Udo Pollmer ist Lebensmittelchemiker, Unternehmensberater und Leiter des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften in Hochheim (D). 1982 erschien von ihm (zusammen mit Eva Kapfelsberger) das Buch «Iss und stirb» über Chemie in unserer Nahrung. 1994 verfasste er mit Andrea Fock, Ulrike Gonder und Karin Haug den Bestseller «Prost Mahlzeit - Krank durch gesunde Ernährung» (Kiepenheuer & Witsch), das ultimative Aufklärungsbuch über die mitunter unerwarteten und unliebsamen Folgen von Rohkostgelagen, Diätkuren und sonstigen halbgaren Ideologien, die nur allzu leicht auf den Magen schlagen. Nun ist von ihm und seinen drei Mitautorinnen der Band «Liebe geht durch die Nase» (ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch) erschienen, der über den Tellerrand hinaus spöttisch auf allgemeine menschliche Verhaltensweisen und ihre biologische Verankerung blickt. An Beispielen wie unserem Paarungsverhalten, das durch sexuelle Duftstoffe und ein kleines Organ in der Nase gelenkt wird, will Pollmer klarmachen, dass uns die zeitgenössische Psychologie mit ihren Erklärungsmodellen oft buchstäblich an der Nase herumführt.
Das Gespräch mit Udo Pollmer führte Gerald Schmickl.
Herr Pollmer, ist Psychologie nach Ihren Erkenntnissen heute überflüssig?
Überflüssig nicht gerade, aber sie hat sich in vielen Bereichen auf ein allzu spekulatives Terrain gewagt, wo ihr wirkliche Erkenntnisse fehlen. Die Psychologie ist jetzt von der Biologie eingeholt worden, von der nun jene Erklärungen kommen, auf die man lange Zeit gewartet hat.
Heisst das, dass wir biologisch wesentlich programmierter und determinierter sind, als uns das Sozialwissenschafter und Verhaltenstherapeuten die letzten Jahrzehnte weismachen wollten?
Die Sozialwissenschafter haben sich oft auf Theorien und Modelle versteift, die in der Praxis nicht funktioniert haben. Nehmen wir nur Beziehungsprobleme: da analysiert man menschliches Verhalten und sucht die Ursachen meist in Fehlern der Vergangenheit. Nun hat sich herausgestellt, dass es noch ganz andere Regulationsmechanismen gibt. Die meisten Menschen kennen das ja: Man begegnet einem potentiellen Partner, der von seinem Aussehen und auch seinen Neigungen her ideal zu einem passen müsste - und trotzdem läuft nichts. Auf der anderen Seite schleppt ein Freund einen Partner an, bei dem man sagt: Um Gottes Willen, wie konnten die beiden nur aufeinander hereinfallen - und trotzdem funktioniert's.
Was sind demnach die biologischen Kriterien für Partnerwahl?
Biologisch betrachtet dient die Partnerschaft der Zeugung von Nachwuchs. Man hat lange gerätselt, wie die Natur auf die blöde Idee mit dem Sex gekommen ist. Wenn man bedenkt, welcher Aufwand da getrieben wird - im Grunde für zehn Minuten. Nun hat die Biologie herausgefunden, dass Sex einen unprosaischen Zweck verfolgt: er dient, biologisch betrachtet, gewissermassen als Wurmkur.
Eine Vorstellung, die kaum Liebesromantik aufkommen lässt . . .
Die Romantik kann bleiben, aber die Theorie kriegt endlich wieder Boden unter den Füssen - und zwar so, dass sie den Menschen hilft, ihr Verhalten zu verstehen. Die Frage ist doch: warum verlieben wir uns immer in den Falschen?
Und die Biologie kann uns das beantworten?
Im Grunde ist es eine uralte Erkenntnis, die man vor wenigen Jahren wiederentdeckt hat. Nicht nur Tiere orientieren sich über Pheromone, bestimmte Duftstoffe, die der Körper ausscheidet, sondern auch Menschen. Allerdings gibt es bei uns einen Unterschied zu Hund und Katz: wir können diese Duftstoffe nicht bewusst wahrnehmen. Die Information wird von einem kleinen Organ, dem Vomero-Nasalorgan in unserer Nase, am Bewusstsein vorbei direkt in das limbische System geleitet, also in jenen Bereich des Gehirns, der sehr alt ist und in dem Affekte und Emotionen sitzen.
Auf diese Weise kommt das Unbewusste aus den psychologischen Konzepten also doch noch zur Ehre der biologischen Erklärung.
Ja, aber man hat nun ein brauchbareres Modell als die Psychoanalyse, die damit sogar in ihrem Grundprinzip eines affektgesteuerten Trieblebens bestätigt wird, aber dieses funktioniert pfiffiger, als sie sich das vorgestellt hat. Bei den Pheromonen beispielsweise reicht eine minimale Menge, um uns zu beeinflussen, nicht nur sexuell, sondern in unserem gesamten sozialen Verhalten. Es ist hier eine biologische Kraft am Werk, die ihre Ziele verfolgt. Und diese Ziele können ganz andere sein, als unser Verstand sie haben möchte. Eines der Ziele, ja das Hauptziel, ist die Gesundheit eines entstehenden Kindes.
Und dieses Ziel lässt sich gewissermassen erschnuppern?
Ja, weil wir mit dem Vomero-Nasalorgan den Immunstatus eines anderen Menschen erschnuppern können, unbewusst, wie gesagt. Das Immunsystem dient ja dazu, uns im Kampf gegen Parasiten und andere Erreger zu unterstützen, auch wenn das in unseren hygienischen Breiten heute nicht mehr ganz so wichtig erscheint wie etwa in Ländern der Dritten Welt. Um gegenüber Parasiten einen Wettbewerbsvorteil zu haben, muss das menschliche Immunsystem ständig überholt und neu ausstaffiert werden, damit die «Würmer», die Krankheitserreger, etwas zu knacken haben. Das ist der biologische Grund für Sex!
Der ideale Partner wäre demnach derjenige mit einem Immunsystem, das sich vom eigenen möglichst stark unterscheidet?
Ganz genau, es kommt darauf an, dass die Immunsysteme optimal gemischt werden. Das Ziel ist, innerhalb einer Population viele unterschiedliche Immuneigenschaften miteinander zu kombinieren. Daher entwickeln wir an einem Menschen mit einem ähnlichen Immunsystem kein besonderes sexuelles Interesse, auch wenn er uns sonst noch so sehr zu Gesicht und Verstand stehen mag. Dafür werden andere mit einem unterschiedlichen Immunsystem plötzlich attraktiv. Oft wundern wir uns doch: eigentlich ist gar nichts dran an der Frau oder dem Mann - und doch haben die das bestimmte Etwas, das uns anmacht. Diese Anziehung basiert vorwiegend auf diesen nicht bewusst riechbaren «Duftstoffen». Das ist im wesentlichen der Grund, warum es oft mit jemandem, mit dem wir uns gut verstehen, im Bett nicht läuft. Auch zu Fruchtbarkeitsproblemen kann es kommen . . .
Sie bezeichnen die Antibabypille als Liebestöter.
Die Pille hat einen enormen Einfluss auf Beziehungsprobleme. Nimmt eine Frau die Pille, wird ihrem Körper eine Schwangerschaft vorgetäuscht. Die Hormone beeinflussen auch die Nase, denn die Pille kann die Vorlieben der Frau in Richtung familienähnliche Düfte verändern. Während Frauen, die die Pille nicht nehmen, sich eher zu einem Partner mit unähnlichem Immunstatus hingezogen fühlen, mögen Pillenverwenderinnen lieber Männer riechen, deren Körpergeruch ihrem eigenen ähnelt. Möglichst verwandte Pheromon-Cocktails werden bevorzugt. Eine Frau, die die Pille nimmt, verliebt sich häufiger in einen Partner mit ähnlichem Immunstatus. Das Glück ist zunächst gross, und man wünscht sich ein Kind. Die Pille wird abgesetzt - und es klappt einfach nicht, die Frau wird nicht schwanger. Je ähnlicher die Immunsysteme der Partner, desto geringer die Chance auf ein Kind, weil der Körper der Frau merkt, dass das Kind mit dieser Genausstattung im Kampf gegen Krankheiten und Parasiten Nachteile hat.
Dann wäre es ja gescheiter, wenn Paartherapeuten Pheromontests durchführten statt Rollenspiele.
Im Prinzip ja, auch wenn die Pheromone nicht der einzige Grund dafür sein müssen, dass es nicht klappt. Aber es ist eine wesentliche Grösse - und deren Kenntnis könnte manchmal Probleme ersparen helfen. Sonst wird den Leuten in der Beratung ja nur gesagt, dass sie aufeinander zugehen mögen. Ach, das haben sie vorher auch schon gewusst. Es wird nur am Verhalten herumgebastelt - und Schuld gesucht. Darin sind wir ja überhaupt Weltmeister: im Schuldsuchen - und -verteilen.
Nun ist halt die Antibabypille schuld . . .
Nicht schuld, aber jedenfalls massiv beteiligt. Es kann ja auch so sein, dass sich zwei kennenlernen und dann nimmt die Frau die Pille - und plötzlich erlahmt ihr Interesse an dem Mann. Oder umgekehrt: sie hat ihn kennengelernt, als sie die Pille genommen hat, setzt sie ab - und auf einmal kann sie den Kerl buchstäblich nicht mehr riechen. Das muss alles nicht zwangsläufig eintreten, aber solche Mechanismen spielen einfach auch eine Rolle.
Welche Rolle spielen denn Parfums oder Duftwässerchen? Führen sie uns ebenfalls an der Nase herum, indem sie falsche Geruchsspuren legen?
Bei den Parfums glaube ich das nicht, einfach deshalb, weil das Stoffe sind, die wir ja riechen sollen. Die setzt man ganz bewusst zur Balz ein und zur Übertünchung von Gerüchen, von denen man uns beigebracht hat, dass sie unangenehm seien. So wird uns ja schon als Kleinkind aus hygienischen Gründen ein Ekel vor Fäkalgerüchen anerzogen, obwohl sich Kinder durchaus für ihre eigenen Produkte interessieren. Bei den Parfums kommen übrigens die Fäkalgerüche wieder zu Ehren, denn Moschus beispielsweise wird aus den Analdrüsen des Moschustieres, einer asiatischen Hirschart, gewonnen. Erst stark verdünnt, verleiht es den Parfums eine warme Note. Was die gängigen Parfums so beliebt macht, liesse sich daher auf die saloppe Formel bringen: Fäkalien für die Seele, Blütenduft für den Verstand.
Das wäre wohl kein sehr erfolgreicher Werbeslogan.
Das nicht, aber die Hersteller wissen natürlich von den Zusammenhängen, also dass diese Geruchsimpressionen, die wir unbewusst wahrnehmen, eine ganz entscheidende Rolle spielen. Das weiss man übrigens auch von Patienten, bei denen die Schranke zum Unbewussten überwunden ist, die also einen bewussten Zugang zu ihrem Vomero-Nasalorgan haben.
Da gibt es ja den bekannten Fall des amerikanischen Neurophysiologen Oliver Sacks, dessen Freund plötzlich wie ein Hund alle Geruchsdetails erschnüffeln konnte.
Ganz genau. Es gibt Menschen, die haben auf Grund von Krankheiten oder von Drogenkonsum auf einmal den Zugang zu diesen komplexen Pheromonwelten. Die gehen an einem Zimmer vorbei, in dem zehn Menschen sind, und können, ohne einen von ihnen gesehen oder gehört zu haben, allein auf Grund der verschiedenen Duftnoten detaillierte Angaben über sie machen. Diese «Duftgesichter» sind viel einprägsamer als das, was man mit den Augen sehen kann.
Patrick Süskind hat in seinem Erfolgsroman «Das Parfum» mit dem Helden Grenouille einen fiktiven Grossmeister im Erkennen solcher Duftgesichter geschaffen.
Richtig. Dieser Grenouille hat, von der Fiktion ins Biologische übersetzt, den bewussten Zugang zu seinem Vomero-Nasalorgan, den wir Menschen sonst nicht haben. Dass wir diesen Zugang verloren und somit eine sinnliche Erfahrung weniger haben als Hund und Katz, ist allerdings eine wesentliche Voraussetzung für unsere Evolution gewesen, damit wir überhaupt kulturelle Leistungen erbringen können. Stellen Sie sich vor, wir Menschen hätten die Möglichkeit, mit einem einzigen Schnuppern festzustellen, in welchem psychischen Zustand sich unser Gegenüber befindet, ob er sexuell interessiert ist oder nicht usw. Das stelle man sich einmal in einem Theater, einem Grossraumbüro oder in der U-Bahn vor. Ich glaube nicht, dass wir Menschen noch dazu kämen, irgendeiner sinnvollen Arbeit nachzugehen.