich denke weiter. Ich denke darüber nach, weshalb meine Ladung so dringend benötigt wird. Oder war der Druck meines Disponenten erfunden, bloss um mich anzutreiben? Am Telefon hat er gesagt, dass die Firma bereits auf die Ware wartet. Klar, wie immer. Wenn ich dann da bin, interessiert sich kein Mensch mehr dafür. Ich denke, irgendwer macht immer Stress. Termine sind dazu da, eingehalten zu werden. Ich denke, wenn ich zu spät komme, dann bekommt mein Disponent einen Anpfiff, ja, und dann wird sofort gedroht, denn irgendeine andere Spedition fährt sicher schneller und billiger, und schliesslich zieht die Wirtschaft diese Schraube immer fester an. Da wundern sich dann die Politiker, dass dieser Schwerverkehr immer mehr wird, dabei sind doch alle längst am Anschlag, aber es geht noch immer ein bisschen mehr. Wie lange noch?

Diese Müdigkeit jetzt. Fenster auf, zur Musik aus dem Radio mitsingen!

«Bleifoss de Leitplank lang», singt Wolfgang Niedecken von BAP.

Musik hält auch nicht ewig wach. Ich zappe vom Musiksender auf einen Nachrichtensender. Das Geplapper weckt. Gut sind auch Hörspiele oder Hörkassetten. Oder ein Selbstgespräch. Tanken bringt Abwechslung. 320 Liter Diesel. Schnell einen Kaffee, und weiter.

Die Gänge durchschalten, zurück auf die Bahn. Das Radio mache ich aus, lausche auf das Brummen des Motors. Ich schaue auf die weissen Striche am Boden, zähle: Wie viele Striche sind es pro Kilometer? Dann spiele ich «Kilometerschätzen»: Wenn ich es schaffe, nach genau 1000 Metern auf den Kilometerzähler im Tachograph zu schauen, habe ich gewonnen. Dann nach zwei Kilometern, nach drei, vier und so weiter.

Es ist diese Einsamkeit des Fernfahrers.

Aber auch die Kurz- und Mittelstrecken haben es in sich. Dabei handelt es sich meist um Sammel- und Stückgutladungen. Das ist nichts anderes als ein Postenlauf mit dem Lkw. Interessant ist, dass man viel manövrieren muss, ob mit Solo-, Anhängerzug oder Sattelschlepper, es ist auch für den Profi jedes Mal ein Kick. Doch der wirkliche Kick ist: Ich komme zwar immer irgendwo an. Aber ich kann sofort wieder weg. Weg!

«Uf u drvo», singt Gölä.

Morgens halb zehn in der Schweiz. Da wird pausiert. Jetzt bloss nicht stürmen! Wenn der Büezer Pause macht, macht er Pause, das hat er sich verdient. Ich parkiere an der Rampe. Dann gehe auch ich in den Aufenthaltsraum und schnappe mir einen Automatenkaffee. Als Trucker weiss man Bescheid: Automat ist nicht gleich Automat, es kommt ganz auf das Gerät und auf die Einstellung an. Unsagbar, was gewisse Firmenbosse ihren Arbeitern zumuten, trostlosen Kaffee zur trostlosen Arbeit. Entsprechend sind die Mienen der Menschen, die hier lustlos an ihren Bechern nippen oder an ihren Broten herumkauen. Keiner spricht ein Wort. Ich bin der glücklichste Büezer. Spätestens wenn ich hier meine drei Paletten abgeladen habe, kann ich weg. Ich bin frei!

Als Chauffeur ist man Dienstleister. Da heisst es schon mal Pakete schleppen. Kein Problem. Die mitleidigen Blicke der Bürodamen und -herren stören mich nicht, wenn ich schwitzend und keuchend mit meiner Kiste auf dem Spannteppich stehe. O. k., ich geb’s zu, ich fühle mich sogar cool. Ich muss mich keine Sekunde länger in diesem Büro langweilen, muss nicht auf den Feierabend warten, damit ich mich in mein Auto setzen und wenigstens für ein paar Minuten die Freiheit geniessen kann, den Luxus, allein zu sein, in der Nase zu bohren, zu weinen, zu lachen, niemandem irgendetwas vorzumachen, am wenigsten mir selber, Entscheidungen zu fällen, Ideen und Träume zu haben, einfach zu fahren, unterwegs zu sein.

Immer weiter.

Philipp Probst war politischer Redaktor bei der «Schweizer Illustrierten», heute ist er Lastwagenchauffeur. Er lebt in Rapperswil BE.

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