NZZ Folio 05/97 - Thema: Jugendkultur   Inhaltsverzeichnis

Entkorkt -- Labsal für die Nase - fünfzigmal Château Margaux

Von Philipp Schwander

DIE GELEGENHEIT, gleich fünfzig verschiedene Jahrgänge des Premier cru Château Margaux zu verkosten, zählt selbst für verwöhnte Nasen zu den ganz besonderen Sternstunden des Weingenusses. Schliesslich werden die auf dem Empire-Schloss des frühen 19. Jahrhunderts gekelterten Weine von den Chronisten seit gut 200 Jahren übereinstimmend als überaus delikat und wohlriechend im Bouquet beschrieben. Zwar wird ein Margaux nie mit der Wucht eines Latour oder mit der Fleischigkeit eines Pétrus konkurrenzieren wollen, unübertroffen ist er jedoch in seiner sublimen Auffächerung verschiedenster Aromen.

Der degustatorische Streifzug durch das Jahrhundert, zu dem der Sammler W. geladen hatte, offenbarte aber auch unterschiedliche Ausprägungen des typischen Stils dieses Schlosses: eher fett und kraftvoll zeigten sich die Weine der vierziger Jahre, eher asketisch die der fünfziger, ziemlich glanzlos diejenigen der siebziger. Konzentriert und kraftvoll dafür wieder die Gewächse der achtziger Jahre.

Der älteste Wein der Serie war gleich für eine besonders erfreuliche Überraschung besorgt: der Methusalem aus dem letzten Jahrhundert, ein 1892er, verströmte nach längerer Öffnungszeit ein wahrhaftig subtiles Aroma. Immer noch bemerkenswert rüstig präsentierten sich ebenfalls einige Jahrgänge nach dem Ersten Weltkrieg. Noch sehr viel Stoff hatte der 21er, während der berühmte 24er mit einer pikanten Säure und viel Finesse auffiel. In diesem Jahr war die gesamte Ernte erstmals auf dem Château abgefüllt worden, um eine nachträgliche Verfälschung des Weines auszuschliessen, eine Praxis, die aus wirtschaftlichen Gründen erst wieder in den fünfziger Jahren fortgeführt werden konnte.

Der üppige, in der Nase beinahe caramelartige 29er bezeugte die hervorragenden klimatischen Bedingungen dieses heissen, herrlichen Jahres. Die Weine der dreissiger Jahre dagegen entsprachen ziemlich genau der wirtschaftlich schlechten Lage und der geringen Nachfrage nach hochwertigen Weinen in diesem Dezennium. Monumental wiederum der legendäre 45er; ein immer noch höchst konzentrierter Wein mit einem strengen Gerbstoffgerüst.

Der Margaux 1947 reflektierte mit seiner Substanz und einer fetten Geschmeidigkeit die Hitze jenes Jahres. Ausgezeichnet in den fünfziger Jahren der 53er, der in dieser Degustation allerdings von einem eleganten, wohlproportionierten 55er überflügelt wurde. Die sechziger Jahre waren dann teilweise bereits von den finanziellen Problemen der damaligen Besitzerfamilie und von widrigen klimatischen Bedingungen (1963, 1965, 1968 und 1969) überschattet. Dennoch bildete die Magnum aus dem Jahre 1961 einen Höhepunkt der Verkostung: verführerisches, reich aufblühendes, ätherisches Bouquet; am Gaumen eine süsse, burgunderhafte Geschmeidigkeit.

Die siebziger Jahre brachten dem Schloss den Besitzerwechsel zur Familie Mentzelopoulos, welche die Renaissance von Margaux mit viel Engagement vorantrieb. Der grandiose 82er und nach ihm der vermutlich noch bessere, aber zurzeit noch strenge 83er markierten schliesslich die Wende. Wie Paul Pontallier, der Direktor von Château Margaux, anlässlich der Degustation sagte, ermöglichte die überaus grosse Nachfrage eine strengere Selektion. Beim 95er zum Beispiel habe man lediglich die Hälfte der Ernte für den «grand vin» verwendet, während noch Ende der siebziger Jahre nur gerade ein Fünftel der Produktion ausgesondert worden sei.

Als besonders wuchtiger Wein, eigentlich eher untypisch für Margaux, erwies sich der 86er. Und interessant wird es sein, die Entwicklung des 89ers und des 90ers zu verfolgen, beides ganz grosse Jahre, von denen sich derzeit der meistens etwas geringer eingestufte 89er vorteilhafter zeigt. Den Querschnitt beendete der noch vom neuen Eichenholz geprägte 93er, ein quicker Jüngling, der aufzeigte, welche Spannweite von Entwicklungsstufen ein erstklassiger Wein durchlaufen kann.


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