NZZ Folio 09/99 - Thema: Das Telefon   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Wo Duftkerzen duften und Springbrunnen springen

Von Joni Müller

DASS SIE IHREN NAMEN ziemlich direkt vom kirchlichen Hochamt entliehen haben, merkt man den Messen kaum mehr an. Und gerade heilig sind die Hallen auch nicht, in welchen vom Zimmerspringbrunnen bis zum Stützstrumpf das Schönste und Beste gezeigt wird. Die Rede ist nicht etwa von elitären Fachmessen für Eingeweihte, sondern von den egalitären Ausstellungen für das gemeine Volk und seine Rentner.

Hier gibt es alles, was des Konsumenten Herz erfreut, aber kaum mehr etwas umsonst. Wurden vor Jahren noch so viele Gratismüsterchen und kleine Geschenke unters Publikum gestreut, dass der Eintrittspreis locker wieder eingespielt werden konnte, herrscht heute der Geiz. Wurde man damals noch en passant mit allerhand Tand und Kalorien eingedeckt, so bekommt heute höchstens noch ein Salznüsschen, wer sich auf ein Gespräch über Garagentore oder Ginseng einlässt.

Trotzdem erfreuen sich die kapitalistischen Messen immer noch eines weitaus grösseren Zustroms als die katholischen. Was genau es ist, das Tausende an zahllosen Ständen mit Duftkerzen und Bratpfannen vorbeidefilieren lässt, ist schwer zu sagen. Sind die Herbstmessen eine Art Erntedankfest, an welchem des reichen Segens des freien Marktes gedacht und gehuldigt wird? Oder sind sie nur rarer Fixpunkt im eintönig gewordenen Jahreslauf, dem die Spargel- genauso wie die Fastenzeit abhanden gekommen ist?

Einen guten Grund jedenfalls gibt es nach wie vor, keine Messe zu verpassen: die Marktschreier, die mit Witz, Eloquenz und Mikrophon ihre Gemüsehobel, Saftpressen und Fleckenmittel anpreisen. Hinter Bergen von kunstvoll gehäckselter Rohkost hervor referieren sie über rohe Rüebli und Viagra, neben Haufen von beschmutzter Wäsche spannen sie kühne Bogen von der unbefleckten Empfängnis über Monica Lewinsky bis zur Schwiegermutter als solcher. Als Epigonen der fahrenden Händler und Quacksalber des Mittelalters tradieren sie die alte rhetorische Kunst des anzüglichen Messeverkaufs und erhalten sie künftigen Generationen. Weshalb man mit dem Kauf ihrer Waren nicht nur den eigenen Haushalt, sondern zugleich die kulturelle Vielfalt fördert.


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