«EIGENTLICH HABE ICH seit 1973 ein eigenes kleines Haus nebenan mit einem Atelier für meinen Webstuhl. Aber seit 1986, als meine Mutter starb, bin ich mehr hier als dort. Eigentlich schon vorher. Oft sagte die Mutter: Spar dir doch den Heimweg und iss noch mit uns. Und obwohl der Heimweg nur zehn Meter gewesen wäre, schlief ich auch gleich hier. Mit der Zeit war ich, das einzige Kind ohne eigene Familie, dann immer mehr in die Betreuung des Vaters eingespannt und fand zum Weben nicht mehr die zusammenhängende Zeit, die man für eine grössere Arbeit braucht. Mein Vater war zeit seines Lebens halt auch ein wenig patriarchalisch, und es ist ihm immer alles abgenommen worden, erst von der Mutter, dann von uns beiden, und je länger, je mehr von mir. Der Bildhauer Otto Müller hat, als er einmal hier zu Besuch war, unter der Tür im Gehen gesagt: So wie der Gehr möchte ich es auch haben.
Auch jetzt, da der Vater tot ist, bin ich noch für ihn tätig. Im Moment ist zwar gerade etwas Ruhe, aber bis vor kurzem hatte ich für die Ausstellung seiner Arbeiten in Lissabon zu tun und dann für die laufende in St. Gallen. Da habe ich die Auswahl der Werke mitbestimmt, Dias herausgesucht, Texte gegengelesen. Ich mache das alles natürlich sehr gern, und ich tue es gern hier an diesem Tisch, es ist ein inspirierender Ort. Ich erledige unterdessen auch meine eigene Korrespondenz am Tisch meines Vaters. Nicht aus Sentimentalität, es hat einfach eine gute Atmosphäre hier. Es ist ein guter Ort. Ich habe gemerkt, dass man nicht überall gleich gut schreiben und sich gleich gut konzentrieren kann.
Rauchen Sie ruhig! Ich rauche auch, es stimuliert mich einfach, und ich habe auch noch gar nie aufzuhören versucht. Ich bin gern allein, aber manchmal kompensiere ich damit vielleicht schon den Mangel an Gesellschaft. Dieses Atelier ist gut eingeraucht, der Vater hat alles geraucht, zuerst Zigaretten, dann Stumpen und später vor allem Pfeife. Mit der Zeit hat die Pfeife einfach zu ihm gehört. Er legte sie immer erst dann weg, wenn es ernst galt, wenn er ins Studium für seine Bilder ging. Und beim Malen selbst hatte er natürlich die Hände dazu nicht frei. Wenn er im Garten aquarellierte, konnte man ihn von hier aus schön beobachten. Wenn er sich eine Pfeife anzündete, wusste man: jetzt ist das Bild abgeschlossen.
Der Vater hat immer mehr studiert als gemalt. Die geistige Arbeit für ein grosses Bild dauerte wochenlang. Er hat alles im Kopf vorbereitet, die Form, die Farbe, alles. Gemalt hat er das Bild dann in drei Tagen. Wenn er aquarellierte, ging er am Morgen in den Garten und suchte sich ein Sujet aus, stand dann die längste Zeit wie eine Katze vor dem Mausloch vor einer Blume, da konnte lange jemand Grüezi sagen, er hörte nichts. Nach zwei Stunden kam er herein, ging hier im Atelier auf und ab oder legte sich hin, studierte weiter, ging wieder hinaus und so fort. Dann skizzierte er das Bild mit ein paar Kohlestrichen, zog das Papier im Brünneli durchs Wasser und legte es auf eine Unterlage aus nassen Zeitungen, damit es lange feucht blieb. Denn er hat nicht schnell gemalt.
An der Wand gegenüber vom Fenster hat er jeweils die Werkzeichnungen für die grossen Fresken und Glasfenster gemacht, die mussten ja Originalgrösse haben. An sich hätte er dazu die Decke noch hochklappen können, aber das hätte nicht viel genützt, denn er war so klein wie ich. Als er alt wurde, habe ich ihm die Leinwände auf die Rahmen gespannt, weil ich nicht wollte, dass er sich auf Knien damit abplagen musste, und auch, weil sie bei ihm nicht mehr im Winkel waren. Da sass er jeweils auf seinem Stühlchen und guckte herüber und fragte besorgt: Sind sie auch im Winkel?
Im Atelier ist alles noch, wie es beim Tod des Vaters vor fünf Jahren war. Nicht aus Kult, sondern weil keine Notwendigkeit zu Veränderungen besteht. Als es noch grafische Blätter gab, die wir ab Atelier verkauften, kamen sehr oft Leute hierher. Mit der Zeit wurde ihm und uns das zu viel.
Die Fenster lassen ein schönes neutrales Licht herein, nicht wahr? Vom Tannenboden wollte das Büebli meines Bruders, als es noch klein war, immer die farbigen Flecken aufheben. Das Haus wurde von meinem Vater gestaltet, er bestimmte die Farben der Räume, in den Zimmern sind alle Wände farbig, in den Gängen sind sie neutral. Den Garten hingegen hat die Mutter nach ihrem Gutdünken gestaltet. Der Vater hat ihn dann einfach gebraucht. Wenn die Mutter also keinen Mohn gepflanzt hätte, gäbe es von Ferdinand Gehr keine Mohnaquarelle. Der Garten war das Spiegelbild der Aquarelle und umgekehrt.
Meine Geschwister leben ziemlich verstreut, im Südtessin, in Kanada, Andreas, der einzige Künstler von uns, und ein weiterer Bruder in Frankreich. Mich selbst nenne ich nicht Künstlerin. Wissen Sie, für Kunst muss man - das hat der Vater immer gesagt - das Leben hergeben, und ein Stück weit hatte er Recht. Mein Vater hat gemalt, bis er 99 war. Er kam bis zu seinem letzten Tag ins Atelier, und er schaffte es bis zum Schluss, die Treppe heraufzukommen. Irgendwann in seinem hundertsten Jahr verstummten die Schritte. Er lag meist nur noch auf seiner Liege, sagte, es gehe nicht mehr mit dem Studieren. Er starb in der Nacht auf den 10. Juli 1996 im Zimmer unter dem Atelier. Ich schlief schon länger im selben Raum und hörte ihn in dieser Nacht schnell atmen; ich führte es auf die Lungenentzündung zurück, die er gerade gehabt hatte. Eine Vorsehung hielt mich davon ab, Licht zu machen und nach ihm zu schauen, sonst hätte man vielleicht den Arzt geholt, noch Unruhe erzeugt. Am Morgen lag er ganz still entschlafen in seinem Bett.»