Alle neuen Ölstädte möchten ein bisschen sein wie Houston, Texas. In Astana, lange Zeit eine staubige Kleinstadt in der Steppe, seit 1997 offiziell aber die neue Hauptstadt Kasachstans, spriessen Gebäude aus Stahl und Glas aus dem Boden: das künftige, kuppelgekrönte Parlament, der neue Präsidentenpalast, Ministerien in Serie. Aus der Stadtmitte ragt wie ein Pokal ein gleissender Turm, auf der andern Seite des Flusses Gebäude, die alle in knalligem Orange gestrichen sind, und am Ende des Quais das Hochhaus Astana Tower, angeschrieben auf Englisch: «Business Centre».
Gulnara Barkajewa, Studentin und Fremdenführerin, hat uns viel zu zeigen. Sie ist 21-jährig, die Sowjetunion für sie nur noch eine ferne Erinnerung. «Astana wurde sozusagen gleichzeitig mit mir vom Kind zum Erwachsenen. Ich habe miterlebt, wie der Asphalt und das Licht in diese einst trostlose Stadt gekommen sind.» Doch sie kann auch ihre Skepsis nicht verbergen: «Unser Präsident will der ganzen Welt zeigen, dass wir dank dem Erdöl reich und mächtig geworden sind. Aber das ist Augenwischerei.»
Kasachstan ist ein riesiger Teppich im Herzen der eurasischen Ebene zwischen Ungarn und der Mongolei, als neuntgrösstes Land der Welt gross wie ganz Westeuropa – und der Schauplatz der vielleicht letzten grossen Erdölbonanza. Die Vorkommen, die hier entdeckt wurden, sollen die grössten sein, die man in den letzten 30 Jahren gefunden hat. Kasachstan, einstige Sowjetrepublik und seit 1991 unabhängig, boomt.
Geschickt sicherte sich Präsident Nursultan Nasarbajew nach seiner Wahl die Sympathien des Westens, er liebäugelt aber auch mit dem benachbarten China und Iran. Er gibt sich offen für alles: für Ideen, für Dialog und vor allem für Investoren. Nasarbajews erklärtes Ziel ist es, Kasachstan als fünftgrösste Petromacht der Welt zu etablieren. Dass er dabei seine Eigeninteressen nicht ausser Acht lässt, ist auch bekannt: Nasarbajew regiert das muslimische Land, das einen recht entspann ten Islam pflegt, mit eiserner Hand. Die Opposition wird unterdrückt, sein Clan beherrscht fast alle Wirtschaftszweige des Landes.
Die Studentin Barkajewa sagt es so: «Als ich noch ein Teenager war, hielt ich Nasarbajew für die Idealbesetzung. Er war der Vater der Nation, der grosse Kommandant. Ich respektierte ihn sehr, er hielt uns auch aus den regionalen Konflikten heraus. Ich glaubte der Propa ganda, die uns weismachte, posttotalitäre Gesellschaften brauchten einen starken Mann, damit die Freiheit und ihre Übertreibungen nicht in Chaos ausarten. Doch in letzter Zeit hat er mich enttäuscht. Er ist ein Diktator. Und dafür gibt es keine Entschuldigung.»
Zwanzig Minuten später stehen wir am Fuss der postmodernen Trutzburg Kazmunaigaz, eines sonderbaren Gebäudes, bestehend aus zwei Zylindern, die mit einem verglasten Metalltunnel in 50 Metern Höhe verbunden sind. Wir erkundigen uns nach einem Verantwortlichen, der uns die Öl- und Gasprojekte der neuen staatlichen Gesellschaft Kazmunaigaz erklärt. Ausländische Investoren geben sich hier die Klinke in die Hand, bevor sie Milliarden von Dollars in die Steppe setzen oder im Kaspischen Meer versenken.
Ruslan Bultrikov, ein energischer Dreissiger, der wie die Karikatur eines westlichen Kadermannes aussieht, ist höflich – und sehr kompliziert. «Sie verstehen, ich habe keine Erlaubnis, mit Ihnen zu sprechen. Sie verstehen, wir haben unsere Weisungen. Nun gut, ich bin heute der Einzige hier, der Englisch spricht. Die anderen würden Sie nicht verstehen, verstehen Sie. Also, fangen wir an.» Ausser dass er vor 18 Monaten noch Diplomat in Seoul war, hat uns Ruslan Bultrikov allerdings nichts zu erzählen. «Kasachstan entwickelt sich gut, wir haben Öl für 50 Jahre, doch ich bin nicht befugt, mit Ihnen darüber zu reden, Sie verstehen.»
Draussen im Gang warten nervös zwei hochgewachsene Männer in polierten Schuhen, als hätten sie nie eine Baustelle überquert, um hierherzugelangen. Es sind Amerikaner. Sie wollen sich nicht vorstellen. Doch das Dossier unter ihrem Arm verrät sie. Darauf steht der Name ihres Arbeitgebers, Baker & Botts, und der Name ihres Projekts, «Ölfeld Karatchaganak». Baker & Botts ist die Anwaltskanzlei von James Baker, dem ehemaligen Staatssekretär von George Bush senior und alten Fuchs der Öldiplomatie.
Vor dem Geschäftshaus entrollt ein Arbeitstrupp Rasen, als wär’s ein Teppich. Ist das der neue Rasen der neuen Hauptstadt? «Wenn man will, ja», sagt einer der Männer. «Wissen Sie, in Astana wächst nichts. Die Sommer sind infernalisch, die Winter eisig, und der Wind ist ein Wahnsinn. Wir müssen ständig die Bäume auswechseln, der Wind legt sie einfach um. Man muss verrückt sein, hier eine Stadt zu bauen.» Oder Nursultan Nasarbajew heissen. Die alte Hauptstadt Almaty (vormals Alma-Ata) lag für seinen Geschmack zu abgelegen, verloren im weit entfernten südöstlichen Zipfel der Steppe, ausserdem zu nahe an China. Kurzerhand beschloss er deshalb 1997, sie in das zentralere Akmola zu verlegen, das er etwas später in Astana umbenennen liess (was auf Kasachisch schlicht Hauptstadt heisst). Von hier aus, so die Überlegung des Chefs, ist das riesige Territorium besser im Griff zu haben.
Die neue Stadt hatten wir am Vortag als futuristisches Modell beim örtlichen Chefarchitekten Wladimir Laptew gesehen. «Ich bin nicht viel gereist», sagte er, «ich habe die aus dem Boden gestampften Hauptstädte nicht besucht, weder Brasilia noch Canberra. Doch ich habe viel darüber gelesen. Wir vermeiden die Fehler dieser entmenschlichten Städte, dieser Beamtenreservoirs fern dem wahren Leben. Meine Vorstellung ist Berlin in eurasischer Version. Im Jahr 2030 wird alles fertig sein, und die Stadt wird eines Tages eine Million Einwohner zählen, viermal so viel wie heute.»
Es wird Zeit, Astana zu verlassen und an das westliche Ende des Landes zu reisen. Denn in Atyrau, an den Ufern des Kaspischen Meers, bietet sich eine einmalige Gelegenheit: Eine Ölfirma öffnet uns ihre Türen und lässt uns eines der grössten Ölfelder besuchen. «Sie können sich anschauen, was Sie wollen», sagte uns am Vortag die Pressefrau von Agip in Rom am Telefon. «Es ist uns ein Vergnügen. Sie werden am Flughafen abgeholt.» Ein Chauffeur erwartet uns und bringt uns in ein Privathotel von Agip im Zentrum von Atyrau. Auf dem Weg überqueren wir den Fluss Ural, der hier in das Kaspische Meer mündet; wir überschreiten, wie zwei Schilder verkünden, die Grenze zwischen Europa und Asien (2500 Kilometer weiter westlich stehen in Istanbul die gleichen Tafeln auf beiden Seiten des Bosporus ).
Auch Atyrau ist eine kuriose Stadt. Ein heruntergekommenes, verlorenes, postsowjetisches Loch, stickig und öd. Der Ort galt lange als Synonym für Trostlosigkeit – bis die Meldung eintraf, dass hier in phantastischen Mengen Erdöl vorhanden sein muss, und der Run nach dem schwarzen Gold auf die kasachische Art begann. Hotels wurden gebaut, Niederlassungen westlicher Unternehmen eröffnet. Chevron bohrt bereits seit zehn Jahren 300 Kilometer von hier auf dem riesigen Ölfeld Tengiz. Der Konzern hat Tausende von Arbeitsplätzen für die Einheimischen geschaffen und eine Stadt in der Stadt für seine expatriierten Landsleute gebaut, ein riesiger, streng gesicherter compound, der sich TCO nennt, TengizChevrOil.
Für uns ist ein Zimmer im Hotel Chagala reserviert, einem vorfabrizierten Block, der aus Saudiarabien importiert wurde, als man ihn dort nicht mehr brauchte. Auf dem Bett liegt ein Sack mit dem aufgedruckten Agip-Logo des sechspfotigen Löwen. Der Inhalt: ein oranger Overall mit Reissverschluss, eine Schweisserbrille, ein Paar Baustellenstiefel, die vorn mit einer dicken Stahlkappe verstärkt sind, ein Helm, ein multifunktionales Rettungsgilet mit Sicherheitsgurt – unsere Ausrüstung für die Offshore-Plattform Kashagan.
In Kashagan stösst die moderne Ölindustrie an ihre Grenzen. Immens ist hier die technologische Herausforderung. Im Norden des Kaspischen Meers hat man vor einigen Jahren ein aussergewöhnlich grosses Erdölvorkommen entdeckt. 13 Milliarden Fass, der grösste Fund auf dem Planeten seit Prudhoe Bay in Alaska Anfang der 70er Jahre. Allein dieses Feld könnte genügen, um Kasachstan in die Top Ten der Erdölstaaten zu katapultieren.
Die Italiener führen das internationale Konsortium Agip KCO an, das 2008 mit der Produktion beginnen will – sofern Nasarbajew das Parlament nicht noch allzu oft die Gesetze zur Erdölförderung ändern lässt. Wie Wladimir Putin in Russland hat auch der Präsident Kasachstans längst erkannt, dass das Öl für sein Land von enormer strategischer Bedeutung ist; der Stoff ist zu wertvoll, als dass man seine Ausbeutung allein den ausländischen Giganten überlassen möchte.
Zu den politischen und juristischen Tücken kommen technische und geologische Risiken. Die Förderung in Kashagan erfolgt offshore – also im Meer. Im Unterschied zu den Bohrstellen im Golf von Guinea oder im Golf von Mexiko etwa ist das Wasser seicht, bloss zwischen zwei und zehn Meter tief. Im Winter gefriert es zu Packeis, das die Arbeiten über Monate verhindert. Im Sommer drängen entfesselte Winde die Fluten oft innert Stunden so stark in den Fluss zurück, dass man trockenen Fusses um die Plattformen gehen kann. Doch wehe, der Wind fällt in sich zusammen: dann ergiesst sich eine Flutwelle in die entgegengesetzte Richtung.
Gefährlich sind auch die bei der Förderung austretenden Gase. Das Rohöl des nördlichen Kaspischen Meers ist zwar von sehr guter Qualität, jedoch von Schwefel-wasserstoff gesättigt. Es gilt daher, das austretende Gas aufzuspüren, bevor es die Arbeiter auf der Plattform für immer einschläfert. Das Gas ist hier unterirdisch eingeschlossen in Taschen und steht unter einem ungeheuren Druck, was eine fast chirurgisch genaue Bohrung notwendig macht, damit die Rohre nicht mit voller Wucht zurückgeschleudert werden. «Das ist eine permanente Herausforderung, die den Einsatz modernster Technik braucht. Aber genau das stachelt uns an», sagt der Brite Neil Booth, operationeller Vizedirektor von Agip KCO in Atyrau. Der Mann ist von früheren Einsätzen in der Nordsee abgehärtet, einer anderen Extremzone der Ölförderung. In Kasachstan trifft er dennoch immer wieder neue Probleme an. «Die kasachische Regierung hat uns ein sehr präzises Pflichtenheft in Sachen Umweltschutz auferlegt», sagt er. «Der kleinste Tropfen Rohöl ins Kaspische Meer, und es setzt saftige Bussen ab.»
Wir fliegen seit zwanzig Minuten im Helikopter, einer brandneuen Sikorsky-76, über die Sümpfe. Der Mitpassagier zur Linken, eine gutmütige Bulldogge aus Missouri, ist zum ersten Mal hier; vor sechs Monaten schwitzte er noch auf einer Plattform in Nigeria. Der Russe zur Rechten kennt die Gegend schon und ist eingeschlafen. Wir fliegen in Richtung der neusten der zehn Forschungsplattformen, die in den vergangenen Monaten ins Wasser gesetzt wurden. Die Hitze lässt mächtige Verdunstungswolken aufsteigen. Endlich kommen wir in Aktote an, rund 100 Kilometer von Atyrau entfernt. Wenige Wochen vor unserem Besuch hat die Bohrung hier begonnen. «Wir sind in 300 Metern Tiefe und haben noch rund zwei Monate, um bis 3000 Meter vorzustossen», erklärt der Texaner Curtis, der von einem Schaltpult aus den Bohrkopf steuert. Er stammt aus der texanischen Stadt Midland, wo auch George W. Bush aufwuchs. Ins Rohöl ist Curtis sozusagen bereits als Kind gefallen. Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Ehefrau, alle waren oder sind im Ölgeschäft tätig. «Das ist cool, oder?» schreit er, als der Bohrkopf seine Erforschung der klebrigen Eingeweide der Erde aufnimmt.
Auch der Turiner, der uns begleitet, steckt in einem orangen Overall; er trägt den Helm, als wär’s ein Panamahut. Wir hingegen sehen lächerlich aus in unserem Outfit, Agip machte seine Sache zu gut: Unsere Overalls sind neu, makellos sauber und gebügelt. Der Kontrast zu den rauhen, eine Druckpumpe demontierenden Muskelprotzen ist frappant. Unser Führer schaut auf die Uhr, streicht seinen Schnauz und sagt: «Wir müssen zu einer andern Plattform, der Hovercraft legt gleich los.» Das Luftkissenfahrzeug fliegt 15 Zentimeter über dem Wasser. Der Pilot ist Québécois. Bevor er im Kaspischen Meer ein Boot steuerte, arbeitete er auf dem Sankt-Lorenz-Strom. Die Plattform Kairan ähnelt der vorigen, ist jedoch einiges kleiner.
Soeben ist der Bohrturm fertig installiert worden. Ein neues Loch wird gebohrt, der Bohrer frisst sich in den Boden – und schon bald spritzt Rohöl heraus. Es spritzt immer in Kashagan. Überall. Munter sprudelnde Quellen wie hier haben die Ölsucher schon lange nicht mehr gesehen. Und auch wenn die Förderkosten im Kaspischen Meer enorm hoch sind, ist das Geschäft vielversprechend. Jetzt erst recht, da der Preis für ein Fass Rohöl über der Grenze von 40 Dollar tanzt.
Am Abend gehen wir ins «La Cabana», Lieblingsnachtclub der einsamen Ölmänner in Atyrau. Ein Ort, wie er fast überall zu finden ist, wo nach Öl gesucht wird. An den Wänden hängen die Fahnen Schottlands und Südafrikas, es leuchten Neonschriften für irische und australische Biere, es gibt Technomusik, Plasticpalmen und zur Vorspeise Tex-Mex-Häppchen. Natürlich sind auch Scharen von bezirzenden kasachischen Wesen da – wo das Ölgeschäft, da ist auch die Prostitution.
Die kasachischen Erdölvorkommen werden auf rund 9 Milliarden Barrel geschätzt. Das ist zwar erheblich weniger als ursprünglich vermutet, aber immer noch ein sehr stattliches Volumen. Bereits heute fliessen aus dem Erdölgeschäft jährlich Milliarden von Dollar in die kasachische Staatskasse. Wie viele es genau sind, weiss allerdings niemand genau. Selbst Tulegen Askarow, dem Vertreter von Transparency International in der ehemaligen Hauptstadt Almaty, ist es bis heute nicht gelungen, die rätselhafte Ölrechnung des Landes zu lösen, wo seit der Unabhängigkeit 20 Milliarden Dollar in die Ölindus trie investiert worden sind.
«Wir haben 2002 fast eine Million Barrel pro Tag gefördert, also 360 Millionen im Jahr. Zum Kurs von durchschnittlich 25 Dollar pro Fass ergibt das rund 9 Milliarden Einnahmen. Davon schöpfen die ausländischen Gesellschaften ihren Anteil ab – zwischen 50 und 60 Prozent, je nach Vertrag mit der Regierung – und liefern wiederum Steuern und andere Abgaben ab. Man kann es drehen und wenden, wie man will: etwas stimmt hier nicht. Es fehlt mindestens eine Milliarde. Das Problem ist, dass die Staatsholding Kazmunaigaz nicht verpflichtet ist, ihre Konten offenzulegen.»
Schwarzes Gold oder schwarzes Loch? Tulegen Askarow erinnert an die Affäre «Kazakhgate», an deren Untersuchung auch die Schweizer und die amerikanische Justiz beteiligt waren. Schon damals verflüchtigte sich eine Milliarde Dollar, als Kasachstan eine Beteiligung am Ölfeld Tengiz an Chevron verkaufte. Ein Teil des Gelds wurde später auf Schweizer Bankkonten gefunden, ein anderer Teil diente offenbar dazu, eine Reihe Mittelsmänner zu schmieren, unter ihnen den von einem New Yorker Gericht verurteilten amerikanischen Geschäftsmann James Giffen, Ex-Berater im Dunstkreis des Präsidenten Nasarbajew. Im Verlauf der Untersuchungen litt auch das Ansehen des kasachischen Autokraten. Die fehlende Milliarde gestohlen? «Auf keinen Fall», antwortete der Präsident, «das ist eine Reserve, deponiert an einem sicheren Ort für die kommenden Generationen.»
Werden in Kasachstan undurchsichtige Geschäfte gemacht? «Es gibt Schlimmeres in der Region. Turkmenistan etwa ist reich an Gasvorkommen, doch niemand will dort investieren», relativiert ein Ölfachmann in Atyrau. Anders tönt es bei Nichtregierungsorganisationen. Im jüngsten Bericht der Londoner Organisation Global Witness, die die Korruption in den Erdölförderländern unter die Lupe nimmt, figuriert Kasachstan gleichauf mit Sudan und Angola. Eine Einschätzung, die die Konzernchefs und Politiker kaum beeindruckt. Denn das kaspische Öl ist kostbar, und was sie neben der Förderung interessiert, ist allein, wie man es möglichst schnell und sicher auf den Weltmarkt bringt.
Kasachstan ist bestens mit dem von Russland kontrollierten Pipelinenetz verbunden, möchte sich allerdings von dieser Abhängigkeit lösen – obwohl seine erste grosse strategische Entscheidung nach der Unabhängigkeit darin bestand, eine neue Erdölleitung zwi schen den Feldern von Tengiz und dem russischen Hafen Novorossisk am Schwarzen Meer zu bauen. Im Herbst 2001 wurde die CPC (Caspian Pipeline Consortium) eingeweiht; sie führt um das Kaspische Meerbecken im Norden und zieht westwärts Richtung Astrachan und den Nordkaukasus. Die Route illustriert die neue Energieallianz zwischen Washington und Moskau. Wegen der stark wachsenden Erdölförderung in der Region wird ihre Kapazität jedoch bald erschöpft sein. Zwar gibt es noch die alte Pipeline, die von Atyrau gegen Samara Richtung Wolga führt, um auf das Netz von Transneft zu treffen; aber sie ist ein reiner Notbehelf.
Wegen der beschränkten Kapazität und weil man nach alternativen Routen sucht, verfolgt man auch in Kasachstan mit grossem Interesse das jahrelange Seilziehen um die Pipeline Baku–Tbilissi–Ceyhan (BTC). Im Frühling 2005 wird das Öl aus Aserbeidschan über Georgien und die Türkei in den Westen fliessen. «Sie werden nicht genügend aserbeidschanisches Öl haben, um die Pipeline zu füllen», meint ein Spezialist in Astana. «Deshalb werden sie sich sehr glücklich schätzen, auch unseres zu transportieren.» David Woodward, der in Aserbeidschan den Bau der BTC leitet, widerspricht: «Wir haben genügend Öl. Es wird keinen Platz haben für andere in den nächsten 15 Jahren.»
Der grosse Poker um die Förderrechte des kasachischen Öls ist mehr oder weniger entschieden. Jetzt geht es darum, wohin das Öl gelangen soll. Auch die Chinesen und die Iraner machen Nasarbajew beharrlich den Hof, und der Präsident weiss dies zu nutzen, um das «euro-asiatische Gleichgewicht» zu pflegen, das ihm so sehr am Herzen liegt. Das ganze Rohöl in den Westen zu exportieren, kommt für ihn nicht in Frage, ebenso weigert er sich, sich dem Willen Russlands unterzuordnen, das die Hoffnung auf eine Kontrolle der Energieströme der ganzen Region noch nicht aufgegeben hat. Kasachstan will seine Exporte diversifizieren. Im vergangenen Mai hat die Regierung einen Vertrag mit China unterzeichnet, der den Bau einer Pipeline in das immer mehr nach Erdöl dürstende Reich der Mitte vorsieht. Kosten des Projekts: 840 Millionen Dollar, die zum grossen Teil von Peking bezahlt werden. Die Arbeiten beginnen in einigen Wochen.
Daneben geistert noch immer die alte Idee herum, eine Röhre gegen Süden hin zu legen, durch Iran Richtung Persischen Golf. «Das wäre viel besser als die BTC, besser als China, besser als Russland», sagte Präsident Nasarbajew in einem Interview der «Financial Times» im Mai dieses Jahres. Vor allem aber wäre es eine grosse Provokation für die Amerikaner. Prompt erinnerte das Weisse Haus Nasarbajew wieder einmal daran, dass es Iran nach wie vor zur «Achse des Bösen» zählt.
Serge Enderlin ist Auslandchef der Genfer Tageszeitung «Le Temps» und Co-Autor von «Un monde de brut – sur les routes de l’or noir» (Editions du Seuil, 2003).
Übersetzung: Beat Felber, Presseatelier Biel.