NZZ Folio 06/03 - Thema: Düfte   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Von der Lust, das Unmessbare zu messen

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Von Wolf Schneider

DA GLAUBTE MAN NUN, das Schlagwort der siebziger Jahre von der «Lebensqualität» sei sanft entschlafen (und nachtrauern müsse man ihm nicht) – schon reckt es das Köpfchen und hebt Zürich an die Spitze aller Städte der Welt, vor Genf, Wien und Vancouver in Kanada. Wie schön! Nur bedingt zwar für die Zürcher, denn die wurden nicht gefragt; es waren in Zürich ansässige ausländische Manager und Diplomaten, die ihre Zufriedenheit mit der örtlichen Lebensqualität bekundeten. Wen man fragt, was man fragt und wie man misst: Darauf kommt eben alles an.

Hätte man sich zum Beispiel um 1900 bei holländischen Kolonialoffizieren in Niederländisch-Indien erkundigt: Sie hätten geschwärmt von ihrer Lebensqualität. Oder bei englischen Lords mit ihren drei Schlössern, dreissig edlen Pferden und dreihundert billigen, willigen Lakaien! Eine Gruppe kann man immer fragen, eine privilegierte zumal. Der Unfug beginnt erst dort, wo man aus allen Bewohnern eines Landes den Durchschnitt ziehen und dann die Völker der Welt miteinander vergleichen will.

Denn wonach fragt man die Leute? Zuerst nach ihrer Zufriedenheit im Beruf, in der Freizeit und mit dem Leben überhaupt. Doch da tut sich schon der erste Abgrund auf: US-Bürger sind glücklicher als Deutsche, haben sie in vielen Umfragen kundgetan. Nur dass sich darin vermutlich weniger ein Lebensgefühl äussert als vielmehr ein sozialer Druck: Ein Amerikaner hat glücklich zu sein, ein Deutscher muss seinen Weltschmerz pflegen.

Das Fragen also bringt die Statistiker nicht weiter; deshalb messen sie lieber. Da haben sich seit 1961 etliche Uno-Organisationen und Dutzende von sozialwissenschaftlichen Instituten eine Liste von sogenannten Sozialindikatoren ausgedacht, mal 30, mal 500: für die wohlsituierten Ausländer in Zürich beispielsweise die politische Stabilität, die öffentliche Sicherheit, die Finanzdienstleistungen, die Restaurants. Wie hoch die Mieten und wie teuer die Lebensmittel sind, spielt da in der Tat kaum eine Rolle.

Nehmen die Statistiker wohlgemut ganze Staaten ins Visier, dann machen sie es so: Positiv bewerten sie die Zahl der Badezimmer, der Studenten, der Waschmaschinen, der Altersheime, der Krankenhausbetten, ja der Hallenbäder auf 1000 Einwohner, auch die Länge des Jahresurlaubs und die anteilige Fläche an Grünanlagen. Davon abgezogen wird die Anzahl der Morde, der Selbstmorde, der Analphabeten, die Scheidungsrate und die Säuglingssterblichkeit – mit dem Ergebnis, dass mal Kanada, mal Holland oder Schweden aufs Podest gehoben wurde.

Gut, gut, nur: Wie gewichtet man die Studenten im Verhältnis zu den Waschmaschinen und die Grünanlagen zu den Kapitalverbrechen? Und welchen Wert haben jene Indikatoren, die einander ohrfeigen – wie die schöne Zahl vieler Autos und die traurige Zahl vieler Verkehrstoter? Und sprechen viele Altersheime für Kultur – oder für den Zerfall der Familie, die für die Alten nicht mehr sorgen will? Und sind viele Kindergärten ein Signal für Kinderfreundlichkeit – oder dafür, dass viele Mütter keine Zeit oder Lust mehr haben, sich um ihre Kinder zu kümmern? Und je billiger ich einkaufen kann – habe ich nicht desto mehr Lieferanten zu brutaler Rationalisierung gezwungen und desto mehr Hühner in die Massenkäfige? Überhaupt die Tiere: Warum ist bei der Debatte über die Qualität des Lebens von ihnen kaum je die Rede? Leben sie nicht?

Es ist eben meistens so, dass die Lebensqualität der einen auf Kosten der anderen geht, und das nicht nur bei Dienstboten und Masthähnchen. Eine Krankenschwester stiftet umso mehr Segen, je weniger sie von ihren privaten Ansprüchen auf Freizeit und Selbstbestimmung Gebrauch macht. Wenn ich nachts um drei einen Handwerker finde, der mir unverzüglich einen Wasserrohrbruch repariert, so wird seine Lebensqualität um ebenso viel gesunken sein, wie die meine steigt. «Die Leistung des einen ist die Lebensqualität des andern», sagte 1973 Erhard Eppler, langjähriger Vordenker der deutschen Sozialdemokraten, in selbstquälerischer Ehrlichkeit – denn es war seine SPD, die aus dem Schlagwort einen Wahlkampfslogan gemacht hatte. Chancengleichheit verstand sie darunter, Arbeitszeitverkürzung und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen; Wirtschaftswachstum sei nicht alles. Woraufhin die CSU die Lebensqualität als «Tarnwort für Sozialismus» attackierte.

Politisch könnte man sich vielleicht darauf einigen, dass es für alle Menschen ein paar schlechthin erstrebenswerte Dinge gibt: Freiheit von Not, Freiheit von Unterdrückung, sauberes Wasser, gute Luft – diese freilich unbedingt verschlechtert durch Auto- und Industrieabgase, denn Autos sind schliesslich ein positiver Sozialindikator, und auch Waschmaschinen wollen zunächst produziert sein. Aber unverdrossen wird gemessen; obwohl die Lust daran offensichtlich grösser ist als die Eignung der irdischen Verhältnisse, sich messen zu lassen.

Nicht einmal der schlichte Begriff «Gesundheit» bietet ja ein brauchbares Indiz für Lebensqualität: Denn wer definiert sie – jeder selbst vielleicht? Um Gottes willen!, rufen unsere emsigen Ärzte. So ist Gesundheit das nächste grosse Wort, das hier einer Autopsie unterzogen werden soll.




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