NZZ Folio 12/96 - Thema: Wunder   Inhaltsverzeichnis

Wunderblock -- Feminismus mit allen Wassern gewaschen

Von Ursula von Arx

«KENNST DU ANGLERFISCHE?» fragte mich die Biologin. «Sie sind der totale Feminismus.»

«Anglerfische?» fragte ich, «klingt eher nach dem totalen Paradox.»

«Paradox nicht. Aber es sind schon sehr erstaunliche Viecher», sagte die Biologin. «Tiefseefische. Sie leben 4000 Meter unter der Meeresoberfläche, in totaler Dunkelheit. Diese Fische haben Leuchtpunkte am Körper und am Gebiss. Und der Anglerfisch hat zusätzlich noch ein ausklappbares Gebiss, mit dem er Fische von fast seiner eigenen Grösse ratzputz schlucken kann, und er hat einen Leuchtbart am Kinn. Diesen halten fremde Fische für eine sehr kleine Beute und zack! schon landen sie im Maul des Anglerfischs.»

«Und warum ist dieses raffinierte Monstrum der totale Feminismus?»

«Ganz einfach: Jahrzehntelang kannte die Wissenschaft nur weibliche Exemplare, dann entdeckte man einen kleinen Auswuchs am Darmausgang. Es waren die fingerkuppengrossen Männchen, die lebenslänglich am Darmausgang festgewachsen sind und sich von den Ausscheidungen ernähren. Sie dienen den Weibchen als ständige Samenreserve . . .»

«Pfui!» sagte ich, «wie erniedrigend!»

«Wirklich erniedrigend!» sagte die Biologin und grinste den Psychologiestudenten vom Nebentisch an. Er war blond und las «Wenn Frauen zu sehr lieben».


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